jung & unabhängig: Lyrik im ausland

Divers, spartenübergreifend, experimentell – nur wenige Assoziationen, die einen sofort in den Sinn kommen, wenn man ans „ausland“ denkt. Der außergewöhnliche Veranstaltungsort mit seiner besonderen Akustik liegt im Zentrum des lässig schicken Prenzlauer Bergs in der Nähe des Helmholzplatzes, der von Künstler*innen und Kulturambitionierten ehrenamtlich betrieben wird.

Neben zahlreichen Konzerten, Performances werden auch feste Veranstaltungsreihen organisiert. Mehrmals im Jahr findet die etablierte Lesereihe Lyrik im ausland statt, in der seit 2010 Autor*innen aus Berlin oder anderswo eine Plattform für zeitgenössische deutsch- und fremdsprachige Lyrik geboten wird. Im Fokus der Veranstalter Alexander Filyuta und Tobias Herold steht die mehrsprachige Vermittlung von Literatur in Form des eher klassisch lyrischen Vortrags. Nach der Lesung wird in dem schönen Ambiente ausgelassen getrunken, gequatscht und Musik gehört.

© ausland 2014

Beginn: 20:30

Eintritt: 5 Euro

Adresse: Lychener Str. 60,10437 Berlin

Anfahrt: S-Bahhof Prenzlauer Allee (ring-Bahn), Tram12 Stargarder Straße

Homepage: www.ausland.berlin/lyrik-im-Ausland

 

Wie würdet ihr die Lesereihe Lyrik im ausland in drei Wörtern beschreiben?

puristisch – vielsprachig – sozial

Wie kam es zu der Idee, eine Lesereihe zu etablieren?

Es hat Ende 2010 eigentlich mit zwei einzelnen Lyrikabenden begonnen, die auf Initiative von Alexander stattfanden, und die er gemeinsam mit mir (Tobias) als Mitstreiter vonseiten des „auslands“ durchgeführt hat. Das hat – fanden wir – so gut funktioniert, dass wir es als regelmäßige Reihe etabliert haben.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autor*innen aus?

Wir würden lieber sagen einladen, statt auswählen – das passiert teils über Anfragen und Vorschläge von außen (durch einzelne Autorinnen oder Kooperationspartner), teils durch gezielte Einladungen von uns aus. Kriterium ist immer das Künstlerische, aller meistens also Literatur, Gedichte; manchmal außerdem die originalsprachliche Herkunft der Texte. Dabei versuchen wir in der Zusammenschau, verschiedene Ästhetiken und Kontexte widerzuspiegeln.

Was versteht ihr unter einer gelungenen Lesung? Für Publikum und Autor*in?

Wenn man nur auf die Faktoren schaut, die wir beeinflussen können: Die Autorin muss sich in der Vorbereitung gut betreut wissen, Technik/Klang und all die kleinen Details in der Durchführung müssen so gut und sorgfältig, wie es im Rahmen der Möglichkeiten geht, gemacht sein. Das gehört schon zu den Dingen, die genauso auch fürs Publikum wichtig sind: Eine konzentrierte Atmosphäre während der Lesungen, möglichst optimale Präsentationsbedingungen. Nach den Lesungen soll es an der Bar ein sozialer, easy-going Ort des Austauschs sein. „Gelungen“ ist aber natürlich eine Einschätzungssache – wir hoffen natürlich, dass den meisten Autor*innen und Gästen die Abende bei uns in dem Sinn gefallen (haben)!

Wie wichtig ist Interaktion mit dem Publikum?

Bei unserem klassischen Format – Lesungen von drei Autor*innen á ca. 20 Minuten, mit kurzen Pausen dazwischen: So gut wie irrelevant, während der Veranstaltung. Gesprächsmoderation oder Austausch zwischen Publikum und Autor*innen im Plenum machen wir da bewusst nicht, das geschieht hinterher informell. Bei besonderen Formaten gibt es das aber, zum Beispiel bei „D/O Poeticon“, in dem die offene gemeinsame Diskussion Programm ist.

Was müssen Literaturveranstaltungen zukünftig bieten, um neue Zielgruppen zu gewinnen?

Ein bisschen gegen die Frage gesagt: Autor*innen bieten triftige Texte, das Publikum hat Interesse, sie daraus lesen zu hören. Veranstalter*innen bieten ein Forum dafür und sollten gute Gastgeber*innen sein. Die Zielgruppe findet sich selbst, eben über die Einzelnen und ihr Interesse, die kann man sich nicht machen.

Seht ihr Performativität als wichtige Komponente, Literatur zu vermitteln?

Lesungen aus bereits vorliegenden Texten, wie es sie bei uns meist gibt, sind ja immer ein Vermittlungsformat – zwischen dem in Schrift gefassten Text, der Autorenstimme und dem Publikum, das zugleich Leserschaft ist, oder sein könnte. Das könnte man dann natürlich, gespreizt, als „performativen Akt“ bezeichnen – oder einfach als Lesung. Performativität ist für die Lesung sicher eine wichtige Komponente in dem ganz einfachen Sinn, dass es manchen Autor*innen beim Lesen wirklich gelingt (genauso in der Prosa wie in der Lyrik), den Schrift-Text beim Lesen nicht nur mehr oder weniger ansprechend akustisch wiederzugeben, sondern ihn tatsächlich noch einmal „anders“ zu konfrontieren, eine der vielen Geisterstimmen im

Text nach vorn zu ziehen, die in der Schrift nicht unmittelbar hervortritt, oder noch ungeschieden ist. Performativität ist aber, ob im Kulturbetrieb oder den Geisteswissenschaften, inzwischen ein ziemlich abgenutzter und selbst wieder verspießerter Begriff, mit dem sich alles und nichts machen, beschreiben und bewerben lässt. Literaturveranstalter bringen ihn gern in Anschlag gegen die abwertend so genannte Wasserglaslesung, die als langweilig, öde oder uninnovativ gilt. Ich finde, man muss das immer abseits dieser Dichotomie und Slogans denken, und sich an jeder konkreten Sache seine eigenen Gedanken machen. Wenn in der Schrift Thrill ist, und der Autor gut liest, ist doch gerade die oft verpönte Wasserglaslesung ein triftiges Format, auch in seiner technischen und sinnlichen Einfachheit und Reduziertheit, den literarischen Text zu vermitteln! Eines, das nur dem Bereich der Literatur gehört, und genuin modern-säkular ist, ohne höfisches oder liturgisches Begleitzeremoniell. Dann wieder verstehe ich aber auch Leute sehr gut, die überhaupt nicht zu Literaturveranstaltungen gehen, sondern einfach für sich privat im Stillen lesen, was natürlich der wesentliche, wichtigste Zugang zur Literatur, ja, was Literatur überhaupt ist im Leben, find ich. Wem sie sich dort nicht vermittelt – wo dann? Wenn wiederum ein/e Musiker*in und ein/e Autor*in zum Beispiel gemeinsam eine Text-Sound-Performance entwickeln (wie es das im „ausland“ bei den beiden „Alter Schwede!“-Festivals gab, die Bezug zur Lyrikreihe hatten), entsteht

– eben mit Literatur, Text, als einer Komponente – ein neues eigenes, zeitkunstliches Werk eigenen Rechts, das betrachte ich dann nicht als ein „performatives Format“, um Literatur zeitgemäß unter Volk zu bringen. Ich schätze gut gemachte intermediale Werke sehr, sowas gibt es ja im „ausland“ auch ganz viel, aber die Art und Weise, wie im Literaturbereich manchmal über diese Dinge geschrieben und gesprochen wird, find ich nicht so sachdienlich, weder der Literatur, noch den anderen Künsten gegenüber. Es wird dabei immer viel Erweiterung suggeriert, aber man muss sich

auch drüber im Klaren sein, dass man mit dieser flächendeckenden Innovationsrhetorik auch an der Abschaffung von Literatur im strengen, modernen Sinn der etwa letzten 200 Jahre – eben durch diese zeitgeistmäßige kulturbetriebliche Affirmation – mitwirkt. Was nicht verboten ist, man ja vielleicht auch richtig finden kann, und was ja vielleicht sogar Spaß macht – Man sollte es sich halt bloß bewusst machen.

Was bietet das „ausland“ als Veranstaltungsort?

Berlins schönste Tiefgarage! Einen tollen Raumklang. Und unserer Lyrikreihe die schöne Umgebung des „ausland“-Gesamtprogramms, wo die Lesungen zwischen anderen Kunstformen wie experimenteller und Neuer Musik, Experimentalfilm, Performancekunst, Klanginstallationen und anderem mehr stattfinden.

Wie hat sich die Lesereihe über die Zeit verändert/entwickelt?

Im Kern ist sie sich, zum Beispiel auch im Hinblick auf das oben erwähnte „klassische Format“, treu geblieben – hoffentlich im besten Sinne. Das ein oder andere Unterformat hat sich ausdifferenziert, man arbeitet mit der Zeit eher mit mehr als weniger Partner*innen zusammen, das ist ganz normal. 2016 verfügen wir zum ersten Mal in der Reihe über Subventionen. Die wesentliche Veränderung dadurch ist, dass wir so unserem Interessenschwerpunkt auf fremdsprachiger Lyrik stärker nachgehen können, und tatsächlich Auto*innen von fern her einladen können, die sonst nur ganz selten oder nie nach Berlin kommen.

Welche drei Gründe könntet ihr nennen, warum wir einen Abend bei euch nicht verpassen sollten?

Immer die drei Lesenden, die als nächstes bei uns auftreten – diese Gründe verändern sich also ständig!

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser