“es ist zeit für ruhige und positive gedichte“

„Dies ist der Gedichtband YIN von Marius Goldhorn, in dem alles fließt“, heißt es auf den ersten Seiten. Ein Gedichtband entwerfen, in dem alles fließt, ist ein hehres Ziel und eines, das in seiner stilvollen Aufmachung auf den ersten Seiten des Buches bereits die drei zentralen Motive enthält: Ästhetik, Ironie, Ernsthaftigkeit. Wie YIN dieses Ziel erreicht, ist die wesentliche Erfahrung beim Lesen dieses Buches.

von Tom Luca Adams

(c) Tom Luca Adams

Natürlich gibt es auch mal oberflächliche Passagen, nicht alles ist gelungen, aber da schreibt tatsächlich einer von der Tiefe seiner Seele. Das ist kein überlegtes Manifest, kein Verkauf einer Ideologie, weder erzwungener Kitsch noch elitäre Wortakrobatik. Hier schreibt einer über die Welt und das Leben und das Sein aus seiner einzigartigen Perspektive heraus. Und in dem er das tut, in dem er sich dieser Offenheit hingibt, beschreibt er zwangsläufig auch ein ganzes Milieu und seine, unsere Zeit. Reflektierte Blindheit könnte man diese Form der Literatur nennen, die jeder große Schriftsteller braucht und Marius Goldhorn besitzt den Zugang zu ihr. Das hat er in Park ebenso gezeigt wie er es in YIN auf eine noch konzentriertere Weise umsetzt. Und ebenso wie in Park ist die eigene Sprache vielleicht noch nicht endgültig gefunden und der existenzielle Kern nicht genug herausgearbeitet. Zugleich spürt man aber fast durchweg und insbesondere in einzelnen Passagen, Szenen, Wortfolgen dieses große Talent nicht nur durchscheinen, sondern wirklich hervortreten.

Poetry oder Dichtung im 21. Jahrhundert

Die offizielle Buchbeschreibung verkauft YIN als „ein Buch, das (wie sein Titel sagt) versucht das Weiche, das Flüssige im Autor zu fassen zu kriegen und daraus eine Textsammlung zu bauen, die Poetry ist, aber ohne große poetische Gesten auskommt. Die Tiefe besitzt und sich trotzdem angenehm ‚wegliest‘, sich den Leser*innen nicht in den Weg stellt, sondern ihnen gewissermaßen den Weg bereitet.“ Viel kunstfeindlicher hätte man den durchaus wahren Grundgedanken nicht ausdrücken können. Hier wird mit der Idee des Gebrauchsbuches kokettiert, das seinem Leser einen Weg bereitet, doch die Worte selbst sind ja der Weg, in ihrem Schreiben und Rezipieren liegt bereits alles enthalten. Die implizierte Annahme, dass Poesie mit Tiefe nicht angenehm zu lesen ist, beweist YIN als Falschaussage – wieso diese unsinnige Prämisse dann aber überhaupt aufstellen? Und sollen Goldhorns Texte als Poetry Slam verkauft werden oder wieso traut man ihm das Wort Dichtung nicht zu? Ohne große poetische Gesten kommt Goldhorn (zum Glück) übrigens auch nicht aus, sie sind aber so zart und ehrlich eingearbeitet, dass sie die Ironie auf eine Weise brechen, die nichts zerstört, sondern nur erschafft. Eine Welt aus Sprache, eine Welt des einfachen Daseins, eine Welt, in der alles fließt.

mich hat die hoffnung heute noch nicht verlassen

Das erste Gedicht beginnt folgendermaßen: „was ist los heute abend / wo warst du / ich habe gepuzzelt“, und am Ende heißt es: „wo sind meine konzepte / ich hoffe, es geht dir gut / ich hoffe, dir gefällt / mein gedicht“. Im Mittelteil erzählt Goldhorn obendrein eine phantastische Geschichte, einen Traum, wie er ihn in so vielen Facetten im Laufe des Gedichtbandes wiedergibt und wie man ihn auch aus seinem Debütroman Park kennt. Diese Geschichten handeln von Delphinen, Dinos und Aliens und wenn man so will, sind sie die narrative Grundlage dieser Gedichte, ein wiederkehrendes Motiv, doch nicht nur wäre es verkürzt, sie als Zentrum der Texte zu verstehen, ich glaube sogar, dass sie vielmehr das sind, was die Gedichte an ihren Autor und seine Zeit klammert. Sie sind notwendig und zeigen Charakter, aber sie sind auch vergänglich. Es sind einzelne Metaphern, Allegorien, vor allem aber einzelne Zeilen, die beim Lesen plötzlich das Menschsein bewusst werden lassen. Traurige Fragen, wie die ersten beiden Verse, das Beobachten der eigenen Einsamkeit im dritten Vers und die ironische Frage nach den Konzepten, die zugleich ernste und ironische Hoffnung auf eine gute Kritik der angesprochenen Person. Denn diese Kritik des Gedichtes wäre auch eine über den Autor, er ist das Gedicht und wenn das Gedicht nicht gefällt, gerät seine Existenz ins Wanken. Ironie ist hier nichts böses, verletzendes oder herabblickendes. Sie macht sich nicht einfach über irgendetwas lustig. Denn Goldhorn weiß, was Adorno wusste: „Man lächelt, während in Wirklichkeit das Lächeln gerade anzeigt, dass man nicht damit fertig geworden ist.“ (Theodor W. Adorno: Ästhetik (1958/59), S. 241) Goldhorns Ironie ist vielmehr ein reflektiertes Selbstbewusstsein über das eigene dichterische Schaffen und aus dieser Distanz heraus (die zugleich eine Unmittelbarkeit darstellt), vermag er es, sein eigenes Schaffen komödiantisch zu verarbeiten und einen Humor zu etablieren, der in seinem Lächeln sogar noch tiefer ins behandelte Sujet steigt.

Ins Gedicht 2000 steigen wir überraschend ein: „auch ich bin müde“ – auch? Da wird Bezug genommen auf etwas, das wir nicht kennen, das Interesse ist gleich deutlich höher, als es bei einem durchaus auch schön-melancholischen, aber trägeren Einstieg „ich bin müde“ der Fall wäre. Ein paar Zeilen weiter heißt es „ich mache musik / ich lege mich hin / doch nicht“. Das klingt wie ein Witz und ist auch einer, zugleich zeigt es aber auch Unentschlossenheit, vielleicht Verzweiflung, Langeweile, der Wille, nicht das Erwartete tun zu wollen. Und dann folgt ein paar Zeilen darauf eine tiefe, poetische Erkenntnis: „ich bin müde / ich bin ich / ich denke an dich / ich wollte immer nur ich sein“. Wer dieser Dichtung nicht mit Zynismus begegnet, dem öffnet sich ein Blick auf Gegenwartspoesie, die so nur im 21. Jahrhundert geschrieben werden kann und ihren postmodernen und ironischen Unterbau selbstbewusst in Wahrhaftigkeit überführt.

wir müssen nur noch einen schlammigen sumpf durchqueren / und ihn mit einer neuen geschlechtergrammatik verlassen

Es gibt auch gescheiterte Versuche, die Alltäglichkeit in die Form der Dichtung zu bringen. Banalität poetisch zu überhöhen und damit erst greifbar zu machen, ohne dabei in Pathos oder Verfremdung zu geraten, wie es etwa ein William Carlos Williams vermochte, ist eine hohe Kunst. In was soll das versucht sich Goldhorn an der Beschreibung seines langweiligen Schriftstellerlebens und kommt über die Frage, was das soll, nicht hinaus. Aber er lässt sich weitertreiben und landet so bei Sätzen, die auch seine Poetik offenbaren: „das ist nicht das gedicht, das ich schreiben wollte“. Und das ist das Schöne, hier ist nicht alles berechnet, sondern die Freiheit der Kunst wirklich ausgelebt. „es wird etwas geschrieben von jemanden, der ich nicht bin“. Das erinnert in seiner aufrichtigen Naivität beinah an den von Goldhorn einmal in einer Erzählung verewigten Peter Handke: „manchmal schiebe ich in meine gedichte aussagen / die mich selbst erstaunen“. Es gibt dann aber doch auch durchaus ausgeklügelte Einfälle. Im versuch, mönch zu werden heißt es am Ende: „überall dort, wo ich dich finde / vermisse ich dich“. Neun Seiten später endet ein Gedicht mit „überall dort, wo ich dich vermisse / finde ich dich“.

Das Bewusstsein eines Menschen

Es stecken viele formale und inhaltliche Spielereien in den Seiten dieses Buches, die es schon deshalb wert sind, wiederholt gelesen zu werden. Das zweite Kapitel bringt YIN zudem in die unmittelbare Gegenwart, in den Corona-Lockdown im Frühjahr 2020. Die Gedichte sind fortan mit Datum überschrieben, „gehen wir zusammen in den lockdown? […] ich freu mich“ heißt es da und die geneigte Leserin mit ihm, denn auf diese Weise wurde die Pandemie noch nicht verarbeitet. Das dritte Kapitel behandelt das Tao Te Ching und die Beschäftigung des Autors mit Laotse. Es ist literarisch wenig interessant, aber vermittelt eine Struktur, eine Motivation, die sich am Ende des Kapitels in einem wunderbaren Liebesgedicht niederschlägt, das allein von einer solchen Größe ist, es fortan nicht mehr vergessen zu dürfen. 

man kann nach hause kommen, wenn zuhause ein ort ist / an dem man noch nie war

YIN zu lesen, langsam zu lesen und über die Worte und ihre Stellung im Gedicht nachzudenken, vielleicht auch einfach mal während der U-Bahn-Fahrt ein wenig die Seiten zu durchblättern und hängenzubleiben, ist ein Genuss. Und dann kommen solche Sätze: „ist dir klar, ist dir wirklich klar, sagst du heute zu mir / dass dein bewusstsein das bewusstsein eines menschen ist?“ Und dann sitzt du da in der U-Bahn und fragst dich, ob dir das eigentlich wirklich klar ist und ob du eine Antwort darauf findest oder nicht – für einen Moment hast du das Leben selbst gespürt.

Marius Goldhorn: YIN. Korbinian Verlag 2020. 96 Seiten.

pixelstats trackingpixel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.