Im Gespräch mit dem Clowd Magazine

Während sich die Buchbranche aus Angst vor der drohenden Digitalisierung in die Hose macht, hat die Literatur schon längst ihren Weg ins Netz gefunden. Neben all den Blogs über Literatur, gibt es genauso viele, auf denen Literatur stattfindet. Doch kaum einer kennt sie. Das Clowd Magazine für Online- und Netzliteratur will und kann das ändern.

Ein Interview mit Thibault Schiemann vom Clowd Magazine

Thibault (grüne Hose) und Max stehen und sitzen in den Startlöchern. Im Herbst erscheint die 1. Ausgabe des Clowd Magazines.
Thibault (grüne Hose) und Max stehen und sitzen in den Startlöchern. Im Herbst erscheint die erste Ausgabe des Clowd Magazines.

Der Name Clowd Magazine setzt sich aus den Begriffen Cloud und Crowd zusammen. Welche Rolle spielen die Begriffe für euer Konzept der Literaturvermittlung?

Unsere Idee besteht darin, ein Magazin für Online- und Netzliteratur herauszugeben. Es geht demnach ausschließlich um Literatur, die online erscheint und die eine Browser-Umgebung benötigt. Für die Vermittlung dieser Art von Literatur nutzen wir die zwei Grundpfeiler, die Netzkultur ausmachen. Einer davon ist die ortsunabhängige Verfügbarkeit. Egal wo ich mich gerade befinde, kann ich online auf literarische Texte zugreifen. Sei es hier oder Zuhause oder an der Uni. Das ist die Cloud.

Die andere Komponente ergibt sich aus dem Schwarmverhalten. Eine größere Gruppe, die eine Leidenschaft teilt, schließt sich zusammen und kann so gemeinsamen an etwas arbeiten: die Crowd. Der Begriff hat bereits Eingang in Online-Formate wie das Crowdfunding gefunden, wo eine größere Gruppe zur Realisierung von Ideen anderer beiträgt. Wir vom Clowd Magazine gehen noch einen Schritt weiter: Anstatt als Gruppe das Projekt eines einzelnen zu unterstützen, arbeitet die Crowd in unserem Fall selbst daran, eine Idee voranzutreiben. Im Klartext bedeutet das: Es geht nicht allein darum, dass die Crowd unser Magazin unterstützt, indem sie online literarische Texte liest oder das Magazin finanziell unterstützt. Es geht darum, dass sie selbst diese Texte sammelt und hochlädt. Aus den gesammelten Texten entsteht dann eine Auswahl, die zu einer thematischen Ausgabe zusammengeführt wird.

Wodurch unterscheidet sich Netzliteratur von anderer, gedruckter Literatur?

Netzliteratur ist tatsächlich ein Begriff in der Literaturwissenschaft. Er bezeichnet Literatur, die spezifisch auf das Medium Internet und seine Hyperlink-Struktur angewiesen ist. Daher nehmen wir bewusst die Zweiteilung in Online- und Netzliteratur vor. Online-Literatur ist Literatur, die im Grunde auch in einem anderem Medium erscheinen könnte. Ein Blogbeitrag kann auch als kleine Erzählung in einem Erzählband daherkommen. Netzliteratur braucht hingegen die Online-Umgebung, um zu funktionieren.

Über welche Besonderheiten verfügt diese Umgebung?

Ein gutes Beispiel, um die Hyperlinkstruktur zu erklären, ist Wikipedia. Wikipedia ist ein Lexikon mit der Besonderheit, dass jeder Eintrag mit anderen Einträgen verlinkt ist. Anstatt alphabetisch durch das Lexikon zu gehen, kannst du hier assoziativ arbeiten und dich nicht-linear von Eintrag zu Eintrag bewegen. Das ist die Grundfunktion von Hyperlink. Ende der 90er Jahre, als das Internet noch sehr neu war, gab es eine Literatur-Bewegung, Hyperliterature, die mit der Hyperlinkstruktur herumexperimentiert hat. Die haben wirklich verrückte Sachen gemacht – die Ergebnisse waren aber teilweise nicht so gut leserlich. Damals war es noch nicht möglich, ästhetisch ansprechende Websites zu bauen. Und auch heute lesen die Leute ungern längere Texte online. Wir versuchen daher für das Magazin einen eigenen Lesebereich zu kreieren, der möglichst störungsfrei zum Lesen einlädt. In diesem Bereich kann man die Navigationsleiste ein- und ausklappen, sodass man nur den Text vor sich hat. Es muss einfach gut aussehen.

Glaubst du, dass es genügend Leute gibt, die euch mit Material versorgen werden?

Ich denke, dass es einige Leute gibt, die sich für unser Format interessieren. Viele in meinem Bekanntenkreis beklagen sich, dass sie gerne literarische Texte online lesen wollen, dann aber nicht wissen, wo sie suchen sollen. Außerdem glaube ich, dass sich das Prinzip vom Suchen und Sammeln gegenseitig antreibt. Beispielsweise du als Literaturstudentin hast oft mit literarischen Texten zu tun und tauchst auch immer mal wieder ins Internet ein. Wenn du dann einen Text findest, der dir gefällt, möchtest du ihn mit anderen teilen. Und hier kommt die Crowd ins Spiel. Im Community-Bereich, dem Arbeitsbereich unseres Magazins, kannst du den Text, der dir gefällt, hochladen. Und hier findest du auch die Texte der anderen. Deinen literarischen Fund versiehst du mit einem Kommentar, der die Auswahl deines Textes begründet. Es ist uns wichtig, die Rolle der Person zu stärken, die den Text gefunden hat. Sofern die Person das möchte, soll anschließend im Magazin ersichtlich sein, wer der Finder oder die Finderin ist.

Die Startseite des Clowd Magazines. Bald schon wird sich hier einiges tun, wir sind gespannt!
Die Startseite des Clowd Magazines. Bald schon wird sich hier einiges tun, wir sind gespannt!

Woher kommt euer Selbstverständnis als Magazin? Gibt es noch weitere redaktionelle Formate, die über das Sammeln von Online-Texten hinausgehen?

Das Sammeln literarischer Texte im Internet ist nur eine unserer Rubriken, wenn auch die größte. Was wir auch verfolgen wollen, ist eine Debatte über die Wechselwirkung zwischen Literatur und Internet. Hierzu fragen wir verschiedene Leute aus dem Literaturbetrieb an, die für uns Essays schreiben oder die wir interviewen. Zudem gibt es Formate, die wir spannend finden und die in den herkömmlichen Feuilletons kaum Beachtung finden. Ich fände zum Beispiel Kritiken über Books on Demand, also Self Publishing, spannend. Und dann gibt es da diese Phrase, dass Twitter die neuen Aphorismen seien. So etwas könnten wir im Magazin spielerisch aufgreifen, indem wir den Leuten sagen: Wir haben folgendes Thema in der nächsten Ausgabe, tweetet uns doch dazu Aphorismen und wir stellen sie mit ins Magazin.

Wie finanziert ihr euer Vorhaben?

Unser Ziel ist es, die von uns gesammelte Literatur zu verbreiten. Daher sollte es möglichst einfach sein, das Magazin zu lesen. Ein kostenpflichtiges Abo kommt somit nicht in Frage. Im Moment stellen wir uns eine Art Spenden-System vor, wie es beispielsweise die Taz bei ihren Online-Artikel vorsieht. [Bevor man zu einem Artikel weitergeleitet wird, hat man die Möglichkeit ein Abo zu kaufen]. Auch bei einem Online-Magazin fallen Kosten an. Zudem fänden wir es schön, den Autorinnen und Autoren ein Honorar zu zahlen. Die Entscheidung etwas zu spenden, ist jedoch jedem und jeder selbst überlassen.

Aber eure Autorinnen und Autoren haben ihre Texte bereits selbst auf ihren Blogs veröffentlicht und ahnen nicht, dass ihre Texte in eurem Magazin veröffentlicht werden. Wieso habt ihr den Anspruch sie dennoch zu vergüten?

Wir haben es uns nicht zur Aufgabe gemacht, das Problem der Kulturfinanzierung zu lösen. Dennoch finden wir, dass Online-Kultur nicht immer gratis sein muss. Es handelt sich um einen symbolischen Beitrag, indem wir sagen: Wir wollen euch auch vergüten, weil ihr gute Arbeit macht.

Worin siehst du die Vorteile für Autorinnen und Autoren online zu publizieren?

Man darf nicht glauben, dass Leute die bloggen ausschließlich online publizieren. Die meisten Leute, mit denen ich geredet habe, vor allem junge Leute, haben nach wie vor das Ziel, einen Roman oder einen Erzähl- oder Lyrikband zu publizieren. Das Bloggen ist für sie nur eine Form von vielen. Was viele genießen ist die direkte Rückmeldung, die man online bekommt. Aus dem Feedback der Leserschaft schöpfen sie Kraft, um weiterzuschreiben. Sie merken, dass ihre Texte gut ankommen. Anderen wiederum geht es darum, verschiedene Formate auszuprobieren. Ich kenne einen Blogger, der zur Zeit mit Videos experimentiert. Jede Woche sucht er sich ein Musikvideo aus und schreibt dazu einen Text. So kannst du dir, während du seinen Text liest, das zugehörige Lied anhören. Das könnte man umständlicher auch gedruckt machen. Es geht aber sehr viel eleganter, wenn du die multimediale Umgebung hast. cedricweidmann.ch

Das Clowd Magazine probiert diese Fülle an verschiedenen Texten zu kuratieren und eine gebündelte Öffentlichkeit zu schaffen. Wenn dein eigener Text im Magazin erscheint, steht da von wem er ist und von welchem Blog er stammt. Insofern sorgen wir auch für eine größere Aufmerksamkeit, die den Blogs und ihren Autorinnen und Autoren zu Gute kommt.

Besonders interessant ist ein Online-Text für uns vor allem dann, wenn spürbar wird, dass das Internet als Medium keine reine Verbreitungsform ist, sondern auch eine Möglichkeit Neues auszuprobieren, neue Schreiberlebnisse zu fördern und ein direkteres Verhältnis zu den Lesenden aufzubauen.

Ich muss gestehen, dass ich deutlich mehr Blogs über Literatur kenne, als literarische Blogs. Wie würdest du die Vielfalt der literarischen Bloglandschaft beschreiben?

Es gibt sehr viele persönliche Blogs, die von jeweils einer Person geschrieben werden. Manche gehen dabei sehr strikt vor und schreiben immer wieder in einem ähnlichen Stil. Manche probieren viele verschiedene Formate aus und reflektieren die Variationen der Literaturvermittlung. In den USA gibt es zudem den verbreitet Trend nicht nur eigene Texte zu veröffentlichen, sondern auch Tipps für das literarische Schreiben zu geben. Den Trend greifen einige deutsche Blogs auf, wobei ich das eher kritisch sehe. Die Tipps sind im Grunde immer die gleichen und die Texte, die dabei herauskommen funktionieren alle nach dem selben Schema F. Es gibt aber auch ein paar Blogs, die eine Art Sammelbecken für Texte darstellen und von verschiedenen Autorinnen und Autoren betreut werden.

Worauf achtet ihr bei der Auswahl von Texten, die es vom Community-Bereich ins Magazin schaffen?

In der Redaktion hat natürlich jeder von uns persönliche ästhetische Vorlieben. Es ist daher wichtig über die Texte zu diskutieren. Auch ein gut begründeter Kommentar des Finders oder der Finderin kann uns helfen, den Blick für bestimmte Details zu schärfen. Besonders interessant ist ein Online-Text für uns vor allem dann, wenn spürbar wird, dass das Internet als Medium keine reine Verbreitungsform ist, sondern auch eine Möglichkeit Neues auszuprobieren, neue Schreiberlebnisse zu fördern und ein direkteres Verhältnis zu den Lesenden aufzubauen.

Vielen Dank für das Interview, Thibault.

Ihr findet, dass das Clowd Magazine echt toll klingt und würdet gerne einen kleinen aber entscheidenen Beitrag leisten, der den Autorinnen und Autoren zu Gute kommt? Bis Ende Juli gibt es noch eine Crowdfunding-Kampagne! Also los, ab in die Crowd mit euch ;)

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Marie Krutmann

Marie Krutmann

1991 in Freiburg geboren, zog es sie schon in viele verschiedene Städte, darunter Metropolen wie Kopenhagen, Stockholm oder Bielefeld (Liebefeld <3). Für`s Studium der Angewandten Literaturwissenschaft ging sie aber schließlich nach Berlin, wo sie am liebsten Lesungen in ihrem Lieblings-Kiez Neukölln lauscht.
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