Im Gespräch mit Henrike Iglesias

Wer ist diese Henrike Iglesias? Hinter dem Namen verstecken sich Anna Fries, Laura Naumann, Marielle Schavan und Sophia Schroth. Das Berliner Autorinnen- und Performerinnenkollektiv gründete sich 2012 in Hildesheim und macht Stücke über Frauen. Die Themen reichen von Pop bis Politik, über Persönliches zurück zu Populärem. Ich traf Marielle Schavan stellvertretend auf ein Eis. Wir sprachen über Stückentwicklungen, Tourneeerlebnisse und GRRRRRLs.

© Foto: Paula Reissig, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
© Foto: Paula Reissig, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euer eigenes Kollektiv zu gründen?

Gegründet haben wir uns 2012 in Hildesheim, wo wir alle vier im Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation studiert haben. Dort gibt es jedes Jahr das State of the Art Festival. Damals gab es so ein neues Format, das Clash hieß. Das war speziell für die Zusammenarbeit von Theater- und Literaturhauptfächler*innen gedacht. Laura und ich haben Kreatives Schreiben studiert und Anna und Sophia Kulturwissenschaften mit Hauptfach Theater. Wir hatten Lust mal zusammen ein Theaterprojekt zu machen, also haben wir uns dort beworben und dann ging‘s los.

Henrike Iglesias. Die Anspielung liegt nahe, euer zweites Stück hieß I CAN BE YOUR HERO BABY, aber nochmal für alle: Wie ist der Name entstanden?

Den haben wir uns bei einem All-You-Can-Eat-Mittagsbuffet im chinesischen Restaurant Lotusblume in Hildesheim ausgedacht. Wir hatten uns beim 100° Festival beworben und brauchten für das Programmheft einen Gruppennamen. Wir haben ein bisschen rumüberlegt, wir wollten irgendwas mit Pop, denn wir haben ein recht zärtliches Verhältnis zu Pop. Und dann fanden wir die Idee witzig, dass es ein richtiger Name sein könnte, also mit Vor- und Nachnamen. Keine Ahnung wie wir dann auf Henrike Iglesias gekommen sind, irgendeine von uns hat ihn vorgeschlagen und wahrscheinlich haben dann erstmal alle gelacht.
Dass unser zweites Stück dann I CAN BE YOUR HERO BABY hieß, kam ja erst später, da gab es schon den Namen Henrike Iglesias. Aber ich glaube wir wollen den Namen ungern erklären. Da denkt sich bestimmt jede ihren Teil.

Eure bisherigen Stücke thematisieren die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, politische und persönliche Themen. Wie findet ihr Material für eure Stücke?

Wir überlegen meist zusammen, was uns gerade so interessiert, womit wir uns beschäftigen, was wir erleben, mitkriegen, lesen. Bisher waren das immer Themen, die mit der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft zu tun haben, wie du sagst. Das kommt daher, dass wir davon überzeugt sind, dass die Frau in unserer Gesellschaft noch lange nicht die Stellung hat, die sie, im zurzeit noch utopischen Szenario der Gleichberechtigung der Geschlechter, haben sollte.

Wie sieht der Entwicklungs- und Probenprozess aus?

Das ist schwer zu sagen, weil sich das von Projekt zu Projekt verändert. Wir lernen jeden Tag noch, wie wir am besten zusammen arbeiten können. Grundsätzlich arbeiten wir kollektiv, das heißt, wir treffen Entscheidungen zusammen. Wir sprechen über alles, wenn möglich, zu viert, das heißt aber nicht, dass immer alle alles machen müssen. Je länger wir uns kennen, also vor allem im Arbeitskontext, desto mehr finden wir auch heraus, was Spezialgebiete sind, also wer was besonders gut kann oder besonders gerne macht. Aber auch das ist dann nicht in Stein gemeißelt. Es kann auch sein, dass es beim nächsten Projekt wieder ganz anders ist. Ich glaube, genau das ist wichtig; dass es ein flexibles Konstrukt bleibt.

© Foto: Paula Reissig, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
© Foto: Paula Reissig, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff

Euer Stück I CAN BE YOUR HERO BABY habt ihr vor zwei Jahren am Schauspiel Leipzig als „Artists in Residence“ erarbeitet. Wie war dieser Prozess für euch als freie Gruppe mit einer festen Institution?

Die Rahmenbedingungen waren natürlich toll. Also, dass das Schauspiel uns Geld gegeben hat und uns auch seine Räumlichkeiten und zum Beispiel Werkstätten und Technik zur Verfügung gestellt hat. Logistisch konnten wir also die Stadttheatermaschinerie nutzen, was vieles einfacher macht. Zum Beispiel konnten wir uns so unsere zwei riesigen Schwäne bauen lassen. Aber es ist auch eine große Umstellung aus der freien Szene, oder eher noch aus dem Studium, an so ein großes Haus zu kommen, das sehr lange Kommunikationswege und sehr klare Strukturen und mitunter auch Hierarchien hat. Dinge müssen weit im Voraus festgelegt werden, zum Beispiel Endprobenpläne oder Programmhefttexte.

Inwiefern hat das Studium für euer jetziges Arbeiten geholfen?

Ich habe das Gefühl, die extrem ausführliche Beschäftigung mit Texten unterschiedlicher Art, die das Studium mit sich bringt, hat mir beigebracht Texte besser zu verstehen, beziehungsweise sie auch relativ effektiv produzieren zu können. Also wie eine Art Werkzeug, das ich immer rausholen kann, wenn es mir nützlich erscheint. Das fängt beim Konzepttext an, geht beim Programmhefttext weiter und führt dann natürlich auch zu den Texten, die in unseren Stücken vorkommen. Aber gleichzeitig kann ich auch nicht sagen, was genau jetzt im Studium erlernt wurde und was schon vorher da war. Wobei, eine Sache, die ich sicher im Studium gelernt habe, ist das Sprechen über Texte und das Überarbeiten. Das machen wir in unserer Arbeit auch sehr viel!

Wir wollen einen umgedrehten Exorzismus vollziehen, uns und den Zuschauer*innen, die das auch wollen, das Böse wieder eintreiben, das Laute, das Grenzüberschreitende, im besten Sinne.

Mit I CAN BE YOUR HERO BABY seid ihr auch schon durch verschiedene Städte getourt. Was war dabei euer schönstes Erlebnis?

Ich finde besonders schön, wie sich das Stück von Gastspiel zu Gastspiel verändert. Wir ändern meist auch jedes Mal wieder Kleinigkeiten, weil uns noch irgendetwas einfällt, das vielleicht noch besser funktionieren kann oder weil wir auf einmal das Gefühl haben, das stimmt jetzt so nicht mehr – die Freiheit und Flexibilität haben wir ja und ich finde, das macht jedes Gastspiel auch wieder zu einer kleinen Premiere. Und natürlich beeinflusst das Publikum am jeweiligen Ort auch extrem die Vorstellungen.

Tobias Prüwer schreibt auf nachtkritik.de: „Ein (belang-)loser Szenenreigen macht noch keine Performance, welche eben zuallererst von der Performance lebt. […] Fürs Schaulaufen einer freien Gruppe im Stadttheater reicht das offensichtlich allemal und die Premierenparty im Szeneschuppen wird mit Sicherheit noch der Kracher geworden sein. #hypezig, #happy“
Wie geht ihr damit um? Versucht ihr, Kritik in eure folgende Arbeit einfließen zu lassen?

Haha, witzige Vorstellung, wie wir versuchen die Kritik von Tobias Prüwer einfließen zu lassen. Die war ja nicht besonders konstruktiv. Ich würde sagen, die Hauptaussage seiner Kritik war, dass wir kleine dumme Mädchen sind und uns ja nicht anmaßen sollen, etwas zur Welt zu sagen oder gar beitragen zu wollen. Bis wir verstanden haben, wie patriarchal und unterdrückend dieser Gestus war, hat uns die Kritik natürlich erst getroffen. Aber you live you learn. Wir bringen uns eine professionelle Sicht auf solche Kritik bei. Und wir hoffen, Herr Prüwer geht auch nochmal in die Schule.

Alt, doch immer noch relevant: Wie steht ihr als feministisches Performancekollektiv zu Ronja von Rönne und der Aussage, dass der Feminismus sie anekelt (auch wenn sie sich mittlerweile davon distanziert hat)?

Verstehen wir nicht. Keine Ahnung, warum sie das Gefühl hat, sie müsse das schreiben. Finden wir natürlich auch höchst problematisch so etwas zu sagen, weil es das Gegenteil von unserer Meinung ist: Wir lieben den Feminismus und wollen, dass er immer weiter wächst und die Welt weniger scheiße macht.

Euer neues Stück GRRRRRL feierte seine Uraufführung in Basel und wird dann auch im September nach Berlin kommen. Welche Story erzählt ihr darin?

Es geht in GRRRRRL um böse Frauen. Es ist eine Hommage an das Unangepasste, an das Hässliche, das Laute, an all das, was auf irgendeine Art die Regeln sprengt, die unsere patriarchale Gesellschaft sich für Frauen ausgedacht hat. Wir wollen einen umgedrehten Exorzismus vollziehen, uns und den Zuschauer*innen, die das auch wollen, das Böse wieder eintreiben, das Laute, das Grenzüberschreitende, im besten Sinne. Aber wir wollen auch noch nicht zu viel verraten.

Was würdet ihr anderen Künstler*innen raten, die eine Performance Gruppe/Kollektiv gründen wollen?

Um es mit Miley Cyrus‘ Worten zu sagen: Dooooooooo it!

https://www.youtube.com/watch?v=GzLoQL2iSBg

TERMINE
Premiere am 27. April 2016 ROXY Birsfelden
14.-17.9.16 Sophiensaele Berlin
13.-15.10.16 Schauspiel Leipzig

Hier geht es zu Claras Rezension von Wir kommen von Ronja von Rönne.

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Ann-Kathrin Canjé

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"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
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