Im Niemandsland

Abigail Ulman erzählt in ihrem Debüt Jetzt Alles Sofort vom Verlieben und Entlieben, von Trennungen, dem darüber Hinwegkommen und dem scheinbar harmlosen Alltag junger Frauen – mit vielsagenden offenen Enden. 

© Kein & Aber Verlag
© Kein & Aber Verlag

Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Sie hat eine Generation hervorgebracht, für die der Feminismus den luxuriösen Status hat, kein grundlegender Kampf mehr zu sei. Doch was bedeutet es, heute eine junge Frau zu sein? Wie fühlt es sich an, selbstbestimmt entscheiden zu können, aber orientierungslos durchs Niemandsland zwischen kindlicher Naivität und forciertem Erwachsensein zu treiben?

In ihrem Debüt Jetzt Alles Sofort bringt die australische Schriftstellerin Abigail Ulman das Bewusstsein junger Frauen zur Sprache. Ihre Protagonistinnen sind Teenager auf der Schwelle zum Erwachsenwerden oder Frauen Mitte Zwanzig. Da ist Sasha, die beim Flirt mit ihrem Lehrer ihre Verführungskraft testet, Claire, die ungewollt schwanger wird, und die Freundinnen Elise und Jenny, die erst in die zehnte Klasse gehen, aber schon jede Menge Sex, Alkohol und Drogen hinter sich haben. Sie reden über Cybersex, gehen shoppen, schauen sich stundenlang Filme an und fahren ins Reitlager, um auf ihr Leben klarzukommen.

Ulmans Erzählungen drehen sich um lose Beziehungen, erste Male, innere Widersprüche, Aufregungen und Unsicherheiten. Viele Passagen lesen sich wie eine bloße Aneinanderreihung von Fakten oder Zustandsmeldungen: „Jenni musste pinkeln, und Elise hatte Hunger“, lautet der letzte Satz der Geschichte Kopf an Fuß. Genauso lapidar beginnt die nächste Erzählung über eine junge Schriftstellerin: „Amelia kam mit ihrem Buch nicht weiter. Also beschloss sie ein Kind zu bekommen.“ Gesagt, getan: sie lässt sich von einem schwulen Freund schwängern und tut neun Monate nichts weiter, als gewissenhaft ein Yogatagebuch zu führen. Doch als ihr Sohn zur Welt kommt, ändert das weder etwas an ihrer Schreibblockade, noch an ihrer Einstellung zum Leben.

Ulman porträtiert eine Generation, der alle Türen offen stehen, die selbstbestimmt über Karriere, Abtreibungen und Beziehungen entscheiden kann. Doch ihre Protagonistinnen treten auf der Stelle. Sie leben im Hier und Jetzt und wollen alles sofort. Bisweilen versumpfen sie in nervtötender Lethargie. Eine persönliche Entwicklung findet in keiner der neun Erzählungen statt. Freizügige Ausschweifungen und ziellose Beschreibungen dominieren den Text. Über die Motive ihrer Figuren schweigt sich die Autorin aus. Was hat diese Frauen bloß so paralysiert?

Die Oberflächlichkeit der Themen und der plätschernde Erzählton täuschen über die Risse im scheinbar harmlosen Alltag junger Mädchen und Frauen hinweg. In der Geschichte Alles wie immer wird Ramona von ihrer Mutter wegen Albträumen in Therapie geschickt. Als sie erzählt, dass ihr Stiefvater sie belästigt hat, glaubt ihre Mutter kein Wort. In ihrem Freundinnenkreis hingegen erfährt sie mitfühlende Aufmerksamkeit und gewinnt an sozialem Status. Ulman verdreht die Perspektive so gekonnt, dass wir unsicher sind, wer die Wahrheit sagt. Antworten gibt sie keine. Sie versteht es, mit dem explizit Nicht-Gesagten zu überraschen und lässt den Schluss meist offen. So endet auch der Ausflug einer Gruppe minderjähriger russischer Turnerinnen in einer verriegelten Wohnung. Die Mädchen finden Kondomhüllen neben einer Matratze. Es ist klar, in welche Situation sie geraten sind, ohne dass diese erzählt werden muss.

Letztlich sind es genau diese Leerstellen und Zwischentöne, die Ulmans Buch stark machen. Sie beschreibt das Leben von Mädchen und Frauen, die eigentlich frei, clever und selbstbewusst sind und dennoch subtilen Sexismus, Altherrenwitze und schwüle Komplimente dulden. Die Ambivalenz ihrer Protagonistinnen wirft die Frage auf: Wie sollen Frauen für sich einstehen, wenn sie ständig den eigenen Bauchumfang überprüfen und sich den Sexismus ihrer Umwelt zu eigen machen? Ulman fordert dazu auf, genau hinzusehen und zwischen den Zeilen zu lesen, um die alltäglichen Grenzüberschreitungen im Geschlechterverhältnis zu erkennen, die alles andere als harmlos sind.

Abigail Ulman
„Jetzt Alles Sofort“ Erzählungen.
Aus dem Englischen von Anna-Christin Kramer.
Kein & Aber Verlag
362 Seiten

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Friederike Oertel
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