Mit dem Schlaghammer gegen die Erzählkonvention

Literarische Debüts sind mitunter noch schüchtern. Johanna Maxl hingegen schlug in ihrem ersten, im vergangenen Jahr erschienen Roman andere Töne an: Provokant und selbstbewusst ist Unser großes Album elektrischer Tag – und schwierig.

 

Johanna Maxl: Unser großes Album elektrischer Tage, Matthes & Seitz 2018, Foto © Angie Martiens
Johanna Maxl: Unser großes Album elektrischer Tage, Matthes & Seitz 2018, Foto © Angie Martiens

 

 

Unser großes Album elektrischer Tage stellt so einiges in Frage. Bereits meine lapidare Äußerung, dass es sich hier um einen Roman handelt, kann sogleich angezweifelt werden, denn Johanna Maxl, die zuvor in Performances und Installationen intermedial arbeitete, bricht hier auf Teufel komm raus mit allen Konventionen des Genres – ja, selbst mit allen Konventionen des Erzählens.

Eine Suche, ein Name, ein Wir

Worum es in dem Buch geht, das lässt sich nicht bestimmen, denn letztlich gibt es keinen Handlungsverlauf, keine Entwicklung innerhalb des Erzählten. Ich versuche es trotzdem. Es geht um ‚eine Suche‘, das ist der Minimalkonsens, auf den man sich wohl einigen könnte. Wer im Zentrum des Romans steht… nun, auch das ist eine schwierige Frage. Es gibt da Johanna – ein oft heraufbeschworener Name, um den alles kreist. Johanna verschwand plötzlich und offenbar grundlos, doch wer genau sie ist, das wird nicht klar – wiedergefunden wird sie am Ende übrigens auch nicht. Auf diese Suche nach Johanna begeben sich… tja, auch das weiß man nicht genau. Ein Plural sucht nach Johanna: ein ‚Wir‘, das keinen Namen hat, kein Alter, kein Geschlecht, keine Kontur. Sind es zwei oder zwölf an der Zahl? Sind es Kinder, Freunde oder gar ein Teil einer multiplen Identität Johannas? Man weiß es auch am Ende nicht.

Diesem ominösen Wir folgt man auf dessen Suche nach der ebenso ominösen Johanna – jedoch mitnichten auf einer strukturierten, chronologischen Suche wie man sie in einem Kriminalroman oder einer Abenteuerreise finden würde – denn wie gesagt: Eine Handlung kann man hier seinerseits lange suchen. Es ist eine weitestgehend innere Suche nach der verschwundenen Johanna, die sich in Erinnerungen an sie sowie in einem permanenten Raunen erschöpft:

Wir suchen unsere Johanna.
Wo ist sie denn?
Ich meine, wo war sie zuletzt.
Zuletzt war sie bei uns. (S. 64)

Stilistisches Experiment mit poetischen Zügen

Unser großes Album elektrischer Tage ist kein Roman und auch keine Erzählung. Vielmehr ist es ein Gegenkonzept dazu. Ein Anti-Roman, der seitenlang erzählt, ohne Sinn zu stiften, ohne zusammenhängenden content zu kommunizieren. In ihrer Sinndisruption gewinnt die Sprache hier ohne Zweifel besonders poetische Züge. Johanna Maxl kreiert mitunter sprachliche Bilder mit atmosphärischer Nähe zum Lyrischen:

Von hinten schlich die Zukunft sich an, wir wandten uns um, womit sie nicht gerechnet hatte, wir streckten die Hand aus, nahmen ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und hoben es ganz sacht an; wir kamen mit unseren Gesichtern näher und näher an ihres und pusteten sie an. Nein, Danke, sagte die Zukunft. Nein. Ich will fort. Sie verschränkte die Arme und wollte sich von uns kein Taxi rufen lassen, obwohl es Schnee zu regnen begonnen hatte. (S. 29)

Man kann dieses literarische Experiment, 200 Seiten lang zu erzählen, ohne im herkömmlichen Sinne tatsächlich ‚etwas zu erzählen‘, sicherlich avantgardistisch nennen. Schließlich spielte schon der Dadaismus zu Anfang des vorherigen Jahrhunderts mit der Zerstörung von Sinnhaftigkeit sowie literarischen Konventionen. Für besonders Literaturaffine ist das sicherlich ein spannendes Unterfangen. Glücklicherweise versuchten sich die historischen Avantgardist*innen jedoch nicht an Romanen, sondern nur an kurzen, knackigen Formen wie Gedichten oder allenfalls mal einer Streitschrift. Die Lektüre von Johanna Maxls 200 Seiten langem Erzählexperiment hingegen wird fortschreitend zäher. Bereits nach fünfzig Seiten ist das Konzept klar und das Interesse am Bruch mit den Konventionen gestillt – doch leider sind noch weitere einhundertfünfzig Seiten übrig, die nur noch wenig Neuerungen bieten.

Am Ende: Ein Zwiespalt

Johanna Maxls experimenteller Roman Unser großes Album elektrischer Tage ist sicherlich kein Buch für eine breite Leserschaft, denn die Lektüre ist weder unterhaltsam noch informativ, sondern bietet eine sprachlich-erzählerische Spielwiese, auf deren Länge von 200 Seiten die Grenze zwischen lustvollem Spiel und harter Konzentrationsarbeit bald verwischt. In jedem Fall gebührt der jungen Autorin Achtung dafür, dass sie sich mutig und selbstbewusst aus der oft zaghaften Massen der Debüts herauskatapultiert. Mich lässt Unser großes Album elektrischer Tage nun in einem Zwiespalt zurück: Begeistert bin ich von dem Band nicht und dennoch hat er das Interesse daran geweckt, was eine Autorin mit solch einem Auftakt wohl als nächstes schreiben wird.

 

Johanna Maxl
Unser großes Album elektrischer Tage
Matthes & Seitz, 2018

 

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Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
Angie Martiens

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