HAM.LIT 2017

Im vergangenen Jahr habe ich bereits (mehr schlecht als recht) mit einer kleinen Fotoreihe von der Hamburger langen Nacht der Literatur berichtet. Veranstaltet wird diese von Autorin Lucy Fricke und Verleger Daniel Beskos. In diesem Jahr versammelte die HAM.LIT zum achten Mal eine bunte Mischung der Gegenwartsliteratur und sorgsam ausgewählter Musik. Einige der Autor*innen konnte ich für Litaffin vor den Lesungen abfangen.

Übel und Gefährlich, dunkel und kalt war der Bunker, der auch in diesem Jahr wieder als Spielort der HAM.LIT fungierte. An die Wände war das Abendprogramm projiziert, das musikalisch von Marcel Gein, Dear Reader und Lilly Among Clouds begleitet wurde. Literarisch hatte es der Abend in sich, denn er versammelte hoch gelobte und nominierte Romane aus dem letzten Jahr (Thomas Melle, Philipp Winkler) sowie sieben Premieren (Alina Herbing, Stefan Beuse, Andreas Stichmann u.v.m). Vermutlich einer der Gründe dafür, dass die Veranstaltung so schnell ausverkauft war. Bevor also das lesefreudige Publikum in den Ballsall, das Turmzimmer und dem Terrace Hill einströmte, konnte ich sechs Autor*innen abfangen, um ihnen ein paar kurze, und doch große Fragen zu stellen. Was bedeutet ihnen Literatur? Wie würden sie ihre/n Lyrik/Roman in nur drei Schlagworten definieren?

Was in der kürze der Zeit dabei herausgekommen ist, könnt ihr nun lesen. Eins sei vorweggenommen: Alle Lesungen waren unglaublich hörenswert und versprechen, dass die Romane und Lyrikbände ebenso lesenswert sind.

Das gesamte Programm mit allen Autor*innen der HAM.LIT 2017 könnt ihr hier anschauen.

Nun viel Freude mit den Kurzinterviews.

Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern, Arche Verlag, Hamburg 2017

©GORDON Photography
Alina Herbing liest aus „Niemand ist bei den Kälbern“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?
Unwahrscheinlich viel, weil es eine riesige Bedeutung für mein Leben hat, weil es das ist, was ich machen möchte, was mir unglaublich viel Freude bereitet, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben und ich mir für mein Leben nichts anderes vorstellen kann.

Was kann Literatur in Deinen Augen bewirken? Kann sie etwas bewirken?

Ja, na klar. Ich glaube durch Literatur hat man die Möglichkeit, mit dem Kopf in ganz verschiedene Welten zu reisen, Menschen und Orte kennenzulernen, die man sonst im ganzen Leben nie erfahren oder kennenlernen könnte.

Warum ist Literaturförderung aus Deiner Sicht besonders wichtig?

Es ist natürlich schwierig für viele Autor*innen überhaupt zum Schreiben zu kommen, wenn sie nicht mit so viel Geld als Lebensgrundlage ausgestattet sind, dass sie nicht arbeiten müssen. Deshalb ist es einfach wichtig, einzelne Autor*innen, aber auch andere Akteure des Literaturbetriebs zu fördern und damit mehr Vielfalt in der Literatur zu ermöglichen.

Dein Roman in 3 Schlagworten.

Das geht auf keinen Fall. Ich habe 250 Seiten dafür gebraucht, deswegen kann ich es nicht in 3 Schlagworten sagen.

Kannst Du ihn kurz umreißen?

Mein Roman spielt in einem winzigen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern und in den Dörfern drumherum. Er ist aus der Perspektive einer jungen Frau geschildert, die nicht besonders viele Möglichkeiten hat, bei ihrem Freund auf einem Milchviehbetrieb lebt, nicht besonders glücklich ist und dort raus möchte, es sich aber nicht so richtig eingestehen kann.

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Darauf, ganz viele Leute wiederzusehen und zum ersten Mal mit meinem Buch in der Hand auf der Bühne zu sitzen und daraus vorzulesen.

 

Philipp Winkler, Hool, Aufbau Verlag, Berlin 2016

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Philipp Winkler liest aus „Hool“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?

Ach du Scheiße. Das kann ich nicht einmal beantworten. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das für mich beantworten will. Ich finde es spannend, wenn das eine Nullstelle bleibt.

Was kann Literatur bewirken?

Literatur kann etwas und viel bewirken. Es ist schwer, das zu fassen. Das müsste eigentlich jedem klar sein, was Literatur bewirken kann. Sei es eine Agenda durchzudrücken und eine Message zu transportieren, die man aus irgendeinem Grund eben in einem non-fiktionalen Text nicht hinaustragen kann oder möchte. Ich sage nicht, dass ich das gut finde, wenn man eine Agenda mit einem fiktiven Text durchdrücken möchte, aber es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit. Ich finde, es ist eine wichtige Sache, Lebenswelten Leuten näherzubringen, die sie sonst nie kennenlernen würden.

Warum ist Literaturförderung wichtig?

Literaturförderung ist wichtig, weil sonst ganz faktisch nur wenige davon leben könnten. Weil die Zeiten sich so sehr geändert haben, dass man, wenn man wirklich nur Literatur oder Kunst machen würde, nicht überleben könnte. Das geht halt einfach nicht und dafür braucht es Förderung und eigentlich noch mehr davon.

Dein Roman in 3 Schlagworten.

Nee. Ich bin sowieso ganz schlecht beim Zusammenfassen meiner eigenen Sachen, aber ich glaube drei Wörter werden dem auch nicht gerecht. Nicht nur meinem Roman, sondern generell sind drei Wörter nicht genug.

Es ist eine wichtige Sache, Lebenswelten Leuten näherzubringen, die sie sonst nie kennenlernen würden.

Kannst Du ihn denn kurz umreißen?

In „Hool“ geht es um Heiko, Mittzwanziger. Er ist Hooligan bei Hannover 96. Das Buch erzählt seine Geschichte aus Heikos Sicht. In Szenen seiner Vergangenheit geht es um Erlebnisse, Freundschaften, Familie. Um das, was ihn antreibt, ihm irgendetwas gibt in seinem Leben. Heiko kommt aus, wie die meisten es bezeichnen würden, „schwierigen Verhältnissen“. Mein Roman erzählt einfach die Geschichte von einem Menschen mitten in Deutschland. Es ist schon eine sehr deutsche Geschichte, die wie gesagt vor allem von Freundschaft erzählt, aber auch von Hoffnung, von enttäuschter Hoffnung und wie man damit umgeht, von Verlust und wie man mit diesem umgeht.

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Ich freue mich heute Abend drauf, wenn ich mit dem Lesen durch bin.

 

Stefan Beuse, Das Buch der Wunder, mairisch Verlag, Hamburg 2017

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Stefan Beuse liest aus „Das Buch der Wunder“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?

Literatur kann Lebens- und Seelenretter sein, einen in andere Welten entführen – was überhaupt nichts mit Realitätsflucht zu tun hat. Ich finde eher, dass Literatur im Gegenteil die Gegenwart aufschließen, erklären und helfen kann, besser mit ihr umzugehen.

Was kann Literatur in Deinen Augen bewirken? Kann sie überhaupt etwas bewirken?

Bewirken im politischen Sinn? Wenn man Politik wörtlich nimmt, kann man ja gar nicht unpolitisch schreiben, weil „Politik“ die Sache der Menschen ist, und klar will ich Menschen erreichen und bestärken und ihnen vielleicht die richtigen Fragen stellen. Was ich nicht will, ist: Antworten geben. Das finde ich vermessen, ich mag Literatur nicht, die glaubt, Antworten zu haben. Die Antwort ist in dir, was du brauchst, ist die passende Frage dazu.

Ist es denn in  in diesem sehr besonderen, politischen Jahr 2017 dann gerade wichtig zu schreiben?

Ich finde es immer gleich wichtig zu schreiben. Und was das politische Jahr angeht: Ich glaube, unsere Generation dachte immer: „Ach, es wird schon irgendwie alles laufen und die da oben werden es richten und keine dummen und total durchgedrehten Sachen veranstalten nach allem, was uns die Geschichte gelehrt hat.“ Ganz ehrlich: Was gerade auf allen Ebenen passiert, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten. Ich sehe aber die Chance, dass wir uns über den aktuellen Entwicklungen ganz neu finden, ganz neu denken lernen. Und klar kann und wird Literatur diesen Transformationsprozess begleiten, bestärken und fördern, das Wort hatte schon immer die Kraft, Revolutionen auszulösen.

Literatur kann Lebens- und Seelenretter sein, einen in andere Welten entführen.

Und warum ist Literaturförderung wichtig. Ist sie das überhaupt?

Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Natürlich entstehen dadurch auch belanglose Bücher von Leuten, die nichts zu sagen haben. Andererseits habe ich Literaturförderung damals händeringend gebraucht und bekommen, und wenn nur einem einzigen wichtigen Buch dadurch geholfen wird, bin ich sehr für Literaturförderung.

Dein Roman in 3 Schlagworten.

Kann ich auch zwei Sätze sagen? Es geht, glaube ich, um die Frage, wie weit man sich von seiner wahren Bestimmung oder von seinem wahren Wesen entfernen kann, ohne sich an sich selbst zu versündigen. Insgesamt ist es die große Frage nach Identität, nach „Wer bin ich wirklich?“ und: „Was ist eigentlich Wirklichkeit, wie viele Wirklichkeiten gibt es und sind die Wirklichkeiten, die wir zum Beispiel als Traum oder Phantasie kennen, weniger real, nur weil wir sie nicht anfassen können?“

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Ich bin wahnsinnig froh, dass „Das Buch der Wunder“ endlich da ist. Vor ein paar Tagen erst habe ich das erste Exemplar bekommen und letztens noch drei Umzugskisten voll mit alten Fassungen weggeschmissen. Es hat 8 Jahre gedauert, das Buch zu schreiben und ich wundere mich immer noch, wie leicht es jetzt ist, obwohl alles darin steckt, was ich zu sagen und zu geben hatte. Insofern bin ich aufgeregt, das Ganze jetzt einem so großen Publikum noch vor dem Erscheinen am 1. März vorstellen zu dürfen.

 

Maren Kames, Halb Taube Halb Pfau, Secession Verlag, Zürich 2016

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Maren Kames liest aus „Halb Taube Halb Pfau“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?

Schirm, Scharmützel und Melone.

Kann Literatur etwas bewirken?
Ja. Klaro. Definitv. Und zwar alles Mögliche. Zum Beispiel, dass sie einen auf andere Gleise bringt.

Warum ist Literaturförderung in diesem, scheinbar sehr bedeutsamen politischen Jahr, wichtig?Wenn Du explizit nach dem politischen Jahr fragst, würde ich sagen, dass ich es davon nicht abhängig machen würde, weil ich Literatur eigentlich schon immer eine Art Seismographen-Funktion zuschreibe. Das muss gar nicht explizit politische Literatur sein. Ich glaube, die Effekte von Literatur können auch politisch sein, wenn die Themen und die Texte das nicht explizit machen. Literatur ist sau langsam und braucht Vorlaufzeit und Ruhe. Diese meistens verschobene Reaktionszeit muss man sozusagen mit einkalkulieren. Die Förderung von aktuellen Umständen abhängig zu machen, hat da wenig Sinn. Die, die sie machen, brauchen sowas wie einen Freiraum, der es ihnen überhaupt erst ermöglicht, etwas zu machen, das Anstöße gibt, egal ob das explizit politische sind oder andere Denkanstöße. Und dazu gehört die finanzielle Absicherung eben auch. Dass etwas anderes, ein anderer Blick oder Zugang und am Ende eben Text entstehen kann, der in der Lage ist, einem den Kopf irgendwie zu öffnen, ist vielleicht noch mehr auf Gelder angewiesen, die der unmittelbare Literaturmarkt, das Verlagswesen, nicht alleine stemmen kann. Bei mir würde es ohne Literaturförderung nicht funktionieren.

Deine Lyrik in 3 Schlagworten.

Launisch. Sound. Brauche ich drei?

Stimmung. Einmal im klanglich-musikalischen Sinn und Stimmung einmal im Sinn von Launenhaftigkeit und….Nee. Ich will etwas anderes sagen.

Sound. Ping-Pong. Laune.

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Also ich glaube wenn ich in die Lesung reinkomme, dann werde ich erfahrungsgemäß auf der Bühne viel Spaß haben, aber genauso freue ich mich auf das Bier danach. Und auch, dass hier mindestens vier Kolleg*innen rumlaufen, mit denen man sowieso gute Abende haben kann.

Anja Kampmann, Proben von Stein und Licht, Hanser Verlag, München 2017

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Anja Kampmann liest aus „Proben von Stein und Licht“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?

Was ich wichtig finde, wenn man einen Text schreibt, ist, dass man Bedeutungszuschreibungen aus dem Alltäglichen raus verschieben kann. Dadurch kann man verschiedene Motive oder Zusammenhänge herausheben,  andere Bezüge herstellen und somit auch eine eigene, in sich stimmige Welt und Wirklichkeit konstruieren. Einen Raum, in dem andere Bezüge gelten als in der alltäglichen Wahrnehmung.

Was kann Lyrik in Deinen Augen bewirken?

Ich glaube die Arbeit, die so ein Gedicht macht, ist, dass viele Bedeutungsebenen zusammengelegt werden und eben auch geschichtliche Landschaften oder innere Landschaften auftauchen. Eine Landschaft im Gedicht ist etwas ganz anderes als eine klassische Beschreibung von Orten. Ich glaube, dass Gedichte verschiedene Ebenen zusammenbringen, die einem dann, wenn es gut läuft, viel mehr erzählen als das, was man sonst sieht. Sie können Ebenen verdichten, und die Sprache, der Rhythmus, der Klang tragen auch dazu bei.

Warum ist Literaturförderung wichtig?

Literaturförderung ist wichtig, weil man so lange braucht, um seine Themen wirklich auszuarbeiten und seinen Text auf die richtige Spur zu bringen. Hinter einem Text ist ganz viel Arbeit, die ungesehen bleibt, die aber viel Zeit und Recherchen und Auseinandersetzungen fordert. Ich glaube, dass sehr dichte Texte nicht nebenbei passieren.

Und warum ist Schreiben in diesem sehr besonderen, politischen Jahr 2017 dann gerade bedeutsam?

Es könnte interessant sein, weil es vielleicht ein Jahr ist, das eine bestimmte Haltung fordert. Ein Jahr, in dem man sich wieder positionieren kann und vielleicht eine verstärkte Reibefläche hat. Ich glaube aber, dass Literatur aus einer Grundhaltung heraus geschrieben wird, und dass dieser Reibungswiderstand etwas anderes lostreten kann. Ich schreibe gerade an einem Roman, in dem auch sehr viele große Themen wie Erdöl und Ressourcenknappheit als Untertext vorkommen. Ich denke, dass diese Themen letztes Jahr genauso wichtig waren, aber vielleicht gibt es 2017 nochmal ein anderes Bewusstsein. Und sicherlich ist auch die Literatur und Literaturförderung, die du eben angesprochen hast, eine Sache, die ganz schnell von populistischen Tendenzen und dem Rechtsruck in Europa bedroht sein kann. Diese breite Literaturlandschaft und -förderung in Deutschland ist, auch im Vergleich zu anderen Ländern, überhaupt nicht selbstverständlich. Im Herbst wird auch mitentschieden, wie es damit weitergeht. Wie schnell kulturell frei agierende Szenen eingeschränkt und verunmöglicht werden, sehen wir ja z. B. in Polen.

Literatur und Literaturförderung können ganz schnell von populistischen Tendenzen und dem Rechtsruck in Europa bedroht sein.

Deine Lyrik  in 3 Schlagworten.

Schlagworte? Ich glaube, einerseits ist es eine Sprache, die auf einer sehr sinnlichen und rhythmischen Ebene funktioniert. Klang ist wichtig. Andererseits ist es eine Auseinandersetzung mit geschichtlichen Räumen und es gibt auch viele Gegenwartsbezüge, die nicht in den Überschriften drin stehen. Wenn man zum Beispiel das erste Gedicht nimmt, da heißt es: „ Ein Manöver an der Oststee“, dann ist das, wenn man es nur als Gedichtzeile liest, sehr abstrakt. Wenn man aber weiß, worum es geht, und dass diese Manöver keine Fiktion sind, verändert sich das Bild,  und dieses Gefühl einer Bedrohung, über die das Gedicht spricht, kehrt in unseren Alltagsraum zurück.

Ich denke aber, dass eine Zurückgenommenheit zu spüren ist. Die Themen werden benannt, aber nicht ausgeführt. Es ist eher leise. Ich versuche mich als Autorin weit hinter die Texte zu stellen.

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Tatsächlich auf das Publikum. Ich bin total gespannt, weil es so ungewöhnlich ist, dass Lesungen Wochen vorher ausverkauft sind und auch, die anderen zu hören. Außerdem komme ich aus der Hamburger Ecke und werde dann vielleicht noch ein paar Freunde treffen. Das wird hier eine schöne Sache.

 

Emma Braslavsky, Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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Emma Braslavsky liest aus „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ ©GORDON Photography

Was bedeutet Literatur für Dich?

Literatur ist für mich eine ganz aufregende Art, hinter die Wirklichkeit zu dringen. Da kommt man nicht mit der Kamera hin. Eine Geschichte zu erzählen, ist ja auch immer etwas anderes, als sie zu zeigen, auch wenn man natürlich Szenen schreibt. Für mich ist Literatur eine ganz andere Ebene von Realität und von Wirklichkeit, die aber integraler Bestandteil der physischen Wirklichkeit selbst ist.

Was kann Literatur in Deinen Augen bewirken?

Literatur ist gefährlich. Wir sind ja süchtig nach Geschichten. Geschichten programmieren Dich glücklicher- oder unglücklicherweise um. Das heißt, auf Basis von Geschichten generieren wir unsere Identität. Das sehen wir auch daran, wie wir um Geschichten kämpfen. Auch Religionen basieren auf Geschichten, auf bestimmten narrativen Elementen. Für mich ist Literatur etwas noch völlig Unterschätztes. Ein bisschen Stiefkind, ein bisschen schwierig, Lesen ist anstrengend, wobei Geschichten ja nicht nur über Literatur transportiert werden. Ich glaube, wenn man vergleicht, was das Gehirn während des Lesens und was während des Schauens macht, dann merkt man, wie stark Text einen geistig beeinflusst und wie sehr Text eigentlich ein Programm ist, für Deine geistige Bewegung. Für mich ist Literatur etwas, das die soziale Menge bewegen kann, also eine ziemliche Waffe, eine ziemliche Macht.

Warum ist Literaturförderung und Schreiben in diesem sehr besonderen, politischen Jahr 2017 dann gerade wichtig?

Weil wir es dringend nötig haben, an unseren Selbstverständnissen und Bildern zu arbeiten, unseren Haltungen. Die entstehen durch unsere Geschichten. Kultur ist nur Imitation. Wir imitieren Verhalten. Wenn wir ins Koma fallen, verlieren wir das alles, fangen nochmal bei null an. Wissen noch gar nicht, wie wir uns verhalten sollen.

Wenn man Kinder hat, zieht man die groß, und sie imitieren einen dann, was durchaus schrecklich sein kann, wenn man feststellt, „Oh Gott, das kann doch nicht ich gewesen sein?“.

Deshalb ist es so wichtig, dass man sich selbst auch Gedanken macht, während man schreibt. Ich will jetzt nicht mit Moral kommen, die liegt mir überhaupt nicht, aber man muss sich schon klar darüber sein, dass alles, was man sagt, auch nicht mehr abgeschafft werden kann. Wir setzen Bilder und Selbstverständnisse in die Welt. Heutzutage ist Literatur gerade deshalb so wichtig, weil wir dadurch am intensivsten wahrnehmen und beeinflusst werden. Bilder sind eher flüchtig, aber Text ist sturer, er setzt sich fest. Wer sich einmal darauf einlässt, der merkt, dass er sich verändert hat.

Das ist, glaube ich, das Einzige, was uns bleibt, um eine tiefgreifende, geistige Veränderung durch Literatur zu machen. Wir haben kein anderes Medium, das uns so stark beeinflussen kann wie Text und Geschichten. Literatur ist etwas, das wir nie verlieren sollten. Trotzdem müssen wir uns klar darüber sein, dass nie 100 Prozent der Menschen lesen werden. Doch wenn man vergleicht, wie viele anteilig vor 250 Jahren gelesen haben, dann lesen heute viel mehr Menschen. Aber der Markt ist eben auch viel größer geworden, und das spielt da auch mit rein.

Literatur ist gefährlich.

Dein Roman in 3 Schlagworten.

Das ist ganz schwer, nach acht Jahren Recherche. Ich würde sagen: Der Roman ist eine, der eine sagt Satire, der andere Parodie auf unseren ewigen Kampf um die Zukunft. Die Frage in diesem Roman ist: Kommt der Mensch auch mal in der Zukunft an? Natürlich geht das nur mit Humor, weil ich auf der einen Seite Verständnis für unseren Zustand habe, weil ich auch Teil davon bin, auf der anderen Seite zeige ich, dass wir auf der Stelle treten. Das hat durchaus Gründe, wie man an diesem Roman ganz gut sehen kann.

Worauf freust Du Dich auf der diesjährigen HAM.LIT besonders?

Ich habe gehört, dass das Publikum ganz toll sein soll, darauf freue ich mich. Und: Es ist ausverkauft! Die Leute haben so richtig Lust auf einen ganzen Abend Literatur und Musik. Das ist großartig!

Vielen Dank an alle Autor*innen für Eure Zeit!

***Lest gerne auch noch Friederikes Rezension zu Senthuran Varatharajahs Roman, der auch bei der diesjährigen HAM.LIT anwesend war.

Und hier noch ein Musiktipp, den ich aus Hamburg mitgenommen habe:

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Ann-Kathrin Canjé

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