Kann man das Schreiben erlernen? Ein Selbstversuch

Mit der Frage, ob und inwiefern sich literarisches Schreiben erlernen lässt, beschäftigt sich nicht nur das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, sondern auch ein aktueller Kurs der Angewandten Literaturwissenschaft. Geleitet wird der Kurs von der Autorin Larissa Boehning, die gerade ihren neuesten Roman „Das Glück der Zikaden“ im Galiani Verlag veröffentlich hat.

boehning_zikadenUnter der Überschrift „Schreiben, Erzählen, Erfinden“ geht es nämlich um nichts anderes als um das Schreiben. Natürlich wird auch die Theorie nicht ganz außen vor gelassen. Denn auch wenn die Leidenschaft fürs Schreiben sowie ein gewisses Talent von Vorteil sind, gibt es auch ein spezielles Handwerk, das man erlernen kann. Denn ob beim Singen, Schauspielern oder eben dem Schreiben geht es immer auch darum, bestimmte Techniken anzuwenden, mit Hilfe derer man sich beispielsweise in eine bestimmte Gefühlslage versetzen und diese dem Publikum – sei es der Zuhörer, Zuschauer oder Leser – glaubhaft vermitteln kann.

Im theoretischen Teil geht es um die Dramaturgie eines Textes, um Szenengestaltungen oder um die verschiedenen Erzählperspektiven, die besprochen und im Anschluss natürlich angewendet werden. Wie verändert sich meine Geschichte durch die Verwendung eines auktorialen Erzählers? Welche Wirkung hat eine Ich-Erzählung auf den Leser? Wie konstruiere ich eine glaubwürdige Romanfigur?

Zudem geht es um die Fähigkeit, seine Gedanken und Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung zu lenken und so neue Ideen zu entwickeln. In Schreibübungen werden deshalb verschiedene Methoden ausprobiert, um neue Wege und Formen des Schreibens kennenzulernen. Eine Methode ist die des automatischen Schreibens. Man sucht sich einen beliebigen Begriff, wie beispielweise das Wort „Kindheit“, und fängt ausgehend von diesem Begriff an, draufloszuschreiben, und zwar, ohne sich lange Gedanken über die Entwicklung der Handlung zu machen. Oft reicht schon ein Wort als Ausgangspunkt für das Erfinden einer Geschichte. Es geht also um das spontane Schreiben, das erstaunlich ergiebig sein kann, wenn man sich einfach vom Schreibprozess leiten lässt und seinen ersten Gedankengängen folgt. Ein wichtiger Punkt beim Schreiben sind also Assoziationen, die Initiator für das Erfinden einer Geschichte sein können. Genauso wie die eigenen oder kollektiven Erinnerungen, aus welchen man ebenso schöpfen kann, um Ideen zu entwickeln.
Auch der Alltag bietet oft genügend Fläche, um sich inspirieren zu lassen, vorausgesetzt man begegnet ihm mit offen Augen und Ohren. Und genau das kann man lernen.

Bei einer Übung ging es darum, sich nur auf seinen Hörsinn zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier lesen:

Lärm

Getrampel. Husten. Gemurmel.. „Ja gerade da…“. „Direkt am Schlesischen Tor…“. „Ja..“. „Hmmm…“. „Aber die Frage ist…“ Gelächter. „Ich schon, ich schon…“. „Wie spät ist es eigentlich?“. „…leben…“. „…inkompetent…“. „Ok, dann sehen wir uns da.“

Ein Meer an Geräuschen. Worthülsen, wohin man hört. Menschen, die vorbeihasten, vorbeitrampeln, vorbeieilen. Denn Zeit ist ein kostbares Gut, das man nicht kaufen kann. Die Schnelligkeit signalisiert Wichtigkeit. Wer langsam schlendert, hat kein Ziel.
Ihr hastet so schnell von A nach B, dass ihr mich gar nicht wahrnehmt, nicht seht. Ich sehe euch auch nicht, aber ich höre euch. Euer unerträgliches Getrampel. Eure banalen Gespräche. Euer affektiertes Lachen. Lärm, Lärm, Lärm, und alles, was ich will, ist doch Stille. Könnt ihr nicht einfach einmal still sein? Innehalten?
Wie gern würde ich für einen Moment die Zeit anhalten, euch zu einem Standbild werden lassen. Was ist denn nun auf einmal los, würdet ihr euch denken, wenn eure Beine sich auf einmal nicht mehr in Bewegung setzen würden und stattdessen fest mit dem Boden verwurzelt bleiben würden und eure Münder geschlossen bleiben würden. Doch dann, wenn die erste Irritation nachlässt, würdet ihr es spüren, fühlen, atmen. Das Geräusch von Stille. Ein Geräusch, das euch am Anfang befremdlich vorkommen wird, weil ihr es nicht mehr kennt. Euch vielleicht sogar Angst macht. Wie laut die Stille doch sein kann, werdet ihr denken. Wie mächtig doch ihre Aura.
Nach einer Weile löse ich euer Standbild wieder auf, aber ihr bleibt vorerst noch stehen. Seid noch eins mit der Stille. Es fühlt sich an wie kurz nach dem Erwachen, wenn die Realität erst nach und nach hinter einem dichten Schleier wieder sichtbar wird.
Doch dann werden sich eure Beine wieder in Bewegung setzen. Ihr werdet wieder anfangen zu rasen, und eure Münder werden wieder anfangen, bedeutungslosen Inhalt von sich zu geben. Und ihr fangt wieder an zu trampeln, so lange, bis ihr die Stille unter eurem Lärm begraben habt.

pixelstats trackingpixel

Antonia Friemelt

1986 in Northeim geboren, studierte im Bachelor Kulturwissenschaft an der Uni Bremen und seit 2011 den Masterstudium Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Freie Mitarbeit unter anderem bei der StudentenzeitschriftSpree und beim AMERICA Journal des Latka Verlags.