From Panels With Love #4: Kopf in den Wolken

Erst verlegt man die Brille, dann vergisst man die Handtasche und irgendwann das ganze Leben. Alzheimer, Demenz. Eine Krankheit, die immer mehr Menschen betrifft. Doch es sind immer „die anderen“ und dann auf einmal, ganz plötzlich die eigenen Verwandten. Demenz ist ein gesellschaftliches und familiäres Thema, das auch im kulturellen und poetischen Bereich behandelt wird. Vielleicht stellt dieser Umgang einen Versuch dar, die unfassbare Krankheit greifbar zu machen. Paco Roca hat sich mit seiner Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ diesem Sujet gewidmet.

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Familienfotos, die aus dem Kopf fliegen, leere Seiten, die vor einer Person liegen, Watte im Kopf, ratlose Gesichter, verschwundene Erlebnisse. Es mag unzählige Bilder und Vergleiche geben, die auf Alzheimer und Demenz, auf den Verlust von Gedächtnis und Erinnerung hinweisen. Pablo Roca ist es mit seiner Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ gelungen, auf einfühlsame und gleichwohl komische Weise die Demenzgeschichte von Emilio und seinen Leidensgenoss*innen zu erzählen. Der spanische Zeichner und Maler, der das gleichnamige Drehbuch für die Verfilmung von „Kopf in den Wolken“ verantwortete, gehört zu Spaniens erfolgreichsten Comiczeichnern.
Seine Graphic Novel schildert Emilios Einzug in ein Altersheim, nachdem seine Angehörigen sich davon überzeugt haben, dass dies die beste Entscheidung ist, denn Emilio wird immer vergesslicher. Er taucht immer wieder in alte, für ihn prägende Zeiten ab und verschwindet aus der Realität.

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Bei seinem Einzug ins Altersheim lernt Emilio den Kleinkriminellen Miguel kennen, der ihn in die Heimwelt einführt und ihm die Bewohner vorstellt. Das sind zum Beispiel Señora Rosario, die seit Jahren glaubt, im Orientexpress nach Istanbul zu reisen sowie das Ehepaar Dolores und Modesto, die allesamt zu Emilios engsten Freunden in der neuen Wohnsituation werden. In all diesen Figuren lassen sich die Symptome einer Demenz-bzw. Alzheimererkrankung erkennen. Etwa Miguels Drang nach Diebstahl, da er die anderen Bewohner immer um Dinge bestiehlt oder sie zu teuren Einkäufen bei ihm überredet oder eine ältere Dame, die die ganze Zeit nach ihren Eltern sucht.

Beim Betrachten und Lesen von „Kopf in den Wolken“ fällt außerdem auf, dass Roca sich nicht einfach hingesetzt und an dieser Geschichte gearbeitet, sondern sich auch gezielt mit dem Thema auseinander gesetzt hat. Die Symptome, die die Alzheimer/Demenz-Patient*innen zeigen, sind logisch und tatsachengetreu dargestellt. Besonders einprägsam sind vor allem die Bilder, die die Figuren jung und agil, in den für sie wesentlichen Erlebnissen ihrer Vergangenheit zeigen und dann gleichzeitig ihre Gegenwart schildern. Dadurch werden heutige Eigenarten oder individuelle Merkmale in der Demenzerkrankung klar. Der ehemalige Bänker Emilio will immer alles ordentlich haben, Señora Rosario sitzt immer noch im Orientexpress, weil es eine für sie einprägsame Reise war, Dolores nennt ihren Ehemann Modesto immer noch „Schummler“, weil sie das schon als Kind tat. Das sind nur einige Beispiele.

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Pablo Roca hat allerdings keine Graphic Novel geschaffen, die die Krankheit und das Altern als ausweglos auffasst, sondern zeigt, wie sich die alten Leute zusammenschließen und sogar einen gemeinsamen Fluchtversuch wagen. Die Freundschaft zwischen Emilio und Miguel wächst, hält bis zum Ende, als Emilio sich immer mehr seiner Krankheit ergeben muss.

Zeichnerisch ist „Kopf in den Wolken“ in sehr herbstlichen, schönen Farben gehalten. Roca zeichnet seine Figuren mit Hingabe und charakteristischen Zügen. Als zum Ende hin Emilios Erinnerungen immer mehr schwinden, werden weiße Seiten und weiße Gesichter als Leerstellen eingesetzt.

Pablo Roca zeigt, dass seine Figuren zwar den Kopf wortwörtlich in den Wolken haben, die Erinnerung aber immer noch im Herzen tragen.

*Pablo Roca wurde 1969 in Valencia geboren und arbeitete nach seinem Kunststudium zunächst in der Werbung, erst später dann als Comiczeichner. “Kopf in den Wolken” wurde 2008 vom spanischen Kulturministerium mit dem Nationalen Comic-Preis bedacht. Die Verfilmung des Stoffes, für die Paco Roca selbst das Drehbuch verfasste, ist mehrfach preisgekrönt. Seine Graphic Novels sind bei reprodukt erschienen.

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Ann-Kathrin Canjé

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Litaffin. Musikaffin. Theateraffin. Tanzaffin. Medienaffin. Schreibaffin. Fernwehaffin. Zitataffin.
"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
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