Literatur & Digitalisierung – die neue Realität

 Dass jede Krise auch eine Chance sein kann, dürfte hinlänglich bekannt sein. Doch wer sind eigentlich die Menschen, die jetzt noch ihr Glück im Buchmarkt und -geschäft suchen? Die neue Wege gehen und eigenständig etwas auf die Beine stellen? Jakob Fricke, Mitbegründer zweier Verlage, erzählt Litaffin von seinen Erfahrungen, den Chancen von Startups und warum Verlage in Zeiten der Digitalisierung experimentierfreudiger sein sollten.

Litaffin: Hallo Jakob, könntest du dich bitte kurz für unsere Leser vorstellen und erzählen, was du so machst?

Fricke: Ich bin Jakob Fricke, momentan arbeite ich bei iversity als Produktmanager und habe Picpack mitgegründet. 

Mit Picpack kann jeder seine Instagram-Bilder als Magnete bestellen. Nebenbei läuft noch der von mir gegründete Laborverlag Viktor & Pettl, der momentan leider viel zu wenig Aufmerksamkeit und Zeit abbekommt. Zuvor habe ich über zwei Jahre in Hamburg den Yanus Verlag mitgegründet und aufgebaut.

Litaffin: Was genau steckt hinter dem Yanus Verlag und Viktor & Pettl?

Fricke: Unser Ansatz mit dem Yanus Verlag war, den Long Tail des Buchmarktes wieder aufzulegen. Wir wollten alle Titel, für die noch eine Nachfrage vorhanden ist, die aber mit den klassischen Verlagsprozessen nicht kostendeckend bedient werden kann, durch sehr schlanke Prozesse, einen hohen Grad an Automatisierung und rein nachfragegesteuerter Produktion wieder auf den Markt bringen.

Niemand weiß heute genau, wie das Verlagswesen morgen aussieht. — Wir glauben an die digitale Zukunft des Buchs und eine lebhafte Nische für gedruckte Titel. Wir wollen mit Viktor & Pettl die Grenzen dessen erforschen, was technisch, wirtschaftlich und ästhetisch möglich ist. Dabei geht es um neue Formen von Inhalten und Formaten und darum, gute Geschichten zu erzählen.

Litaffin: Wie kam es denn zur Gründung von Viktor & Pettl?

Fricke: Die Verlagswelt sieht sich momentan sehr grundlegenden Herausforderungen gegenübergestellt: alle über Jahrhunderte tradierten Prozesse und Aufgabenteilungen stehen infrage. Mein Ansatz mit Viktor & Pettl war und ist herauszufinden, was einen Verlag in digitalen Zeiten ausmachen könnte. Was ist sein Angebot an Autoren? Wie grenzt er sich gegen Vertriebsmächte wie Amazon oder Apple ab, die mehr und mehr selbst die Rolle eines Verlages einnehmen? Hat er überhaupt noch eine Zukunft? Vor diesem Hintergrund der Unsicherheit – für die Verlagswelt eine sehr ungewohnte Situation – war mein Ansatz, mit Viktor & Pettl spielerisch und experimentell Antworten sowohl technischer als auch inhaltlicher und wirtschaftlicher Natur auf die Herausforderungen zu erproben.

Litaffin: Das klingt spannend! Du sprichst die Verlage im Wandel an. Haben Startups in der Literaturlandschaft hier einen Vorteil?

Fricke: Ein genereller Vorteil von Startups (und der trifft genauso auf die Literaturlandschaft zu) ist, dass sie sehr agil und wendig sind und oft neue Perspektiven mitbringen. Beispielsweise sind die Gründer von Readmill, einer Social Reading Plattform aus Berlin, Software-Entwickler und Designer und beide sind mit dem Web aufgewachsen. — Die schauen ganz anders auf den Buchmarkt als viele der Menschen, die einen klassischen Karrierepfad in die Verlagsbranche gewählt und beispielsweise Literaturwissenschaft studiert haben.

Litaffin: Es fließen also immer neue Kompetenzen zusammen. Wie sollten Verlage deiner Meinung nach mit den Herausforderungen von Digitalisierung & Co. umgehen?

Fricke: Die Frage lässt sich pauschal wohl nicht beantworten. Es wäre sicher ein Anfang für Verlage, sich mit dem Internet und der Digitalisierung ernsthaft und ohne reflexartige Vorbehalte zu beschäftigen. Das mag damit beginnen, drei Buchprojekte auf Kickstarter mitzufinanzieren, selbst einmal dreißig Bücher auf einem eReader, iPhone oder Tablet zu lesen oder einen kurzen eigenen Text gedruckt und als Ebook zu vermarkten.

Letztlich ist es wohl eine Haltungsfrage, die darüber entscheiden wird, ob ein Verlag die neuen Herausforderungen erfolgreich meistert oder nicht: sehe ich die Umbrüche als eine spannende Herausforderung oder als Bedrohung meiner Existenz? Nur wer bereit ist, alles infrage zu stellen und unbequeme Antworten in Kauf zu nehmen und gleichzeitig experimentierwillig genug ist, mutig in die Zukunft zu schreiten, hält sich die Tür ins 21. Jahrhundert offen.

Litaffin: Apropos, welche Chancen siehst du in der Entwicklung von Ebooks?

Fricke: Ich will gar nicht mehr sagen, dass den Ebooks die Zukunft gehört; sie sind schon mitten in der Gesellschaft angekommen. Sogar in Deutschland wird das nicht nur in der U-Bahn jeden Morgen immer deutlicher, auch die Marktzahlen und Bilanzen der Verlagshäuser deuten ausreichend in die Richtung. Vor zwei Jahren war die Diskussion, ob Ebooks sich wirklich durchsetzen werden vielleicht noch legitim; inzwischen ist sie das überhaupt nicht mehr. Ich bin fest davon überzeugt, dass in wenigen Jahren die 90 bis 95 Prozent der preiswert produzierten Bücher, bei denen nicht die physische Form, sondern immer der Inhalt ausschlaggebend ist, nur noch digital vertrieben werden. Gleichzeitig werden die restlichen fünf bis zehn Prozent, die aufwendig produzierten Titel, bei denen die physische Beschaffenheit einen Wert an sich darstellt, weiterhin ihre Käufer finden. — Vielleicht werden sie sogar in der Wertschätzung steigen.

Litaffin: Und was bevorzugst du persönlich — das klassische Buch oder das Ebook?

Fricke: Ich habe in den letzten 18 Monaten fast 50 Bücher gelesen. Bis auf eins oder zwei habe ich dabei alle digital auf meinem iPad gelesen. — Ich plane gerade, den Großteil meiner Restbestände an gedruckten Büchern zuhause ebenfalls zu veräußern…

Litaffin: Abschließend ein Ausblick: Amazon kontrolliert 27 Prozent des US-Buchmarktes und hat das Potenzial, künftig noch mehr an Macht zu gewinnen. Siehst du Amazon als direkten Konkurrenten zu den Verlagen?

Fricke: Ja, das sind sie bereits. Diese Woche beispielsweise ist in den USA Tim Ferris neuester Bestseller »The 4-Hour Chef« veröffentlicht worden — verlegt von Amazons Imprint New Harvest. Amazon selbst hat inzwischen um die zehn eigenen Imprints. Das macht natürlich für die Autoren sowie für Amazon Sinn: beide können sich obendrein den Verlagsanteil am Ladenpreis aufteilen. Amazon hat darüber hinaus selbst die beste Marketing- und Vertriebsmaschine, um die eigenen Titel digital als auch gedruckt – über ihre eigene Digitaldrucksparte in den USA – erfolgreich auf dem Markt zu platzieren. Gleichzeitig hat Amazon mit der Unmenge an Daten, die sie täglich durch Verkäufe, Klicks und Rezensionen produzieren, wohl eine der besten Ausgangslagen, um potenziell erfolgreiche Titel zu identifizieren. So durchforstet Amazon seine Datenbestände nach erfolgreichen, noch nicht ins amerikanische übersetzen Titeln, lässt diese dann auf eigene Kosten übersetzen und bringt sie in einem seiner Imprints auf den Markt.

Aber ich würde davor warnen, deshalb Amazon zu verteufeln und zum Sündenbock — ähnlich wie deutsche Presseverlage Google behandeln — zu machen. Das ist ein Teil der neuen Realität, mit der sich die Verlage auseinandersetzen müssen – ihre Aufgabe ist es, sich neu zu definieren und ein sich wirtschaftlich tragendes Geschäftsmodell in einem sich ändernden Marktgefüge zu entwickeln. Ich bin fest davon überzeugt, und viele kleine Beispiele zeigen es immer wieder, dass es genügend Möglichkeiten gibt, einen Verlag ins 21. Jahrhundert zu retten. Nur wird nicht viel, was einen Verlag vor zehn Jahren ausgemacht hat, auch noch in zehn Jahren seine Gültigkeit besitzen.

Litaffin: Vielen Dank für das Interview und deine Zeit, Jakob!

 

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Anne Stukenborg

1987 in Vechta geboren, studiert "Angewandte Literaturwissenschaft" an der FU Berlin und arbeitet nebenbei als Werkstudentin in der Webredaktion des Suhrkamp Verlags.

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