Kein Hoffnungsroman

Marius Goldhorns Debütroman Park schildert die Weltsicht eines depressiven Berliner Durchschnitts-Millenials. Was dabei herauskommt, ist nicht nur sprachlich enttäuschend.

von Robert Steffani

„Park“ von Marius Goldhorn
Foto: Robert Steffani

Robert sitzt im Park. Er trinkt Kaffee. Er entsperrt sein iPhone und öffnet den Chat mit Deniz.
Deniz: liest du schon goldhorn?
Robert: erste seite, keine lust mehr haha
Deniz: haha willst du was essen gehen?
Robert: ja

Sind Sie noch hier? Ja? Dann wird Sie wahrscheinlich auch Marius Goldhorns Stil nicht abschrecken, der geprägt ist von Hauptsätzen, banalen Chatverläufen, gelegentlich unterbrochen von Gedichten, die der Protagonist Arnold G. spontan ins iPhone oder MacBook tippt. Dieser formalen Langeweile entspricht Arnold als farbloser Charakter. Er ist geplagt von Suizidgedanken, Weltuntergangsphantasien, alptraumhaften Begegnungen mit Aliens und davon, „wenig Geld“ zu haben, „aber genug, um nichts zu tun.“ Er befindet sich in diesem schrecklichen Zustand materieller Sicherheit, der in Großstädten einen Typus selbstmitleidiger junger Bildungsmenschen hervorgebracht hat. Auch lieben kann er nicht. Im Mittelpunkt der Handlung steht seine Beziehung zu Odile, einer jungen Filmemacherin, die Arnold auf einer Party kennengelernt hat. Sie verbringen einige Zeit zusammen, bevor Odile nach London geht. In ihrer Zweisamkeit ist alles Alltag, irgendwie unwichtig und unverbindlich, genauso wie Park selbst. Sie klauen im Bioladen, schauen Serien, trinken Chai-Tee, gehen umher. Ob das Liebe ist, wissen sie selbst nicht.

Form und Wirklichkeit

Das Schlimme an diesem Buch ist der Konsum von Informationen, die immerzu einströmen in das eindimensionale Hirn des Textes, aber gänzlich unreflektiert bleiben. Deutlich machen das die zahlreichen Verweise auf Musiktitel. Da kommt nichts, was ein YouTube-Algorithmus nach zwei Alben Mac DeMarco und John Cale nicht besser hinbekommen hätte: Haruomi Hosono, Brian Eno, Mort Garson etc. Einerseits sollte man von Literatur keine elaborierten Musiktipps erwarten, andererseits geht der Autor über die Erwähnung nicht hinaus. Man könnte sicher viel über Daniel Johnston schreiben, insbesondere in traurigen Momenten, jedenfalls mehr als das:

Er hörte True Love Will Find You In The End von Daniel Johnston, dann Life In Vain, was er, fiel ihm ein, eigentlich nur tat, wenn er völlig am Ende war.

Romane wurden nicht erst seit Faserland als Archive aufgefasst, die Alltägliches sammeln und neu arrangieren. Gleichwohl waren sie immer schon dem Problem ausgesetzt, eine Wirklichkeit zu simplifizieren, die eigentlich diffus und unbeschreibbar ist. Dies hat – von der romantischen Ironie bis zu Arno Schmidts Zettels Traum – viele interessante Konzepte und Formen hervorgebracht. Im Vergleich dazu ist Goldhorns Umgang mit der Wirklichkeit nicht nur zum Einschlafen, sondern sogar verwerflich. Denn wenn er auf die indifferente, langweilige und saturierte Lebensweise seiner Charaktere mit einem derart assimilierten Stil antwortet, dann stellt sich die Frage, warum man Park überhaupt lesen sollte.

Wo ist die Herausforderung?

Im Gespräch mit Mascha Jacobs begründet Goldhorn seine Formentscheidung mit der hierarchielosen Nebeneinanderstellung von Beobachtungen. Er habe nicht den Anspruch, Schlussfolgerungen zu ziehen. Dann ist der Anspruch aber denkbar niedrig. Denn Literatur ist seit jeher besonders gut dazu geeignet, sich der Wirklichkeit zu widersetzen, sich nicht einverstanden zu erklären. Warum also kein Formexperiment wagen, warum nicht mit sich kämpfen, warum die Einfachheit nicht hinterfragen, um es sich selbst nicht so einfach zu machen?

Diese Fragen stellen sich umso mehr, wenn man Arnolds Wunsch bedenkt, einen Roman zu schreiben. Anscheinend will er etwas verändern in der Welt, die ihn so fertig macht. Interessanterweise zeigt der Text hier kleine Versuche, die eigene Form intermedial zu erweitern. So gibt es die Musiktitel als Playlist auf Logbuch Suhrkamp und Arnolds Webseite romcompoems.com existiert tatsächlich. Doch ehrlicherweise ist auch das nicht wirklich umfassend oder innovativ.

Unterm Strich hinterlässt die Lektüre eine leicht depressive Grundstimmung, vielleicht ist es auch nur Berlin. Enis Maci hat Park einen „Hoffnungsroman“ genannt – warum, weiß ich nicht.

Marius Goldhorn: Park, Suhrkamp 2020.
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