Love is Strange, Kraftidioten und Boyhood – Meine Berlinale-Favoriten

Vorbei ist sie, die Berlinale. Und mit ihr eine tolle Zeit voller spannender, skurriler und emotionaler Geschichten. Zugegeben, es gibt sicher viele Leute, die in den 10 Berlinale-Tagen sehr viel häufiger als ich im Kino waren. Doch auch mir kommt es vor, als hätte ich in der vergangenen Woche das Kino zu meinem zweiten Wohnzimmer gemacht. Für insgesamt fünf Filme konnte ich Karten ergattern. Dann hieß es: früh genug da sein, warten und schnell einen guten Platz sichern. Höhepunkt dieses Marathons? Eindeutig der Doppel-Kinoabend mit Kraftidioten und Boyhood. Zwei Filme, bei denen vor allem die Drehbuchautoren ganze Arbeit geleistet haben. Doch auch Love is Strange hat mich mit seiner außergewöhnlichen Liebesgeschichte überzeugt.

Love is Strange

Alfred Molina und John Lithgow in Love is Strange © Berlinale
Alfred Molina und John Lithgow in Love is Strange © Berlinale

Ein Liebesfilm? Ja. Kitschig? Ganz und gar nicht. Zwei alte Männer stehen morgens auf, ziehen sich an – Anzüge. Sie gehen nach draußen auf die Straße und plötzlich stehen sie inmitten ihrer eigenen Trauungszeremonie. 39 Jahre sind Ben und George ein Paar. Alle wissen das, alle akzeptieren das. Doch ausgerechnet eine offizielle Hochzeit und somit Besiegelung ihrer Liebe soll das Glück dieses äußerst sympathischen Paares auf die Probe stellen. George, Musiklehrer an einer katholischen Kirche, wird plötzlich fristlos gekündigt, woraufhin Ben und George ihre Wohnung in New York verlieren. Alfred Molina und John Lithgow verkörpern in Love is Strange diese beiden älteren Herren und ihre gegenseitige Zuneigung ganz großartig und absolut authentisch. Ganz erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der ganze Film mit nur einer einzigen Szene auskommt, in der die beiden über ihre Gefühle sprechen – und das ausgerechnet in einem Doppelstockbett. Liebe mag seltsam sein, aber Grenzen hat sie keine.

Stellan Skarsgård in Kraftidioten © Berlinale
Stellan Skarsgård in Kraftidioten © Berlinale

Kraftidioten (In Order of Disappearance)

Auch die Liebe zu seinem Sohn kann ganz ungeahnte Charaktereigenschaften hervorbringen. Der Titel In Order of Disappearance sagt eigentlich schon alles. Neben jeder Menge Schnee gibt es in diesem Film vor allem eine Menge Prügel, Blut und Tote. Ausgelöst wird das Gemetzel in der norwegischen Kleinstadt durch den Tod Ingvars, dem Sohn des gerade zum Bürger des Jahres gekürten Nils Dickman. Diagnose: Überdosis. Schnell kommt Nils dahinter, dass die Drogenmafia ihre Finger im Spiel hat und bringt jeden zur Strecke, der an dem Mord an seinem Sohn beteiligt war. Stellan Skarsgård schlüpft perfekt in die Rolle des eigentlich introvertierten Schneepflug-Fahrers, der sich mal eben so mit Drogenbossen anlegt und eine Leiche nach der anderen den Fischen im eisigen Wasser überlässt.

Schwarzer Humor soweit das Auge reicht. Man kann herzlich lachen, auch wenn einiges gewagt ist, denn Klischees und Vorurteile werden hier nicht zu knapp bedient. Die durchweg skurrilen Dialoge leben vor allem von den absurden Charakteren, allen voran Gangsterboss und Veganer Ole (Pål Sverre Hagen), der mit seinem Fahrer gleichzeitig über verschwundene Dealer spricht und daran erinnert, dass sein Sohn jeden Tag fünf Portionen Bio-Obst und Bio-Gemüse braucht. Die grandiose Arbeit von Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson wäre daher für mich auf jeden Fall einen Silbernen Bären wert gewesen.

Boyhood

Ellar Coltrane in Boyhood © Berlinale
Ellar Coltrane in Boyhood © Berlinale

Einen Silbernen Bären einheimsen konnte zumindest Boyhood. Für die beste Regie und sein einzigartiges Langzeitprojekt wurde Richard Linklater ausgezeichnet. Boyhood ist so besonders, weil das ganz normale Leben abgebildet wird. Das Leben eines Jungen, der in Texas mit seiner anstrengenden großen Schwester aufwächst, zwischen seinen getrennten Elternteilen hin- und herpendelt und mit trinkenden Stiefvätern zurechtkommen muss. 12 Jahre lang dauerte die Produktion, bei der sich die Crew jährlich zum Drehen traf – insgesamt nur 39 Tage. Herzstück des Films ist Mason (Ellar Coltrane), der vom niedlichen Siebenjährigen zum Teenager heranwächst. Die Entwicklungen sind bei den Kindern natürlich am deutlichsten zu sehen, doch auch die Erwachsenen verändern sich in zwölf Jahren gewaltig: lange Haare, kurze Haare, Gewichtszunahme, Falten und graue Haare – so spielt das Leben. Und genau das zeichnet der Film ungeschönt und lebensecht nach.

Das ist der Grund, weshalb man von der ersten bis zur letzten Minute völlig gebannt auf die Leinwand starrt und mit dieser zumeist durchschnittlichen amerikanischen Familie mitfühlt. Um so ein Leben darstellen zu können, braucht es Zeit. 164 Minuten lang geht diese einzigartige Geschichte und steht damit auch stellvertretend für einen Trend der diesjährigen Berlinale, wie ihn Festivaldirektor Dieter Kosslick verzeichnet: „Manche Geschichten brauchen ihre Zeit, um sich richtig entfalten zu können.“ Dabei verweist er vor allem auf den Einfluss der immer beliebter werdenden US-Fernsehserien, die zum langen Gucken animieren. Episodenhaft wird dem Zuschauer so auch Masons Leben präsentiert. Und noch nie schien eine filmisch umgesetzte Coming of age-Geschichte so authentisch wie hier. Man könnte fast meinen, dass der klassische Roman dadurch Konkurrenz bekommt.

Bis die Filme im deutschen Kino laufen, dauert es sicher noch eine Weile. Genaue Starttermine stehen leider noch nicht fest. Vormerken kann man sie sich ja trotzdem schon mal!

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Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
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