„Fleisch“ – queere Liebe mit viel Klischee

Ein Roman der Schweizer Autorin Simone Meier über (queere) Liebe Ü40 zwischen Absurditäten, viel Fleisch und Fleischlichkeit.

Simone Meier „Fleisch“, 255 S., Kein & Aber Pocket, 13€

Anna und Max, beide fast 50, führen eine leidenschaftslose Langzeitaffäre. Max ist Lehrer und Anna arbeitet als Dramaturgin in der staatlichen Kulturförderung. Sie sind ein Paar, weil sie sich auf einem Klassenreffen wieder begegnet sind und halt immer noch Single waren. Sex haben sie, weil man das als Paar ab und zu macht. Ihre wahren sexuellen Bedürfnisse leben sie in der Phantasie aus, genießen aber sonst die Anwesenheit des anderen Partners in ihrem Alltag. Solche Beziehungen gibt es dutzendhaft und sind nichts Besonderes. Irgendwann arrangiert man sich.

Doch Max hat eines Tages genug und ersetzt Anna durch Sue. Sue ist eine lesbische Gelegenheitsprostituierte, die – fun fact – das Patriarchat bekämpfen will und aussieht wie Amy Winehouse mit silbernen Haaren. Anna lässt sich daraufhin von ihrem (natürlich) schwulen besten Freund Cedric trösten und beginnt eine kurzweilige Affäre mit F., einem drittklassigen, aber dafür gutaussehenden Rosamunde Pilcher-Schauspieler.

So weit, so absurd. Einen ernsten und tierfergehenden Punkt erreicht der Roman jedoch, wenn Anna der jüngeren, bisexuellen Kellnerin Lilly begegnet und sich verliebt. Lilly ist Mitte Zwanzig und lebt in einer WG mit Sue (die lesbische Prostituierte), ihrem heteronormativen Freund Alex und ihrem romantisch-pubertären, aber leicht emotional-instabilen Bruder Jonas zusammen.
Während Anna schrittweise ihre Selbstzweifel mit ihrem eigenen verfallenden Körper und ihrem vermeintlich langweiligen Job überwindet, driftet Max immer mehr in eine manisch-depressive Phase ab, in der er sich sogar selbst schwer am Oberschenkel verletzt.

Fleisch, wer hätte es gedacht, ist ein durchgehendes Motiv des Romans. Zum einen ist da das eigene Fleisch, der Körper, dem man nicht entfliehen kann und der immer mehr verfällt und somit vor allem die eigene Attraktivität als Frau mindert. Zum anderen sind da die vielen Fleischgerichte, die Annas neu entdeckte Sexualität widerspiegeln sollen. Zwischendurch gibt es dann als Kontrast noch diese „Veganpunks“, die ihren faden Tofu braten und den ganzen Hausflur damit zustinken, „als hätte eine ganze Mädchen-WG ihre Tampons in einer zehn Tage alten Kohlesuppe entsorgt.“ Spielt an sich natürlich keine wichtige Rolle im Roman, aber okay. Bisschen Veggie-Bashing gehört bei so einem Titel scheinbar dazu. Geschenkt!

Zwischen Sitcom und Klischees

Wenn über Liebe ab einem höheren Alter geschrieben wird, sind es oft die männlichen Autoren wie Kent Haruf, Martin Walser und Peter Sloterdijk, die sich dieser Thematik annehmen. Umso erfreulicher ist es, wenn eine Autorin aus einer queeren Perspektive über sich wandelnde sexuelle Identtäten schreibt.
„Fleisch“ ist ein solider Unterhaltungsroman, wenn man sitcomartige Dialoge mag und sich nicht zu sehr an den teilweise klischeehaften Figuren stört. Das drastische und tragische Ende passt nicht zum sonstigen humorvollen, böse-sarkastischen Ton des Romans und hinterlässt einen etwas faden Beigeschmack. So wie schlecht gewürzter und gekochter Tofu.

 

Beiträge zur Indiebookchallenge #queeresBuch:

Beitrag I: Queer, Schwarz, rebellisch – Biskaya

Beitrag II: „Guapa“ von Saleem Haddad – ein mitreißendes Debüt

Beitrag III: Queer & Unerschrocken

Beitrag IVEine Liebe genderneutral erzählt – „Sphinx“ von Anne Garréta

               Beitrag V:  „Fleisch“ – queere Liebe mit viel Klischee

              Beitrag VI:  Indie & Queer? – Die Frankfurter Buchmesse 2018

Beitrag VII: Sterbehilfe ganz nahe – „Einfach gehen“ von                     Steven Amsterdam

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