Eine Liebe genderneutral erzählt – „Sphinx“ von Anne Garréta

Anne Garréta wurde 2000 als erste Frau in den Autorenkreis Oulipo aufgenommen, dank ihres Romans „Sphinx“ von 1986. Er erzählt von Schmerz und Sehnsucht, im Zentrum zwei Liebende. Jedoch erfahren wir nie das Geschlecht der Hauptfigur oder des geliebten Subjekts. Ein ehrgeiziges Erzählprojekt, das tiefe Einblicke in die Zerrissenheit nicht nur des erzählenden Ichs, sondern auch unserer Gesellschaft offenbart.

Im Rahmen der Indiebookchallenge 2018/19, herausgefordert von Sarah Käsmayr / Maro Verlag, widmen wir uns eine Woche lang dem Thema #queeresBuch: 7 Tage, 7 queere Indie-Bücher. Charlotte hat Sphinx gelesen.

Ein erzählendes Ich erinnert sich an die Liebe seines Lebens. Erzählt wird von der Zeit des Kennenlernens, dem Umwerben, dem langsamen Übergang von Freundschaft zu Liebesbeziehung, gefolgt von Schmerz und Sehnsucht in der Alltagsliebe und schließlich dem unerträglichen Verlust, vom dem sich die Hauptfigur, deren Namen wir nicht kennen, nie mehr erholen wird. Erzählt wird von A***, es geht viel um A***s Körper und gesellschaftliche Erwartungen. Jede Beschreibung bleibt ambivalent. Wie man sich diese beiden Personen vorstellt, welches Aussehen, Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung man ihnen gibt, ist letztlich nur ein Spiegel der Leser*innen. Denn in Garrétas Roman ist fast alles möglich, kann fast alles hereininterpretiert werden. Dieses anspruchsvolle Erzählprojekt zeigt, wie wichtig es uns ist, einem Menschen ein Geschlecht zu geben, um ihn imaginieren zu können. Zu Recht fragt Antje Rávic Strubel im Nachwort, wie lange die Leser*innen es aushalten, sich auf das genderneutrale, offene Erzählen einzulassen, ohne Hinweise auf das Geschlecht in der Sprache zu suchen oder Hypothesen aufzustellen.

Aus dem Theologiestudium in die Nacht

Das erzählende Ich ist zu Beginn der Erzählung etwa 23 Jahre alt und befindet sich mitten im Theologiestudium. Die grüblerische, kritische Art weckt das Interesse und die Begeisterung der Lehrer. „Die Kirche sehnt sich ebenso sehr nach der aufklärerischen Vernunft wie sie sie fürchtet.“ Doch langsam wendet sich die Hauptfigur vom Studium ab.

Es war keine Abwendung vom Glauben oder der Metaphysik, sondern von der Sinnlosigkeit des verschulten Denkens, das die Universität mir abverlangte. Das Unverständnis meiner Kommilitonen, ihre beständige Neigung, jeden auch nur ansatzweise eigenen Gedanken auf eine persönliche Motivation zurückzuführen und somit die geringste Originalität als Ausdruck individuellen Lasters zu verstehen, trug nur noch weiter zu meiner Melancholie und meinem Abscheu bei.

Ein vernichtendes Urteil, das womöglich nicht nur auf die Kommiliton*innen abzielt, sondern auch auf die Gesellschaft als Ganzes. Der Austritt aus der akademischen Welt geht einher mit dem Abtauchen in die Welt der Clubs. Begleitet wird dieser Übergang vom Tag- zum Nachtwesen ironischerweise von einem Lehrer, Pater***. Es beginnt mit einer verstörenden Szene zu Beginn des Buches, in der der drogenabhängige DJ des Lieblingsclubs des Paters an einer Überdosis stirbt und der Pater, die Hauptfigur und der Betreiber des Clubs die Leiche verschwinden lassen, damit die Polizei nicht in dem Etablissement ermittelt. So wird die Hauptfigur DJ im Apocyrphe und wird es für lange Zeit sein.

Ein makabrer Maskenball

Dort findet Nacht um Nacht ein „makabrer Maskenball“ statt, „zwischen Bordell und Fleischmarkt“. Die Beschreibungen der Szene sind düster, zeitweise fast mystisch.

Musik auszuwählen, den Körpern einen Rhythmus vorzugeben, war, als machte man sich zum Priester eines ekstatischen Kults.

Abgestoßen und fasziniert von dieser Welt und dem neuen Leben, das nur noch in der Nacht stattfindet, macht die Hauptfigur weiter.

Doch wozu denn weggehen? Es war so einfach, den Eintritt hier als Prüfung zu verstehen, eine Läuterung durch den Schmutz. Und ich hätte so tun müssen, als wäre ich auf der Suche, obwohl ich längst wusste, dass es nichts zu finden gab und alles in Schrecken und Schweigen enden würde.

Sowohl die mit religiösen Bildern eingefärbte Sprache als auch der düster-verheerende Blick auf das Leben und die Gesellschaft prägen die gesamte Erzählung.

Gefangen in der Sehnsucht

Dann tritt A*** auf und nimmt schnell alles ein. Eine starke Anziehung geht von A*** aus, die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander und fangen schließlich eine Beziehung an. Doch sie sind ein ungleiches Paar, A*** ist flatterhaft und unnahbar und so bleibt die Hauptfigur in einem Zustand der Sehnsucht gefangen. Echte Nähe scheint unmöglich in dieser Beziehung, die doch von Anziehung und Entziehung, Nähe und Distanz beherrscht ist.

Das Vergnügen, das mir A***s Gegenwart bereitete, war nicht an besonders originelle Ansichten oder gemeinsame Vorlieben geknüpft; es gab zwischen uns weder Streit noch tiefere Gespräche. Ich genoss unsere Nähe und unsere Unterhaltungen ganz ähnlich wie auch A***s körperlichen Charme und A***s Art zu tanzen: wie etwas Ästhetisches, das ich nur einer Leichtigkeit des Seins zuschreiben konnte, die aber nicht ins Belanglose abglitt.

Außer den Charakteren erfahren wir über diese beiden Liebenden vor allem eines, das sie in den Augen anderer festschreibt und sie die Beziehung skeptisch beäugen oder gar verurteilen lässt:

Schwarze Haut, weiße Haut: Unser Äußeres sprach gegen uns, unsere Intimität verstieß gegen den gesunden Menschenverstand, der wollte, dass sich Gleiches zu Gleichem gesellt.

Hier bricht die Gesellschaft mit ihren klaren Erwartungen und normativen Vorstellungen in die Welt der Liebenden herein. Doch es gibt auch die andere Erfahrung. A***s Familie in Amerika nimmt die beiden selbstverständlich als Paar an.

Ich fühlte mich dort zu Hause, weil sie mir so sehr das Gefühl gaben, zur Familie zu gehören, und mühelos über alle Unterschiede von Rasse, Hautfarbe, Kultur, Klasse und allem anderen, was man sonst noch als andersartig empfinden mochte, hinwegsahen.

Es gibt sie also doch, die uneingeschränkte Nähe, Zugehörigkeit und Akzeptanz, in der man sich selbst wieder spüren kann. So geht es dem erzählenden Ich in Amerika. Nach dem dumpfen grellen Nachtleben und der sehnsuchtsverzerrten Beziehung wird das Selbst in Amerika wieder spürbar, auch und vor allem Schmerz und Verlust.

Bedrückung, Ambivalenz und Lesevergnügen

Ein Buch, das fordert, erdrückt und ermüdet. Doch es ist eine wichtige und produktive Erschlagenheit und Bedrückung, die es zutage fördert. Anne Garréta hat ein zugleich ehrgeiziges und sehr spannendes Erzählprojekt vorgelegt, das eisern durchgehalten wird und die Ambivalenz des Erzählten auf die Spitze treibt. Die poetische Sprache, die düsteren und mythischen Bilder voller dunkler religiöser Symbolik bieten pures Lesevergnügen. Auch die zynischen analytischen Beobachtungen und Urteile über Mitmenschen, Szenen und Gesellschaft sind ein Genuss und steuern einen harten Humor bei. Sowohl bei der Lektüre, aber auch weit darüber hinaus – zum Beispiel, wenn man über den Roman spricht oder schreibt –, ist das Buch eine elegante Einladung, um über Sprache, Gesellschaftsmuster und Rollenvorstellungen nachzudenken.

Anne Garréta: Sphinx editionfünf, 2016 184 Seiten, 19,90€.

Beiträge zur Indiebookchallenge #queeresBuch:

Beitrag I: Queer, Schwarz, rebellisch – Biskaya

Beitrag II: „Guapa“ von Saleem Haddad – ein mitreißendes Debüt

Beitrag III: Queer & Unerschrocken

               Beitrag IV: Eine Liebe genderneutral erzählt – „Sphinx“                                              von Anne Garréta               

               Beitrag V:  „Fleisch“ – queere Liebe mit viel Klischee

               Beitrag VI:  Indie & Queer? – Die Frankfurter Buchmesse 2018

               Beitrag VII: Sterbehilfe ganz nahe – „Einfach gehen“ von                                              Steven Amsterdam

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Charlotte Steinbock

Charlotte Steinbock

Als Kind im Dorf zwischen Eseln und Schafen am glücklichsten, heute überzeugtes Großstadtkind. Deshalb lohnt es sich immer, sich auf Neues und Fremdes einzulassen! Am schönsten ist die Reise, wenn man nicht genau weiß, wohin es geht - in der Literatur und im Leben!
Charlotte Steinbock

2 Gedanken zu „Eine Liebe genderneutral erzählt – „Sphinx“ von Anne Garréta

  • 5. November 2018 um 11:45
    Permalink

    Liebe Charlotte,
    vielen Dank für Deinen klugen Beitrag. Wenn man dann noch bedenkt, dass SPHINX auf französisch geschreiben wurde, ist die Leistung der deutschen Übersetzerin und des Lektorats nicht hoch genug einzuschätzen.

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    Antwort von Charlotte Steinbock am 05. Nov 2018 um 21:30

    Liebe Silke,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann dir nur zustimmen. Ich bewundere die Arbeit sehr, die da geleistet wurde. Eigentlich wollte ich dazu auch noch etwas schreiben, da der Beitrag im Rahmen der Indiebookchallenge lief, habe ich den Fokus dann aber doch nicht darauf gelegt. Deshalb Danke für diese Ergänzung! =)
    Liebe Grüße
    Charlotte

    [auf diesen Kommentar antworten]

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