Nacht für Nacht für Nacht …

Was passiert nachts hinter den Fassaden der vielen Häuser einer Großstadt? Warum brennt in einigen Fenstern Licht und warum sind die Menschen dahinter noch oder schon wieder wach? Diesen Fragen will die namenlose Ich-Erzählerin in Mercedes Lauensteins Debüt Nachts nachgehen.

Mercedes Lauenstein "Nachts"

Sophie

An einem Mittwoch, um 2 Uhr 13

Ich kann nicht schlafen. Einfach, weil ich über den Punkt hinweg bin. Vor drei Stunden war ich müde, doch habe noch eine Folge The West Wing geschaut. Dann noch eine. Dann noch eine. Jetzt bin ich hellwach, ich stehe am Fenster und schaue in den Hof: Zwei verschiedene Gebäudekomplexe, zu einem Rechteck angeordnet, nur ein erleuchtetes Fenster an der linken Seite. Ich stelle mit vor, wie jemand aus dem Hof zu mir hochschaut, klingelt und fragt, weshalb ich wach bin. Oder wie ich schnell das Licht ausschalte und sich die Person dem anderen Fenster zuwendet …

Gibt es nur noch ein einziges erleuchtetes Fenster in einer ganzen Straße, bleibe ich stehen, blicke hoch und bete, dass es jetzt nicht erlischt. Einer muss übrig bleiben, einer muss immer übrig bleiben.

Großstadt. Anonymität. Wer sind die Menschen um uns herum? Was tun sie? Wie leben sie? Das habe ich mich schon oft gefragt. Nicht nur in unmittelbarer Nähe: Wer wohnt eigentlich in der Wohnung unter mir? Von wem kommt immer die furchtbare, laute Musik? Ist der Nachbar zwei Stockwerke unter mir noch nachtragend, da letztes Jahr ein Freund auf seinen Balkon heruntergekotzt hat? Obwohl es Fremde sind, sind sie Teil unseres Lebens. Auch die Menschen, die ich immer wieder in der U-Bahn sehe. Wo wohnen sie, wo fahren sie hin oder von wo kommen sie?

Die junge Frau in Mercedes Lauensteins Debüt streift nachts durch die Großstadt, dringt in die Privatsphäre fremder Leute ein und fragt sie nach ihren Geschichten. Danach, weshalb sie nachts wach sind. Und ob sie das glücklich macht oder ob sie eher einsam und traurig sind.

„Eigentlich eine gute Sache“, sagt er. „Würde ich auch gern machen. Einfach mal vorbeischauen bei den anderen. Schauen, was die so machen. Sonst nichts.“

Die Erzählerin forscht über die Nacht. Angeblich. Diese Erklärung verschafft ihr zumeist leichten Zugang zu den Wohnungen und zum Vertrauen der Bewohner. Sie alle hält etwas anderes wach: Einsamkeit, der Lärm der Großstadt, Liebeskummer, ein Jetlag oder das Bedürfnis, die nächtlichen Stunden kreativ zu nutzen. Doch umso mehr die Erzählerin von den anderen erfährt, desto weniger ist sie sich über sich selbst im Klaren. Ihre eigene Geschichte bekommt Risse und die Leute, die sie besucht, kommen ihr auf die Schliche.

Ich muss an das Bild mit dem Fuchs denken, der nachts von einem Auto angeleuchtet wird. Keine von uns beiden ist jetzt die Person im Auto, wir sind beide die Füchse, zwei neugierige, die sich im Wald über den Weg laufen und eine Zeitlang am gleichen Ort aufhalten, bevor sich ihre Wege für immer trennen.

Es ist ein ruhiges Buch, das die Atmosphäre der Nacht einfängt und ihren Ausdruck in den Miniaturgeschichten der Protagonisten findet. Traurigkeit, Mitgefühl, aber auch Bedrohung oder der Wunsch, die Nacht als etwas Inspirierendes zu begreifen, begleiten die Lektüre. Es sind nur Momentaufnahmen aus dem jeweiligen Leben und dennoch sagen sie so viel über die Personen aus. Oder lassen falsche Schlüsse zu. Das gilt auch für die Erzählerin. Aber darauf kommt es vermutlich gar nicht an. Die Nacht gehört jedem Einzelnen ganz für sich, als etwas zutiefst Privates und Intimes. Umso schöner ist deshalb das Teilen dieser Zeit mit einer geliebten Person. Doch manchmal ist vielleicht sogar die kurzzeitige Begegnung mit einem Fremden hilfreicher, um Kummer und Sorgen in Worte fassen zu können.

Mercedes Lauenstein: Nachts. Aufbau Verlag 2015. 191 Seiten. Gebunden. 18,95 €.

Einen ersten Eindruck in die Geschichten gibt es im BLOCK Magazin.

Am Montag, den 16.11., ist Mercedes Lauenstein live beim Debütantensalon 2015 im TAK Theater im Aufbau Haus zu erleben. Außerdem lesen: Jackie Thomae, Samira Kentrić, Kat Kaufmann und Mirna Funk.

Und da es sich nachts – allein oder gemeinsam – so gut Musik hören lässt, hier eine kleine Playlist für die Nacht, inspiriert von der Nacht:

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Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
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