Konzepte von Liebe

In ihrem zweiten Roman Die juristische Unschärfe einer Ehe zeigt Olga Grjasnowa die Möglichkeiten, Abgründe und Ausweglosigkeiten auf, die Liebe mit sich bringt.

Olga Grjasnowa Die juristische Unschärfe einer Ehe

Ein Mann, zwei Frauen, eine Dreiecksgeschichte – und dennoch ist es nicht das, was es zu sein scheint. Olga Grjasnowa sträubt sich gern gegen bestehende Normen und setzt diese außer Kraft. Bei ihr ist nichts gewöhnlich. Bei ihr werden die Dinge beim Namen genannt, schonungslos und ohne Umschweife. Bereits der Titel ihres aktuellen Romans Die juristische Unschärfe einer Ehe ist einer, der die Neugier auf die Geschichte zwischen Leyla, Altay und Jonoun umso mehr anfeuert. Ein würdiger Nachfolger ihres Debüts Der Russe ist einer, der Birken liebt.

Leyla hatte die zweifelhafte Ehre, die erste verhaftete Frau zu sein, und sie bekam die dazugehörige Behandlung.

Die filigrane Ballerina Leyla wird in Baku wegen illegaler Autorennen verhaftet; eine offizielle Anklage gibt es nicht, dafür umso brutalere Misshandlungen. Bereits nach den ersten Sätzen ist man mittendrin. Die Härte und Nüchternheit der Sprache schürt das eigene Ungerechtigkeitsgefühl, das einen mit der Protagonistin leiden lässt, hassen lässt. Ein Einstieg, der lange im Gedächtnis verhaftet bleibt.

Hat man einmal Grjasnowas Stimme gehört, bekommt man sie auch beim Lesen nicht mehr aus dem Ohr. Sie steckt in jedem Satz, diese starke Stimme, immer fordernd und kritisch. Stimmig, durchdacht und auf den Punkt formuliert, montieren die kurzen Kapitel die Leben und Vergangenheiten von Leyla, Altay und Jonoun zu einem verwobenen Ganzen, dessen Teile sich wie viele verschieden gepolte Magnete entweder anziehen oder abstoßen. Leyla und Altay, beide homosexuell, führen eine funktionierende Ehe, geschlossen, um frei zu sein und die Familie zu beruhigen. Als sich Jonoun jedoch permanent in das Arrangement drängt und Altays Platz strittig macht, muss sich etwas verändern.

Nach und nach lernt der Leser die drei Protagonisten, ihre Geschichten, Hintergründe und Verknüpfungen kennen. Leyla, die Bolschoi-Ballerina, hat den Willen zu funktionieren, das ist das Fundament ihrer Persönlichkeit. Bei einem Verkupplungsversuch tritt Altay, der schwule Psychiater, in ihr Leben. Nach ihrer Heirat ziehen sie zusammen, doch die Zustände und fehlende Toleranz in Moskau treiben sie bald nach Berlin. In einer Kreuzberger Bar wirft Jonoun, die sich ihrer Homo- oder Bisexualität vorher nicht bewusst war, ein Auge auf Leyla. Das bisher funktionierende Konstrukt bekommt erste Risse, als Jonoun mit in die Wohnung einzieht:

[…] Altay ignorierte sie, sammelte die größten Scherben ein, saugte und wischte den Boden. Jonoun stand daneben und tat nichts. Wie immer in Altays Anwesenheit kam sie sich tollpatschig und dumm vor. Er umsorgte Leyla wie eine Prinzessin und machte alles tausendmal besser als Jonoun: kochen, putzen, ficken.

Ein Unfall legt Leylas Tanzkarriere kurzerhand aufs Eis, weshalb sie ihr altes Leben hinter sich lassen will und sich nach Baku begibt. Der zweite Teil des Romans steht im Zeichen der Suche. Altay und Jonoun reisen ebenfalls nach Baku, um Leyla aus dem Gefängnis zu holen, was ihnen mit Hilfe von viel Geld und Einfluss gelingt. Die beiden Frauen begeben sich daraufhin auf eine Reise durch den Kaukasus auf der Suche nach dem Vogel Simurgh. Während Jonoun sich in Leylas Familie verliebt und gern ein Teil dieser wäre, weiß Leyla ihre Gefühle für Jonoun nicht einzuordnen:

Leyla wusste nicht mehr, wo ihr Körper anfing und endete, alles wurde eins, und dann erschien auf ihren Wangen die verräterische Röte, die Franzosen auf ihren Gemälden mieden und die Russen niemals ausließen.

Doch schließlich haben sie sich nichts mehr zu sagen.

Sucht man nach einem Wort, das Grjasnowas Schreiben treffend charakterisiert, dann wäre es wohl: politisch. Nahezu jeder Satz enthält eine Spitze – gegen die Gesellschaft, die Polizei, vor allem aber gegen politische Missstände. Neben der hauptsächlichen Kritik an mangelnder Toleranz gegenüber Homosexuellen, veralteten Rollenbildern und Themen wie Ehre, Macht, Disziplin, Körperbilder und Ehe werden immer wieder kleine Wunden aus den dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte aufgerissen: Sei es der Polizist, der sich die Lager zurückwünscht, oder Jonouns Freund, der Österreicher, der sie mit der Vergangenheit seines Nazi-Großonkels, des Schlächters von Vilnius, konfrontiert.

Bildhaft, nachdrücklich und mit hoher Symbolhaftigkeit brennt sich jede Kleinigkeit dieser vielschichtigen Erzählung, die an Aktualität nie an Relevanz verliert, in den Kopf. Die juristische Unschärfe einer Ehe ist jedoch per se kein Ehe-Roman, und schon gar kein Ehebruchs-Roman à la Madame Bovary, sondern vielmehr ein Nachdenken über bestehende Konstrukte, die überholt sind und die es weiterhin zu hinterfragen gilt. So verstärken sich die Gedanken nach der Lektüre: Was bedeutet Ehe heute überhaupt noch? Und wie sieht es mit der Liebe aus?

Jonoun liebte Experimente, und sie liebte das Gefühl, verliebt zu sein, vor allem, da sie dieses Gefühl erst so spät entdeckt hatte. Liebe war für sie ohnehin nur ein temporäres Konzept.

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe. Roman. Hanser Verlag 2014. 272 Seiten. Gebunden. 19,90 €.

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Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
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