jung & unabhängig: Automatendichtung — Die SuKuLTur im ORi

Wie wäre es, wenn wir uns Literatur, genau wie Kaugummi oder Zigaretten, aus dem Automaten ziehen könnten? Für den Fall, dass wir gerade kein Buch für die nächste Fahrt mit der Berliner UBahn zur Hand haben. Das wäre doch eine super Idee. So super, dass sie vom SuKuLTuR-Verlag in die Tat umgesetzt wurde und nun seit über 20 Jahren besteht.

Automaten sind, so praktisch sie auch sein mögen, aber gleichzeitig eine schrecklich anonyme Erfindung. Was könnte man dagegen tun? Eine Lesereihe musste her! Die erste Lesung der Automatendichtung gab es im November 2015, veranstaltet von den Verlegern Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe. Es folgten weitere Veranstaltungen namenhafter Autor*innen wie David Wagner oder Monika Rinck, die aus ihren Leseheften der Reihe „Schöner lesen“ vorlasen. Wer also anstatt in der Bahn, zur Abwechslung einen gemütlichen Abend mit dem Autor oder der Autorin persönlich verbringen möchte, sollte jeden zweiten Freitag im Monat im Neuköllner ORi vorbeischauen. Wenn man Glück hat, wird in den frühen Morgenstunden sogar noch eine zweite Lese-Runde eingeläutet.

Sofie Lichtenstein
Sofie Lichtenstein
Moritz Müller-Schwefe
Moritz Müller-Schwefe

Beginn: 20:30 Uhr

Eintritt: auf Spende

Ort: ORi

Adresse: Friedelstraße 8, 12047 Berlin

Anfahrt: U8/7 Hermannplatz, Bus: M29, M41, 171, 194 Hermannplatz/Sonnenallee

Homepage: www.automatendichtung.de

Nächste Lesung: Immer am zweiten Freitag des Monats

Automatendichtung

Das Interview wurde mit Sofie Lichtenstein durchgeführt.

Wie würdet ihr die Lesereihe Automatendichtung in drei Wörtern beschreiben?

Mehr als crémig

Wie kam es zu der Idee, eine Lesereihe des Verlags SuKuLTur zu etablieren?

Für SuKuLTuR-Autor*innen gab es bis zum Herausgeber*innenwechsel keine vom Verlag initiierten Heftpräsentationen. Der Fokus lag in erster Linie auf Publikation und Vertrieb. Ich dachte mir allerdings – vielleicht weil ich selber Autorin bin –, dass es angesichts der lesenswerten Texte und schönen Hefte, die bisher erschienen sind und noch erscheinen werden, schade wäre, wenn die Verfasser*innen keine Möglichkeit hätten, sie ihm Rahmen einer Lesung vorzustellen. Für Kollektivlesungen sind die Hefte, so sie eine Erzählung beinhalten, ungeeignet, weil die Textlänge es nicht gestattet. Bleibt also nur die Einzellesung. Wie aber sollen Autor*innen die Gelegenheit für eine solche bekommen, wenn sie nicht vom Verlag selbst veranstaltet werden? Für mich führte kein Weg an einer Lesereihe vorbei. Infolgedessen habe ich Moritz mit meiner Idee konfrontiert. Überreden musste ich ihn zum Glück nicht, weil er die Situation verstand und gleichermaßen daran interessiert war, den Autor*innen eine Bühne zu geben, um ihre Hefte vorzustellen.Ich muss auch dazu sagen, dass ich in der Etablierung einer Lesereihe die Chance sah, SuKuLTuR zur Expansion zu verhelfen. Denn: Obwohl SuKuLTuR eine feste Größe im Literaturbetrieb ist und zahlreiche (inzwischen) renommierte Schriftsteller*innen bei uns veröffentlicht haben, gibt es aus meiner Sicht nach wie vor viel zu viele Menschen, die den Verlag nicht kennen oder glauben, er existiere gar nicht mehr. Präsenz ist wichtiger denn je. Nicht nur online, sondern auch physisch. Pflegt man diese beiden Säulen nicht, kann es ganz schnell geschehen, dass man nicht mehr gesehen wird, respektive im mannigfaltigen, ja, man kann sagen: Überangebot von Literaturmagazinen/-zeitschriften/whatever untergeht.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autor*innen aus?

Da bei der Automatendichtung ausschließlich Autor*innen auftreten, die bei SuKuLTuR ein Leseheft veröffentlicht haben, lassen wir entweder diejenigen lesen, deren Texte wir, also Moritz und ich, unlängst herausgegeben haben, oder diejenigen, die ob ihres Namens ein breiteres Publikum anziehen könnten, z.B. Monika Rinck oder David Wagner. „Bewerbungen“ für die Automatendichtung nehmen wir von daher nicht an.

Was versteht ihr unter einer gelungenen Lesung? Für Publikum und Autor*in?

Puh, gute Frage. Wenn die Resonanz stimmt. Wenn’s dem Publikum gefallen und der/die Autor*in sich wohl gefühlt hat. Und wenn nicht nur fünf Leute zur Lesung gekommen sind. Wir haben im Laufe unseres knapp sieben-monatigen Bestehens bereits eine Menge erlebt. Wir hatten Lesungen, die furchtbar schlecht besucht waren, und dann Abende, die bis fünf Uhr morgens dauerten und für einen Umsatzrekord beim ORi gesorgt haben – zumindest habe ich mir das von einem der Mitarbeiter sagen lassen. Worauf ich damit anspiele, ist die letzte Lesung mit Karl Clemens Kübler. Die lief bombastisch, es war knüppeldigge voll, bis um 00:00 Uhr kamen noch Gäste, sodass Clemens in der Nacht noch ein zweites Mal gelesen hat. Solche Begebenheiten stellen in meinen Augen Idealfälle dar. Liefe jede Lesung bei uns so ab, wäre ich wunschlos glücklich.

Wie wichtig ist Interaktion mit dem Publikum?

Das lässt sich so ad hoc nicht beantworten. Meine Beobachtung ist aber die, dass das Publikum darauf anspricht, wenn der/die Lesende mit/zu ihnen spricht. So ist flugs ein Kontakt hergestellt, um nicht zu sagen eine Nähe, die es den Zuhörer*innen erleichtert, der Lesung zu folgen. Es ist dann wie eine Einladung, die in der Regel angenommen wird.

Was müssen Literaturveranstaltungen zukünftig bieten, um neue Zielgruppen zu gewinnen?

Offen gestanden, mache ich mir um derartige Fragen keine Gedanken. Da ich nicht in erster Linie Veranstalterin bin, fehlt mir schlicht der notwendige Ehrgeiz, um über Innovationen zu brüten. Was ich persönlich bloß wichtig finde, ist, nicht in der Szene oder irgendeinem elitären Dunstkreis zu verschimmeln. Denn: Immer wieder sehe ich auf Lesungen entweder die gleichen Gesichter, diese ambitionierten, sich nach Erfolg sehnenden, nach ständiger Konkurrenz Ausschau haltenden Schreibnervenbündel, oder die distinguiert-bemantelten Literaturhausgänger, die sich genauso wie alle anderen in die Niederungen des Formats begeben, sobald im LCB ein paar After-Reading- Käseplatten angeboten werden. Aus kultivierten Bildungsbürgern werden Hyänen, als seien sie nur wegen des scheiß Käses gekommen und nicht wegen der Lesung. Das ist auch ein nicht unwesentlicher Grund, warum ich solche Veranstaltungen meide. Ich empfinde es teilweise als furchtbar beklemmend sowie ermüdend, mich inmitten dieser Vettern- und lästerwirtschaft aufzuhalten, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich merke, wie ich selbst anfange, diesen Dynamiken anheim zu fallen. Für mich ist ein breitgefächerter Rezipientenkreis erstrebenswert. Was man dafür machen muss: vielleicht einfach mal alle ansprechen und nicht nur Leute mit bestimmtem Hintergrund. Dafür müsste man aber zunächst aufhören, sich selbst geil zu finden.

Seht ihr Performativität als wichtige Komponente, Literatur zu vermitteln?

In Bezug auf Lesungen: absolut³. Bloßes Zuhören ist einfach mal sauanstrengend, für die einen mehr, für die anderen weniger. Viele tun sich aber unheimlich schwer damit, einen Text so vorzutragen, dass das Publikum nicht einschläft. Es ist in meinen Augen nicht zwingend nötig, eine queenähnliche Bühnenshow abzuliefern. Wenn allerdings ein Text dergestalt vorgetragen wird, dass man zur Ansicht gelangen könnte, der/die Verfasser*in/Lesende selbst sei von ihm gelangweilt oder unberührt, kann der-/dieselbe doch nicht erwarten, irgendjemanden damit zu erreichen. Anämie bietet sich bei Lesungen nicht an und hilft sicher auch nicht dabei, Literatur zu vermitteln.

Was bietet die kleine Bar ORi als Veranstaltungsort?

Die Möglichkeit, keinen Eintritt zu verlangen. Wohnzimmerflair. Intimität. Gemischtes Publikum.

Welche drei Gründe könntet ihr nennen, warum wir einen Abend bei euch nicht verpassen sollten?

Damit die Lesung voll wird. Mal 3.

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser