LOG.OS – eine Spielwiese für E-Books

LOG.OS ist ein ambitioniertes Projekt: Eine ganz neue Online-Leseplattform soll entstehen – eine, bei der Datensicherheit, Gemeinnützigkeit und Interaktivität ganz groß geschrieben werden. Auf der Leipziger Buchmesse wurden passend zum Graswurzel-Projekt kleine Samenpakete verteilt, mit denen sich jeder seine eigene, individuelle LOG.OS-Wiese basteln kann. Wir haben uns dort mit Gründer Volker Oppman getroffen und ihn gefragt, wie sich LOG.OS seit seinem Interview mit Litaffin im Oktober denn so entwickelt hat.

log.os_wieseLOG.OS hat ja inzwischen einiges an Aufmerksamkeit gewonnen. Was musst du den Leuten denn am öftesten erzählen?

[lacht] Der Text, über den ich inzwischen wahrscheinlich ganze Bücher füllen könnte, ist in der Tat das Thema: Was ist LOG.OS? Und wie soll’n das funktionieren? Die kürzeste Antwort wäre: LOG.OS ist eine gemeinnützige E-Book-Plattform. Bei dem Wort „gemeinnützig“ denken viele, dass die Inhalte kostenlos seien und die Schriftsteller und Verlage damit kein Geld verdienen könnten. Aber es bedeutet lediglich, dass die Inhaber eine gemeinnützige Institution sind. Das finden wir deshalb wichtig, weil es im digitalen Bereich keinen Unterschied mehr zwischen Buchhandlungen und Bibliotheken gibt; es ist alles eins. Mit „Bibliothek“ meine ich hier übrigens keine Leihbibliothek, sondern im weitesten Sinn eine geordnete Sammlung von Inhalten, die öffentlich zugänglich sind.

Warum ist der gemeinnützige Faktor so wichtig?

Im Gegensatz zur realen Welt liegen meine Bücher in der digitalen Welt nicht in meinem Bücherregal, sondern auf dem Server eines großen Anbieters. Alle digitalen Inhalte werden auf einer Handvoll von Servern gesammelt und verwaltet, und wir machen uns als Gesellschaft von diesen paar Anbietern abhängig. Meines Erachtens geht damit ein Maß an Verantwortung einher, das ein normales Unternehmen einfach nicht abdecken kann oder sollte.

Was unterscheidet LOG.OS denn von einem normalen Webshop?

Es gibt einen sogenannten Megatrend hin zu integrierten Systemen. In solchen Systemen werden Daten nicht nur gesammelt, sondern auch nutzbar gemacht. Das heißt, ich als Kunde kaufe die Inhalte nicht an einer Stelle ein, um sie an anderer Stelle zu lesen und mich an dritter darüber auszutauschen, sondern ich nutze ein einziges System dafür. Neben kaufen und lesen kann ich sie auch kommentieren, damit arbeiten und mich mit anderen Nutzern austauschen. Das nennt sich Social Reading. Die einzigen, die bisher so weit denken und es auch umsetzen, sind leider die großen amerikanischen Anbieter. Auf dem deutschen Buchmarkt gibt es nur die einzelnen Fragmente.

Also ist LOG.OS auch ein soziales Netzwerk?

Ja. Der Sinn einer Bibliothek ist ja auch, dass man einen Ort schafft, an dem sich die Leute begegnen und kommunizieren. In einem normalen Webshop passiert keine Kommunikation, da bin ich einfach nur Kunde. Wir denken es tatsächlich eher wie ein soziales Netzwerk, in dem auch ein Austausch über die Bücher hinaus stattfinden kann. Die Nutzer haben Userprofile, über die sie sich miteinander austauschen können, und die Inhalte haben Werksprofile. Diese Werksprofile entsprechen am ehesten einer Produkt-Detailseite. Darauf findet man das Werk in verschiedenen Ausgaben und dazu Rezensionen, Statistiken, Kommentare und Leseproben. Man kann Textstellen hervorheben, kommentieren und mit anderen privat oder öffentlich darüber diskutieren.

Und man kann das Werk auch direkt von euch kaufen?

Ja, wir müssen die Inhalte natürlich direkt auf der Seite lieferbar machen. Aber es muss natürlich auch für Buchhändler und Verlage attraktiv sein, LOG.OS als Marketing-Tool oder Verkaufskanal zu benutzen. Wenn zum Beispiel jemand auf die Empfehlung eines Buchhändlers ein Buch kauft, sind wir nicht mehr selbst Händler, sondern nur noch das Medium, das die Transaktion ermöglicht. Die wirtschaftliche Kundenbeziehung und Handelsmarge erhielte in diesem Falle der Buchhändler; wir bekämen nur einen kleinen Bruchteil.

Bei eurer Kick-Off-Konferenz im Februar waren die Verlage teilweise ja eher zögerlich. Habt ihr sie inzwischen mehr von euch überzeugen können?

Definitiv. Was die Verlage oft ein bisschen skeptisch macht, ist dass sie sich nicht vorstellen können, wie sie diese Plattform neben ihren ganzen Facebook-, Google- und Twitter-Accounts bespielen sollen. Aber uns reicht es völlig, wenn uns Verlage einfach als weitere Handelplattform adressieren. Sie müssen weder an das Konzept noch an die Idee dahinter glauben, sondern uns einfach wie jede andere neue Buchhandlung mit ihren Büchern beliefern. Aber natürlich haben die Verlage auch die Möglichkeit, ihren eigenen Channel zu bespielen, wenn sie es denn wollen.

Wenn jetzt jemand sagen würde: „Hey, ich hab hier ’ne Millionen rumliegen, ich geb’ sie euch, macht mal was!“, was würdet ihr als erstes tun?

Außer in den Urlaub zu fahren? [lacht] Nein, im Ernst würden wir erstmal einen Prototypen beziehungsweise mit ’ner Millionen sogar eine Beta-Version bauen, die tatsächlich funktioniert.

Wie würdet ihr dabei konkret vorgehen?

Also, aus Kundensicht ist vor allem das interessant, was man tatsächlich sehen und anfassen kann. Also würden wir das Konzept vor allem visualisieren. Im ersten Schritt in Schaubildern, im zweiten mit einem Klickdummy, der die Oberfläche simuliert. Und im dritten Schritt mit dem Prototypen, bei dem auch die ganzen Funktionen tatsächlich existieren.

Hast du das Gefühl, es bewegt sich vorwärts und ihr fangt langsam an, etwas umzusetzen?

Deutlich. Die Branche ist natürlich per se relativ verhalten, nach dem Motto: „Baut das mal, wir gucken es uns dann an und wenn’s funktioniert, machen wir mit.“ Insofern haben wir uns von vornherein keine Illusionen gemacht, dass jemand groß finanziell einsteigt. Aber was wir brauchen, ist das Commitment der Branche; dass sie uns ernst nehmen und uns natürlich ihre Inhalte geben. Eigentlich wollten wir erstmal nur das Bewusstsein für LOG.OS schaffen, aber erstaunlicherweise gab es auch hier auf der Leipziger Buchmesse einige Gespräche, in denen Verlage ihre dezidierte, auch finanzielle Unterstützung angeboten haben. Erstmal natürlich kleinere Beträge, aber das ist trotzdem immens wichtig. Wir wollen nicht einen großen Investor, sondern viele kleine, so dass es organisch wächst. Das geht nicht von heute auf morgen. Bis sich so eine Plattform am Markt durchsetzt, dauert es zehn bis fünfzehn Jahre. Aber man muss natürlich irgendwo anfangen. Und Schritt für Schritt entwickelt sich dann eine gewisse Dynamik, bis es irgendwann einen Zug gibt und alle sich fragen: „Oh, was ist denn da passiert?“

Wollt ihr auch eine Crowdfunding-Kampagne machen?

Nicht nur eine. Wir wollen ein ganzes Bündel von Finanzierungsmaßnahmen machen. Es fängt an bei Spenden und Mitgliedsbeiträgen über öffentliche Förderprogramme bis hin zu Crowdfunding-Aktionen. Dafür müssen wir dieses riesige Projekt in lauter kleine Teile zerlegen und diese einzeln budgetierten. Wenn zum Beispiel die Entwicklung einer Datenbank zu einer ausgeschriebenen EU-Förderung passt, beantragen wir die. Bei einem Produkt, unter dem sich der Kunde etwas vorstellen kann, wie zum Beispiel eine Readersoftware, starten wir eine Crowdfunding-Kampagne. Bei Forschung und Entwicklung kann man eine Partnerschaft mit einer Universität angehen. Aber das alles bedeutet, dass vor uns eine riesige Management-Aufgabe liegt. Wir müssen die Einzelprojekte chronologisch so aufeinander aufbauen, dass daraus Stück für Stück organisch die ganze Plattform entsteht.

Viel Glück dabei und vielen Dank für das Gespräch, Volker!

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Lilith Pasztor

Nach einer kurzen Karriere als Piratin entschied Lilith am Strand der sizilianischen Insel Salina, auf der sie nach einer gescheiterten Meuterei ausgesetzt wurde, dass es an der Zeit sei, sich auf die große Liebe ihres Lebens zu konzentrieren: die Literatur. Sie kehrte in ihre Heimatstadt Berlin zurück, machte ein Praktikum, bewarb sich überraschend erfolgreich für den MA Studiengang Angewandte Literaturwissenschaft und arbeitet heute neben ihrem Studium als freie Lektorin, Übersetzerin und Texterin. Die Piraterie hat sie schon lange aufgegeben, doch manchmal kann sie noch immer den Gesang der Passatwinde hören.

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