Im Gespräch mit Katharina Deloglu (CROWD)

Die CROWD (CReating Other Ways of Dissemination) ist ein unabhängiges Literaturnetzwerk der freien europäischen Szene und wurde von vier europäischen Partnern gegründet: Lettrétage (Deutschland), Forum Stadtpark (Österreich), Nuoren Voiman Liitto (Finnland) und IDEOGRAMMA (Zypern). Katharina Deloglu vom Literaturhaus Lettrétage erzählt im Interview, was es mit der CROWD auf sich hat und  welche Projekte gerade in Planung sind.

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Katharina Deloglu auf der ersten CROWD-Conference 2015 // Fotos: gezett.de

Wie kamt ihr auf die Idee, die CROWD zu gründen? Fehlt es der freien europäischen Literaturszene an Netzwerken?

Es gibt durchaus Netzwerke, diese spielen sich allerdings auf einer institutionalisierten Ebene ab – beispielsweise HALMA, ein Netzwerk für Literaturhäuser. Auch auf regionaler und nationaler Ebene existieren selbstverständlich jede Menge Netzwerke informeller Art, für die es aber noch keinen administrativen Rahmen gibt. In der Lettrétage arbeiten wir seit fast zehn Jahren mit Autoren, Übersetzern und Veranstaltern zusammen. Das ist ja im Grunde genommen wie ein personengebundenes Netzwerk, was auf einer Grassroot-Ebene funktioniert. Aus dieser Perspektive erschien es uns dann sinnvoll, mit der CROWD ein Werkzeug für analoge als auch digitale Begegnungen zu schaffen. Das ist aber erst der Startschuss für ein langfristig wachsendes Netzwerk, das weit über die in den nächsten zwei Jahren geplanten Projekte hinausgeht.

Welche Projekte setzt ihr derzeit schon um?

Die ersten eineinhalb Jahre beinhalten vor allem Planung, bis zur OMNIBUS-Lesereise, die im Mai 2016 startet. Wir schreiben viele Anträge, die sich in kleineren Projektbestandteilen äußern. Ein erstes Teilprojekt war eine Konferenz, die im Januar 2014 stattfand. Hier haben wir Literaturveranstalter eingeladen, die sich gegenseitig ihre Arbeit und Projekte präsentiert haben und sich zu verschiedenen Themen ausgetauscht haben.

Unser zweites Teilprojekt ist die große OMNIBUS-Lesereise, unser bis dahin spektakulärstes Event. Wie der Titel schon andeutet, werden wir ab Mai 2016 Autoren aus allen möglichen europäischen Ländern auf eine 12wöchige Reise schicken, die von Finnland nach Zypern führen wird. Die einzelnen Reiseabschnitte werden von unseren jeweiligen CROWD-Partnern organisiert.

Dann planen wir noch ein rein digitales Projekt, eine Software, die es einzelnen Literaturaktivisten (z.B. Autoren, Übersetzern, Veranstaltern) ermöglichen soll, miteinander in Kontakt zu treten und die Arbeit des jeweils anderen kennenzulernen. Im Zusammenhang mit dieser Software findet im Februar eine Digitalkonferenz statt, bei der Berliner und europäische Literaturaktivisten aufeinandertreffen, um sich über digitale Literaturprojekte, digitale Tools zum Umsetzen digitaler Projekte und digitales Schreiben, Veröffentlichen und Veranstalten austauschen.

Die Lesebusreise soll Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Literaturaktivisten und ihren Lesern schaffen.

Wie wird die Busreise denn konkret ablaufen?

Die Reise wird 12 Wochen dauern, jeweils drei Wochen werden von einem anderen Partner organisiert. Wir werden in Finnland starten, der Bus wird dann durch ganz Skandinavien fahren. Diesen Teil übernimmt unser Partner in Finnland (Nuoren Vioman Liitto). Danach planen wir (Lettrétage) den Reiseabschnitt Tschechien – Deutschland – Polen. Unser österreichischer Partner Forum Stadtpark übernimmt die drei Wochen durch Österreich sowie den gesamten Balkan. Am Ende wird die Reise durch Zypern, Griechenland und die Türkei führen, was die Partner aus Zypern organisieren An fast jedem Tag wird der Bus von einem Ort zum nächsten reisen, es werden sowohl Großstädte als auch ländliche Gegenden bereist, dementsprechend unterschiedlich werden die Öffentlichkeiten sein. Die im Bus reisenden Autoren werden gemeinsam an einem großen Text schreiben, der in Form einer Papyrusrolle an jeder Station aufgerollt wird – ein mäanderndes Textkonglommerat, das europäische Diversität auf einen Blick sichtbar macht.

An jedem dieser Orte wird es öffentliche Lesungen geben. Vor Ort arbeiten wir jeweils mit lokalen Partnern (z.B. Literaturzeitschriften, Literaturhäusern und Veranstaltern) zusammen, die die Lesereise mitgestalten. Neben Lesungen wird es auch Workshops und Begegnungen in Schulen, Altersheimen und Krankenhäusern geben. Allerdings wollen wir nicht als Künstler Europa missionieren oder Europa in Kunst unterrichten. Die Lesebusreise soll Begegnungen auf Augenhöhe zwischen Literaturaktivisten und ihren Lesern schaffen.

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Auf eurer Homepage kann man der CROWD beitreten, indem man einen Fragebogen ausfüllt. Ist das die Vorstufe für das digitale Netzwerk?

Dieser Fragebogen ist für uns eine erste Möglichkeit zu sehen, wen es dort draußen alles gibt und wer überhaupt Lust hat, sich mit uns zu verbinden. Denn wir sind nur die Organisatoren dieses Rahmens. Die CROWD kann erst durch eine große Anzahl verschiedener Aktivisten aus vielen Ländern zum Leben erwachen. Wer Lust hat, kann sich dort eintragen und sagen „Hallo, ich bin Autor, Veranstalter, Übersetzer im Land xy und mache dieses und jenes.“ Das ist für uns eine Vorstufe, um die Leute kennenzulernen. In einem zweiten und dritten Schritt würden wir diese Informationen gerne dem Netzwerk zur Verfügung stellen.

Das wäre dann die App?

Es gibt eine App, die für mobile Endgeräte ebenso wie für festinstallierte Computer bestimmt ist. Dort wird unsere Busreise auf einer Karte abgebildet – mit allen stattfindenden Events und teilnehmenden Aktivisten. Diese App erlaubt, in Echtzeit die Lesereise samt ihrer multimedialen Dokumentation mitzuverfolgen. In einem zweiten Schritt nach 2016 möchten wir gern das digitale Netzwerk in Form einer speziellen Software allen interessierten Usern/Literaturaktivisten zur Verfügung stellen. Diese soll die Aktivisten des Netzwerks europaweit zeigen, sodass man sich informieren kann, welche spannenden Personen es in den jeweiligen Ländern gibt.

Du nutzt häufig das Wort „Literaturaktivismus“. Was genau bedeutet das denn für euch?

Das ist wirklich eine große Frage, die wahrscheinlich niemals irgendwer abschließend beantworten wird. Im Grunde genommen soll der Begriff einzelne Teilnehmer des Grassroot-Netzwerkes bezeichnen – in Abgrenzung zu Institutionen sind das individuelle Player, also Autoren, Übersetzer, Veranstalter, Literaturzeitschriften-Macher, die alle hochmotoviert ihre eigenen Ideen planen, konzipieren, umsetzen – das alles in einer Hand machen. In der Regel haben sie dafür wenig oder keine finanziellen Mittel zur Verfügung. Viele von ihnen arbeiten unter prekären Umständen. Trotzdem sind sie mit viel Herzblut bei der Sache.

Wir möchten gemeinsam einen funktionierenden Rahmen ausarbeiten, innerhalb dessen Aktivisten auch schon mit wenigen Mitteln miteinander etwas schaffen können.

Was ist deine Wunschvorstellung von der CROWD in Zukunft?

Wunsch Nummer eins wäre natürlich ganz viel Geld für die nächsten Jahre (lacht). Denn nur so können wir zukünftige Projekte umsetzen. Gerade befinden wir uns noch in einer Startphase, in der wir die nötigen Samen für alle weiteren Projekte säen. Ich würde mir wünschen, noch mehr Länder und somit weitere Kontakte zu erschließen und mehr Einzelprojekte zu realisieren. Ein erster Schritt wäre sicher die Umsetzung jeder Menge Workshops, Konferenzen und Literaturfestivals, vor allem um den digitalen Begegnungsbereich weiter auszubauen. Das wird zu allen möglichen anderen Themen und Begegnungen führen, die wir nicht vorgeben wollen. Wir wollen lediglich in die europäische Szene hineinhören und die Leute fragen, welche Themen sie interessieren und wie wir das zusammen auf die Beine stellen können.

Die CROWD soll wirklich nur einen Rahmen bieten, damit Literaturaktivisten aus verschiedenen Ländern sich auf europäischer Ebene begegnen und miteinander Projekte planen können. Es soll keine Großorganisation entstehen, die hierarchisch über allem steht. Wir möchten gemeinsam einen funktionierenden Rahmen ausarbeiten, innerhalb dessen Aktivisten auch schon mit wenigen Mitteln miteinander etwas schaffen können und dies auch gelingt.

Danke an Katharina für das Gespräch! 

Veranstaltungshinweis: Die Digitalkonferenz der CROWD findet übrigens am 6. und 7. Februar in der Lettrétage in Berlin statt. Hier treffen europäische Literaturaktivist_innen aufeinander, die über neue Wege der Literaturproduktion, -rezeption und -verbreitung mithilfe digitaler Medien diskutieren. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos findet ihr hier.

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Eva Philippi

Eva Philippi

1989 in Trier geboren, studierte Literatur- und Buchwissenschaft in Mainz, seit 2014 Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin.
Eva Philippi

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