Lektüre der Longlist – Ein (gescheiterter) Selbstversuch Teil VII

Die Welt ist auch diesmal nicht untergegangen. Eigentlich schon fast schade, wäre irgendwie mal was Aufregendes gewesen, aber nein es ist noch nicht „Aller Tage Abend“ und so geht auch die Lektüre der Longlist weiter, aber zumindest bleibt die Hoffnung, dass auch diese Liste irgendwann einmal abgearbeitet sein wird, vermutlich sogar bevor die Welt wirklich untergeht, so in ein paar millionen Jahren…

Deutscher Buchpreis 2012Aller Tage Abend
Aller Tage Abend sollte auch gleich das Stichwort sein zu Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman. Zunächst war ich ja etwas skeptisch, da mir eine Freundin dieses Buch als „unbedingt lesenswert“ empfohlen hat und wir aber leider so gar nicht den gleichen Buchgeschmack haben, aber es hat sich gelohnt. In Aller Tage Abend reist man mit der Protagonistin durch das Europa des 20. Jahrhundert. Geboren 1902 in Galizien stirbt sie mehrere Tode oder anders herum: Lebt mehrere Leben, bis sie 1990 in der DDR als angesehene Autorin stirbt, zum letzten Mal. Zur Veranschaulichung hier ein kleines Zitat aus der Klappe: „Die Hauptfigur des Romans stirbt als Kind. Oder doch nicht? Stirbt als Liebende. Oder doch nicht? Stirbt als Verratene. Oder doch nicht?“
Die Autorin schafft es mit dieser raffinierten Erzählweise europäische Geschichte mit einem persönlichen Schicksal zu verknüpfen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Fünfmal korrigiert sie das Schicksal ihrer Heldin minimal und rettet ihr damit das Leben. Das Konzept ist nicht ganz unbekannt, schon bei „Weitlings Sommerfrische“ wird einem vor Augen geführt, was passiert wenn nur ein winziges Detail im Leben anders verlaufen wäre. Erpenbeck lässt ihre Figuren jedoch zusätzlich noch in Schlüsselmomenten des 20. Jahrhunderts auftreten. Das ist keineswegs abgeschmackt und öde, sondern ziemlich spannend, wenn ein anonymes „Damals“ durch einen sehr interessanten Plot und beeindruckende Schicksale ein Gesicht bekommt.

die Laute
Auf vollkommen anderen Sphären bewegt man sich hingegen in Michael Roes Roman die Laute, ein fabelhafter Buchtitel, wie ich finde. Der jemenitische Junge Asis wird eines Tages von einem Blitz getroffen und überlebt dank des raschen Eingreifens eines Kardiologen. Asis ist unverletzt, nur dass er ab jetzt die Klänge der Laute in seinem Kopf hört. „Kardiologie“, die Lehre vom Herzen und „Laute“ geben die Stichwörter für den nächsten Abschnitt.
Asis lernt das Lautespielen und will seine Angebetete, Inaja beeindrucken. Da die jedoch schon einem anderen versprochen ist, sehen das ihre Brüder gar nicht gern, sie schlagen Asis zusammen und schütten ihm Säure ins Ohr. „Der Klang von Eisenoxyd“ wird das Letzte sein, was er jemals gehört hat.
Die Laute
ist jedoch viel mehr, als die Geschichte eines behinderten, jeminitischen Jungen. Geschickt verflicht Roes verschiedene Erzählstränge zu einem Panorama des Lebens von Asis. Es wird gleichzeitig die Geschichte des Jungen Asis erzählt, der eine Gehörlosenschule besuchen wird und des Mannes, der in Polen eine neue Heimat findet, dort in der Packhalle eines Flughafens arbeitet und nebenbei eine Oper über einen antiken Mythos schreibt. Der Plot dieser Oper wird genauso in die Geschichte aufgenommen, wie die eigentliche Abschlussszene des Romans, die jedoch von Anfang an und zwischen den einzelnen Teilen des Buches schon zu erzählen begonnen wird. Das klingt kompliziert, ist es jedoch ganz und gar nicht. Roes schafft es sich und den Leser nicht zu verzetteln und obwohl ich kein Fan von Geschichten aus dem nahen Osten bin, war die Lektüre ein Erfahrung die ich nicht missen möchte, man kennt Asis am Ende so gut, dass der Abschied nach der letzten Seite fast ein bisschen schade ist.

Gutgeschriebene Verluste
Zu guter Letzt, ein unterschätzter Roman: Bernd. Die Geschichte eines hängengebliebenen 68ers, Cailloux Gutgeschriebene VerlustePflichtlektüre für die Hipster dieser Stadt, denn irgendwie ist alles schon mal da gewesen, nur (vielleicht) mit mehr Drogen, aber das können andere gewiss besser beurteilen. Ein kleines Büchlein, nur 270 Seiten stark und doch hab ich mich mit den ersten 100 Seiten etwas schwer getan.
Ein in die Jahre gekommener Mann erzählt seine Geschichte und entweder man möchte sie hören bzw. lesen, oder nicht. Ob ich das wollte, da war ich mir zumindest anfänglich nicht ganz sicher, bis zu dem Punkt, an dem man merkt, dass es viel mehr ist, als die Erzählung von Pop, freier Liebe, Drogen und „Früher war alles besser“. Dieser Mann muss feststellen, dass er trotz ausgiebiger Suche, auch mit erweiterten Sinnen immer noch nicht weiß, was das alles hier eigentlich soll. Das ist weder traurig, noch nostalgisch verklärt, sondern ironisch und nüchtern. Oft genug möchte man den Protagonisten schüttel und ihn anschreien: „Mensch Junge, wach mal auf, du bist keine 20 mehr, dein Zug ist abgefahren.“, aber was nützt das? Ohne Familie, ohne Rentenansprüche aber mit chronischer Hepatitis ist das Rumlungern in früheren Szenecafés eigentlich auch nicht das Schlechteste was er machen kann.

Jenny Erpenbeck
Aller Tage Abend
erschienen bei: Knaus
288 Seiten, 19.99 €

Michael Roes
Die Laute
erschienen bei: Matthes und Seitz
525 Seiten, 24,90 €

Bernd Cailloux
Gutgeschriebene Verluste
erschienen bei: SuhrkampVerlag
270 Seiten, 21.95 €

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