Hämorrhoiden für den Weltfrieden: Warum Lyrik geil ist

Lyrik ist etwas Wunderbares! Mit dieser Meinung stehe ich manchmal ganz schön alleine da. Auch unter Literaturwissenschaftlern höre ich immer wieder: „Gedichte sind ehrlich gesagt nicht so mein Ding, da hab ich keinen Zugang zu“.

Irgendwie auch kein Wunder. Da lernt man in der Schule hinter Versenden a-b-b-a zu schreiben. Kreuzchen und Häkchen über betonte und unbetonte Silben zu machen. Eine Anapher von einer Alliteration zu unterscheiden. Aber niemand sagt einem, dass das Lesen von Gedichten verstörend und aufregend sein kann, lustig und unterhaltsam, mitunter tröstend und heilsam.

Fünf Schlüssel, die das Tor zur Lyrik öffnen…

Ich glaube eigentlich, dass jeder, der irgendwie Sprache und Musik mag, auch etwas mit Gedichten anfangen kann. Weil man den Rhythmus eines Gedichts auch ohne Silbenzählen fühlen kann. Weil der Reim ein absolutes Wunder ist, bringt er doch zwei Wörter mit völlig unterschiedlichem Sinngehalt ganz nah zusammen. Weil Poesie Selbsterfahrung ist und zu Gedanken führt, die man so noch nie gedacht hat.

Deshalb hier meine fünf besten Tipps, Zugang zu Gedichten zu finden:

1. Youtube-Videos kucken

Youtube ist das am meisten unterschätzte Medium, was Literatur angeht. Zwischen Hawaii-Toast-Songs und Vollassi-Toni-Videos liegen wahre Poesieperlen verborgen. Einsteigern empfehle ich Texte wie Nora Gomringers „Du baust“ oder Bas Böttchers „Babylon 2.8“: zwei professionell gemachte Poetry-Clips von Autoren, die es drauf haben! Wer erst einmal mit den Klassikern anfangen möchte, ist bei den unzähligen audiovisuellen Umsetzungen von Goethes „Erlkönig“ gut aufgehoben, mögenswert ist zum Beispiel diese Abschlussarbeit eines Grafikdesigners. Ein bisschen mehr nach Dada schmeckt der Videoremix zum Gedicht „An Anna Blume“ von Kurt Schwitters, wunderbar ist auch die liebevoll animierte Version von Ernst Jandls  „Ottos Mops“. Und dann noch etwas für alle, die ihre ersten Berührungsängste überwunden haben: ein „Lautgedicht“ von Gerhard Rühm.

2. Ein Reimlexikon lesen

Zum Beispiel den „Steputat“, das Standardwerk unter den Reimlexika. Einfach wild darin rumblättern und nach den interessantesten, gleich klingenden Wörtern suchen. Weil es sich irgendwie besser lebt, wenn man weiß, dass sich „Weltfrieden“ auf „Hämorrhoiden“ reimen lässt, oder „Camembert“ auf „Geschlechtsverkehr“. Von Reimgeneratoren im Netz rate ich übrigens hab, die orientieren sich zumeist an der Schreibweise und nicht wie der „Steputat“ an der Aussprache.

3. Ein Anagramm schreiben

Anagramme sind etwas ebenso spielerisch Inspirierendes wie Sinnfreies. Ist es nicht einfach herrlich, dass durch wildes Schütteln der Buchstaben aus „Angie Merkel“ „ekliger Name“ wird? Oder aus „Koalitionsvertrag“ „Ratlosigkeit voran“? Die Kunst des Annagramm-Schreibens hat übrigens die Autorin Unica Zürn auf die Spitze getrieben,  ihre Annagramm-Gedichte beginnen mit einer meist zufällig ausgewählten Zeile, Vers für Vers werden die Buchstaben neu geordnet. Irre!

4. Ein Gedicht aus einer Fremdsprache ins Deutsche übersetzen (oder umgekehrt)

Beim Übersetzen bekommt man ein besonders gutes Gefühl dafür, wie ein Gedicht funktioniert. Am besten erst einmal wortwörtlich übersetzen, dann alle Bilder und Metaphern prüfen: Gibt es Entsprechungen in der anderen Sprache? Auch den Klang eines Gedichts kann man in der Übersetzung nachahmen, an die Grenzen des Machbaren kommt man spätestens bei Metrum und Reim. Wer einen praktischen Einblick in die Probleme des Übersetzens von Lyrik bekommen möchte, dem lege ich einen Essay Reiner Kunzes ans Herz: „Dasselbe, das ein anderes ist. Über das Nachdichten“, enthalten im Gedichtband „Wo wir zu Hause das Salz haben. Nachdichtungen“.

5. Das Poesiefestival Berlin feiern

Das größte Lyrikfest Europas beginnt am Freitag und dauert neun Tage. Eröffnet wird das Festival mit der „Nacht der Poesie“: Neun internationale Poeten tragen Texte in ihrer Muttersprache vor. Schlusspunkt des Festivals am 12. Juni  ist die szenische Umsetzung des Langpoems „Dunckler Enthusiasmo“ von Pier Paolo Passolini.  Dazwischen liegen unzählige Veranstaltungen mit Musik und Klang, Film und Tanz, Diskussion und Lesung. Schwerpunkt ist in diesem Jahr übrigens der Mittelmeerraum, zu Gast sind Dichterinnen und Dichter u.a. aus Griechenland, Marokko, Algerien, Italien, Zypern, Spanien, Tunesien und Israel. Einen kleinen Vorgeschmack gibt schon mal die Dokumentation des letzten Jahres:

Foto: cc wilhei55 (flickr.com)

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Franziska Schramm

Jahrgang 1985, Studium der Kommunikationswissenschaft und der Literaturwissenschaft (B.A.), seit 2009 Studium der Angewandten Literaturwissenschaft (M.A.).

6 Gedanken zu „Hämorrhoiden für den Weltfrieden: Warum Lyrik geil ist

  • 1. Juni 2010 um 14:59
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    Danke für diese Lyrik-Apologie mit schrägem Titel! Mehr davon!

    Beim Poesiefestival werden am 9. Juni um 22 Uhr noch mehr Poetryclips gezeigt -- aber warum haben sie in ihrem Werbe-Clip nicht die Dichter per Untertitel mit Namen genannt?

    Mir gefällt im übrigen dieser Clip, der die Geduld des Lesers wirklich fast meditativ beansprucht (mit Musik von Abdullah Ibrahim, einem genialen südafrikanischen Jazzpianisten): http://www.youtube.com/user/brunnenstrasseprod#p/u/5/1A8Pu71_UNg

    Und wer selbst noch Poetryclips machen will, kann das bis zum 14. Juni tun und am Zebra Poetry Film Award 2010 teilnehmen: http://www.literaturwerkstatt.org/index.php?id=726&L=0

  • 1. Juni 2010 um 19:42
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    Oh wie schön! Endlich ein toller Beitrag zum vernachlässigten Stiefkind der Literatur, der lieben Lyrik!
    Ich persönlich bin beim Lyriklesen ja sehr selektiv und meistens eher in der englischsprachigen Dichtung unterwegs, aber mit dem Hämorrhoiden für den Weltfriedenreim (und den schönen Videos) kann man mich dann eventuell doch eines Besseren belehren.
    Glücklicherweise konnte ich meine Liebe zur Lyrik über den Deutschunterricht hinwegretten; ich muss aber gestehen: Legt man mir ein Din A4 Papier mit nem ausgedruckten Gedicht vor die Nase dann greif ich zuallererst zum Stift und mach brav meine Reimschemakreuzchen, meine Betonungsakzente und schreib abbacddc…
    Ich kann mir nicht helfen -- es ist einfach stärker als ich!

  • 2. Juni 2010 um 00:38
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    Vielen lieben Dank für diesen inspirierenden und wunderschönen Beitrag!

    Am reizvollsten ist für mich immernoch das Entdecken der Sprache und das Spielen mit Bedeutungen und Klängen.
    Ich gestehe das Reimlexikon kannte ich noch nicht, aber ich kanns kaum erwarten, darin zu blättern.

    Zum Übersetzen: Auf der Buchmesse war ich bei einer deutsch-russischen Poesie Lesung mit in die andere Sprache übersetzten Texten. Ich fand es superspannend diese Wechselwirkungen mitzuerleben und ein ganz neues Gefühl für das Russische zu bekommen (das ja doch meistens wie frisch aus Mafiafilmen klingt) -- es ist entgegen aller Erwartungen eine doch sehr lyrische Sprache :)

    Und nochmal, weils so schön war: ein ganz herzliches Dankeschön an dich!

  • 11. Juni 2010 um 16:39
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    KUCKEN kannst Du selbst, wo Du bleibst. Es heißt „schauen“ oder „sehen“

    Antwort von Franziska am 11. Jun 2010 um 16:55

    Da hol mich doch der Schauschau! :-)

  • 12. Juni 2010 um 01:29
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    GUCKEN fetzt natürlich auch…:-)
    Dafür sind die Gefäßpolster einwandfrei!

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