Maria-Christina Piwowarski: „Ein Buch kann keine Therapie ersetzen“

In der Pandemie suchen viele Menschen Trost in Büchern. Ein Gespräch mit der Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski darüber, was Literatur leisten kann – und warum sie weder Selbsthilfebücher noch Achtsamkeitsübungen gerne empfiehlt. 

© Simone Hawlisch

Maria-Christina Piwowarski leitet seit 2015 die Buchhandlung ocelot, in Berlin-Mitte. Mit ihrem Kollegen Ludwig Lohmann hat sie das Label blauschwarz Berlin gegründet, unter dem sie Moderationen und Workshops anbietet, und bespricht im monatlichen Podcast „Letzte Lektüren“, was sie zuletzt gelesen hat. Auf Instagram gibt sie regelmäßig Literaturempfehlungen.

Maria, bei Instagram lädst du regelmäßig zur „Literatursprechstunde“ ein: Deine Follower*innen schreiben dir, welche Art von Buch sie gerade suchen, und du gibst eine persönliche Empfehlung. Wie ist diese Idee entstanden? 

Buchhandel funktioniert für mich einzig und allein über Beratung. Um Bücher zu kaufen, brauchst du schließlich schon seit 20 Jahren keine Buchhändler*innen mehr, Bücher kaufen kannst du auch im Internet oder beim Supermarkt um die Ecke. Eigentlich sind wir also keine Buchhändlerinnen, sondern Buchberaterinnen, und das geht über Instagram ganz gut. Die Idee dazu kam mir tatsächlich durch die „Pflanzensprechstunde“ von Marie Nova. Die kann man um Rat fragen, wenn die Zimmerpflanzen die Blätter hängen lassen.

Bei Instagram fragen dich Menschen oft nach Empfehlungen für schwierige Situationen – zum Beispiel, weil es ihnen psychisch schlecht geht. Glaubst du, dass das Menschen dort leichter fällt, weil es anonymer ist?

Im Laden kommt das tatsächlich auch ab und zu vor. Aber natürlich trauen sich die meisten Menschen nicht, persönlich auf die Buchhändlerin zuzugehen und zu sagen, dass sie gerade die krasseste Depression ihres Lebens haben. Diese Ehrlichkeit fällt bei Instagram sicher leichter. Durch die Pandemie hat sich das aber ohnehin total verstärkt – so wie alles Schwierige noch schwieriger geworden ist. Am Anfang kamen bei der Literatursprechstunde eher Fragen à la: „Mein Freund liest nur japanische Mafiakrimis und kennt schon alle, hast du noch einen Tipp?“ Das war dann meine größte Herausforderung. Inzwischen hat es sich sehr zu diesem emotionalen Thema verschoben. Ich bekomme zur Zeit keine Anfrage so häufig wie diese.

Wenn ich sage, ein Buch macht gute Laune, heilt das noch lange keine Depression.

Fühlst du dich manchmal ein bisschen wie eine Therapeutin?

Gerade in einer Zeit, in der wir endlich offener über psychische Erkrankungen sprechen, finde ich das sehr schwierig. Manchmal habe ich ein ungutes Gefühl, wenn ich merke, dass Büchern so eine große Verantwortung zugeschoben wird, weil Menschen ganz viel Hoffnung da reinlegen, dass es ihnen helfen soll. Wenn ich sage, ein Buch macht gute Laune, heilt das noch lange keine Depression. Ein Buch kann keine Therapie ersetzen. Außerdem bin ich als Buchhändlerin überhaupt nicht in der Position, eine solche Empfehlung auszusprechen – ich spiele mich ja auch nicht als Ernährungstherapeutin auf und sage, wenn du dieses Buch liest, bekommst du keinen Krebs. Die Profis müssen die Profi-Sachen machen, und ich bin eben Bücher-Profi, kein Therapie-Profi. Klar, es gibt diese Bücher, die unfassbar viel können, die uns im richtigen Moment die Augen öffnen oder die Welt wieder gerade rücken. Es gibt tröstende Bücher und Bücher, bei denen man sich weniger allein fühlt. Ich glaube aber, das sind Dinge, die man eher zufällig empfinden muss. Man kann ein Buch nicht wie eine Medikamentendosis in sich reinpacken und dann sicher sein, dass es besser wird. 

Wo sind denn deiner Meinung nach die Grenzen dessen, was Literatur in dieser Hinsicht leisten kann?

Ich finde, es gibt Bücher, die zum Beispiel bei Liebeskummer helfen können. Oder Bücher, die einfach lustig sind und einen trösten, weil man denkt: Ach, das Leben ist ja doch ganz schön. Aber sobald das Wort Depression fällt, wird es eine Ecke zu groß. Ein Buch ist nicht „therapeutisch“. Wir benutzen das Wort so häufig – das ist echt ein Problem. Mir folgen tatsächlich viele Therapeut*innen, die immer ganz erleichtert darauf reagieren, wenn ich sowas in meinen Storys schreibe. Gerade im Beratungsbereich wird viel Schindluder getrieben, mit hanebüchenen Selbsttherapiemaßnahmen. Da wird suggeriert, dass man kann sich ja alles suchen kann, um sich selbst zu helfen: Man kann sich die richtigen Bücher besorgen und den richtigen Kurs machen, man macht dieses Yoga und jene Achtsamkeitsübung, und dann ist alles wieder super. Aber bei gewissen Dingen greift sowas eben nicht mehr. 

Es gibt Bücher, die zum Beispiel bei Liebeskummer helfen können. Oder Bücher, die einfach lustig sind und einen trösten. Aber sobald das Wort Depression fällt, wird es eine Ecke zu groß.

Hast du das Gefühl, dass Bücher seit der Pandemie noch mal einen anderen Stellenwert bekommen haben? 

Ich habe das im Laden schnell gemerkt: Erst wurden Nudeln und Klopapier gekauft, und dann Bücher. Gerade in einer Zeit, in der du nicht ins Kino gehen kannst, keine Freund*innen treffen kannst, was bleibt da noch? Bücher, die irgendwie dabei helfen, mit einer so großen Belastungssituation klarzukommen: Durch Ablenkung, Erklärung, Wissen, Eskapismus. Und Bücher, die die Kinder einfach hardcore beschäftigen, damit man als Eltern nicht durchdreht. Ich habe das Gefühl, dass das Buch sich in der Pandemie tatsächlich noch mal als Medium bewährt und gefestigt hat.

Warum suchen Menschen denn vor allem in Büchern nach Rat, Antworten oder Trost? 

Bücher haben den Anspruch, dass sie den Horizont erweitern und uns verändert zurücklassen können. Nicht alle Bücher schaffen das, aber das ist die Idee: Dass sie unsere Sicht auf die Welt verändern. Das tun Bücher, glaube ich, einfach mit einer älteren Tradition als zum Beispiel das Kino. 

Je nachdem, worum es geht, geht mit einer Literaturempfehlung ja auch eine gewisse Verantwortung einher, oder? Hast du manchmal Angst, das Falsche zu empfehlen? 

Wir können das gleiche Buch lesen und trotzdem etwas völlig Unterschiedliches empfinden. Deshalb ist alles, was ich sage, natürlich immer eine Angabe ohne Gewähr, weil ich einfach nicht in deinem Kopf sitze. Und ehrlich gesagt: Kinder zu haben ist so krass viel anstrengender als Bücher zu empfehlen! Wenn es schief geht, tut mir das natürlich leid, aber dann ist es halt ein blödes Buch und wird weitergegeben. Aber genau deswegen versuche ich eben auch ganz klar zu machen, dass ein Buch keine Therapie ersetzt. 

Ich habe das Gefühl, dass das Buch sich in der Pandemie tatsächlich noch mal als Medium bewährt und gefestigt hat.

Trotzdem kann ein Buch ja bei manchen Leser*innen auch Schaden anrichten. Denkst du, dass bestimmte Bücher vielleicht sogar mit einer Triggerwarnung versehen werden sollten?

Von meinem ästhetischen Grundempfinden her bin ich eigentlich gegen so ein „Geländer“, zu dem ja auch eine Triggerwarnung irgendwie gehört. Es wirkt immer ein wenig nach Netz und doppeltem Boden, und ich glaube, dass manche Dinge eben nicht mit Netz und doppeltem Boden funktionieren. Dinge machen unterschiedliche Dinge mit Menschen. Das auf ein paar Warnbegriffe herunter zu brechen finde ich schwierig. Wenn ich etwas empfehle, spreche ich aber oft verbale Triggerwarnungen aus, etwa, wenn es in einem Buch um eine Essstörung oder eine Vergewaltigung geht. Bei „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara sage ich zum Beispiel immer dazu, dass man dafür relativ stabil sein sollte – oder zumindest gerade Lust darauf haben sollte, solche emotionalen Tiefen auszuloten. 

Literatur muss uns also auch etwas abverlangen dürfen? 

Auf der einen Seite ja. Dennoch finde ich es total legitim, wenn Leute sagen, dass sie zum Beispiel einfach nichts über Missbrauch an Frauen lesen möchten. Und ich bin auch nicht betroffen genug, um das zu entscheiden. In dem Moment, in dem betroffene Menschen mir sagen, dass ihnen so eine Triggerwarnung wirklich hilft, wäre die Frage für mich völlig vom Tisch, dann soll das gemacht werden! Das ist ein bisschen wie mit genderneutraler Sprache: Sobald genug Leute sagen, dass sie das hilfreich finden und es wirklich einen Unterschied für sie macht, bin ich die letzte, die sich dagegen verwehrt.

Das Ratgeber-Konzept macht Sinn, wenn es um Darmgesundheit geht. Sobald wir aber über emotionale oder mentale Dinge sprechen, finde ich, dass man in der Literatur viel besser aufgehoben ist.

Wie stehst du zu Selbsthilfeliteratur? Ich habe den Eindruck, dass du eher Romane empfiehlst als klassische Ratgeber.

Dieses Ratgeber-Konzept macht Sinn, wenn es um Darmgesundheit geht, aber sobald wir über emotionale oder mentale Dinge sprechen, finde ich immer, dass man in der Literatur viel besser aufgehoben ist. Ich habe oft ein richtig schlechtes Gewissen, weil es so viele coole Sachbücher gibt – aber wenn ich die Wahl habe, greife ich lieber zum Roman. Ich liebe es, wenn etwas in Sprache verpackt ist, und in Sachbüchern ist der Stil eben doch oft eher journalistisch und praktisch. Gerade im Bereich Feminismus gibt es aber natürlich sehr gute und wichtige Bücher, die beides kombinieren, „Süss“ von Ann-Kristin Tlusty zum Beispiel. Und es gibt ja auch viele autofiktionale Texte, die diese Grenzen ein bisschen sprengen. Wenn Édouard Louis vom Entkommen aus einer Klasse und vom Aufwachsen als homosexueller Junge erzählt, würde ich das niemals als Selbsthilfeliteratur bezeichnen, obwohl es natürlich auch irgendwo eine Selbsthilfe-Funktion haben kann – selbst für mich, obwohl ich kein schwuler kleiner Junge in Frankreich bin. Ich glaube, dass da gerade viel passiert und die Grenzen der Genres langsam verschwimmen. Was aber vermutlich leider nicht dazu führt, dass Eckhart Tolle irgendwann mal out ist (lacht). 

Maria, vielen Dank für das Gespräch! Noch eine letzte Frage: Verrätst du uns deine Top 3 Literaturempfehlungen, die uns gut durch den Winter bringen?

Nur drei? Das ist wirklich schwierig. Aber es gibt so einen festen Kern vorne an der Spitze meiner Lebenslektüren. Wenn man es noch nicht gelesen hat, finde ich, dass man „Zuhause“ von Daniel Schreiber lesen muss. Ich liebe auch „Nüchtern“ und „Allein“, aber „Zuhause“ ist das, was sowohl bei meiner 50-Jährigen Nachbarin also auch bei meiner 15-Jährigen Nichte eine ähnliche Relevanz bekommt. Dann finde ich, dass alle Brilka lesen müssen („Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili, Anm. d. Red.). Und Esther Kinski, „Das Lied vom Abendrot“. Ja, das sind meine Empfehlungen für den grauen Berliner Winter, jetzt und immer.

Marit Blossey

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