Hasenspur mit Literaturbeilage

 

Die Buchmesse ist geschafft; die Finnen sind nach ihrem sehr erfolgreichen Auftritt als “Finnland.Cool” wieder abgereist. Glücklicherweise haben sie uns viele Lese-Anregungen für den kommenden Winter dagelassen. Lauras Verschwinden im Schnee ist das perfekte Buch für lange Winterabende. Der Autor Pasi Ilmari Jääskeläinen, heißt es, ist Finnlands am besten gehütetes literarisches Geheimnis. Lumikko ja yhdeksän muuta, so der Originaltitel, ist in Finnland bereits 2006 erschienen und liegt seit September auch in deutscher Übersetzung vor.

lauraNach Island vor 3 Jahren, war Finnland also wieder ein Gastland, das man mit großartiger Naturmagie und sattem Mythenreichtum verbindet, und in dem man auf Schritt und Tritt über allerlei Kobolde und Elfen stolpern kann. Jääskeläinen, Jahrgang 1966, bedient das Klischee voll und ganz: Es wimmelt von Wichteln und Waldnymphen und man kann sich sogar sein Grundstück nach der Anzahl von darin befindlichen mythologischen Kreaturen kartografieren lassen. Handelt es sich dabei um Stolz auf die eigene Kultur oder bissige Ironie? Jääskeläinen hat mit Lauras Verschwinden im Schnee einen magisch-realistischen Schauerroman geschrieben, der unter anderem an David Lynchs Twin Peaks und Lars von Triers Geister erinnert. Er illustriert mit vielen skurril-schönen Bildern, wie es um die Literaturwelt Finnlands bestellt sein könnte.

Die junge Literaturwissenschaftlerin Ella hält sich in ihrem Heimatort Hasenhausen mit einem Vertretungsjob als Lehrerin über Wasser, als sie auf eine merkwürdig veränderte Kopie von Schuld und Sühne trifft. Ihre Recherchen bringen sie mit den Mitgliedern eines der bedeutendsten Autorenzirkel des Landes in Kontakt, einem elitären Klub, der 30 Jahre zuvor von der berühmten Literaturkoryphäe Laura Hermelin gegründet wurde, und der seitdem aus neun Mitgliedern besteht, allesamt Bestsellerautoren verschiedener Genres. Ella wird von Laura Hermelin zum zehnten Mitglied des Klubs erkoren, doch bevor sie in den Genuss der Unterweisung durch das verehrte Vorbild kommen kann, verschwindet dies ausgerechnet bei Ellas Aufnahmezeremonie in einem Schneesturm, der unerklärlicherweise mitten durchs Haus fegt. Ella erfährt daraufhin von einem geheimnisvollen “Spiel” mit einer Vielzahl komplizierter Regeln, bei dem sich die Klubmitglieder gegenseitig ihre tiefsten Geheimnisse wortwörtlich aus der Nase ziehen können. Als sich herausstellt, dass Ella eigentlich nur der Ersatz für das ursprüngliche zehnte Mitglied ist, ein geheimnisumwobenes Genie, das im Kindesalter unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist, beginnt ihre Detektivarbeit erst richtig.

Jääskeläinen schafft es ganz nebenbei, auf schelmische Art und vielschichtige Weise, den gesamten Literaturbetrieb auf die Schippe zu nehmen. Der Roman strotzt vor Ironie, vor literarischen Anspielungen auf Autoren und Verlage, auf Texte und Genres, auf das Schreiben, das Lesen und nicht zuletzt auf die Literaturwissenschaft, und es geht dabei durchaus nicht immer respektvoll zu. Das beginnt damit, dass in Buchdruckereien manchmal “ziemliche Scherzbolde” arbeiten, dass es im elitären Schreiberklub keinen einzigen Sprachprofi gibt, sondern eben nur Schriftsteller, die irgendwie zurechtkommen, und es geht sogar so weit, dass eine Schriftstellerin bei der Veröffentlichung ihres Textes versteht, warum ein Hund sein eigenes Erbrochenes frisst. Es wimmelt im Roman auch vor Hunden. Sie könnten allesamt aus Baskerville stammen.

Gleich zu Beginn wird der Leser in die heiligen Hallen der bedeutsamen Bibliothek von Hasenhausen geführt. Wie Kafkas Schloss dräut diese “Festung” auf einem Hügel über dem Ort mit immerhin sechs Autorengesellschaften und der Tageszeitung Hasenspur, die sich sogar einer eigenen Literaturbeilage rühmt. Dieser kleine Ort hat die wichtigsten Autoren des Landes hervorgebracht, die sich selbst “fleischgewordene literarische Gottheiten” nennen dürfen, und dessen Gründerin, die literarische Koryphäe schlechthin, mit eigenem Ehrenregal in der Bibliothek, doch nichts weiter als einige weltweit berühmte Kinderbücher mit absurden Fabelwesen wie Krummborke, Nassling und Bobo Riks-Raks aufzubieten hat. Eine Kinderbuchreihe, die im Deutschen etwas unglücklich als “Viecherland”, im Englischen treffender als Creatureville übersetzt ist – die englische Übersetzung ist generell sehr zu empfehlen.

Der gotischen, skurrilen Düsterkeit steht immer wieder die alberne, naive Kinderbuchwelt gegenüber. Das wirkt wie ein permanenter Stilbruch. Die literarischen Hoheiten scheinen nichts als kindische Konkurrenzspielchen zu treiben. Oder steckt vielleicht doch ein kaltblütiger Mord dahinter?

Jääskeläinens Roman gehört zur von der finnischen Autorin Johanna Sinisalo benannten literarischen Gattung des “Finnish Weird”, eine Gattung bizarrer Fantasy-Geschichten, wie in der “Kulturzeit”-Reihe über Finnlands Literatur berichtet wurde. Dort erfährt man auch, welch besondere Bedeutung das Lesen und das Schreiben in Finnland haben, wie stolz die Finnen auf ihre Bibliotheken und ihr Bibliotheksgesetz sind, das ihnen kostenlosen Zugang zu Literatur garantiert, und auch, welch Respekt den Lehrern und dem Lernen gezollt wird. “Respekt genießen auch Schriftsteller”, heißt es, obwohl sie vom finnischen Buchmarkt ohne Preisbindung nicht existieren können, und stattdessen subventioniert werden, beispielsweise mit einer Art Gema-Gebühr auf jedes ihrer entliehenen Bücher.

Dem Kinderbuchmarkt scheint es in Finnland besonders gut zu gehen. Die wörtliche Übersetzung des Romans lautet “Das Wiesel und die anderen Neun”, was doch sehr nach einem Kinderbuchtitel klingt. Auch kann es kein Zufall sein, dass die Hauptfigur Ella heißt: Timo Parvelas Kinderbuchreihe über das kleine Mädchen Ella gilt in Finnland als Schullektüre. Comics und Cartoons spielen in Skandinavien eine große Rolle, und so lässt sich gleich besser verstehen, wie aus Entenhausen eine viel erwachsenere Version, nämlich Hasenhausen werden konnte.

laura

Pasi Ilmari Jääskeläinen: Lauras Verschwinden im Schnee. Übersetzt von Angela Plöger. Roman. Aufbau Verlag Berlin 2014. 379 Seiten. 19,95 € 

Englische Ausgabe: The Rabbit Back Literature Society. Übersetzt von Lola M. Rogers. Pushkin Press London. £ 12,99

Mehr zum Auftritt des diesjährigen Ehrengastes der Frankfurter Buchmesse kann man auch hier nachlesen.

 

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Michaela Höher

Jahrgang 1966 und ergo das "späte Mädchen" des Studiengangs. Verheiratet mit der englischen Sprache, obwohl sie bestimmt nicht die Beste aller Ehefrauen ist. Diese leidenschaftliche Beziehung hat die ausgebildete Buchhändlerin nach London gelockt, zum Magister in Englischer und amerikanischer Literaturwissenschaft nach Berlin geführt, zehn Jahre lang mit englischsprachigen Produktionen auf die Bühne geschickt, für ein paar Jahre in die USA versetzt und sie zur zweisprachigen Erziehung ihrer beiden Töchter (und des Hundes) gezwungen.
"Es gibt kein Gesetz, das alten Weibern verbietet, auf Bäume zu klettern." Astrid Lindgren

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