Roadtrip ohne Road

Im Jahr 2010 sorgte Helene Hegemann mit ihrem Debüt „Axolotl Roadkill“ für Aufruhr in den Feuilletons. Im letzten Jahr entließ die polarisierende Jungautorin ihren zweiten Roman auf den deutschen Buchmarkt. „Jage zwei Tiger“ ist nicht nur eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Es ist ein Roadtrip ohne Road, frech, schrill, unsexy. Auch dieses Mal scheiden sich über Hegemanns Buch die Geister.

Von Katharina Fabian

© Hanser
© Hanser

Die Lyrics, die für den Titel des Romans verantwortlich sind, entstammen der slowenischen Rockband Laibach: „Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll. Jage zwei Tiger.“ Und das tun die durchweg verkorksten Charaktere dieser Geschichte dann auch, sie jagen und scheitern drei Jahre lang. Sie stürzen, stehen auf, laufen weiter, stürzen wieder, zuweilen einander in die Arme.

Gleich zu Beginn stirbt Kais Mutter Binky. Während der gesamten Erzählung bleibt unsicher, ob der 11-Jährige diesen Verlust wirklich bedauert. Er verliebt sich in das Zirkusmädchen Samantha, die Mitschuld am Tod seiner Mutter trägt, ohne dass Kai das weiß. Cecile, magersüchtig und drogenaffines Richkid, verliebt sich in Detlev, Kais kommentarlosen Vater und Typ Arschloch, der nur schwer in seine neue Rolle als Vormund hineinwächst. Immer wieder übernehmen Randfiguren für kurze Zeit eine Hauptrolle, um anschließend wieder in der Versenkung zu verschwinden und oft nichts hinterlassen zu haben als einen zehnseitigen Monolog über „eine stilechte Powerbehinderte“, die gute Partys schmeißt. Oft stellt sich an solcher Stelle die Frage, inwiefern diese Ansammlungen unnützen Wissens die Handlung voranbringen sollen. Dann versteht man, dass es um all die Nullaussagen gar nicht geht, sondern um eine Weisheit, die ausgerechnet Binky vor ihrem Tod noch schaffte zu verkünden: „Man stirbt nicht so leicht, wenn man jung ist“.

Was tut man also stattdessen, wenn man jung ist? Nun, Helene Hegemann wenigstens übt auf literarische Weise Gesellschaftskritik. Das tut sie, indem sie ihrem Genervtsein über die „Ausgeburt von Kleinbürgerlichkeit“ in jedem ihrer Sätze Ausdruck verleiht.

Man stolpert durch das Buch wie ein Betrunkener über einen Jahrmarkt. Eine Attraktion jagt die nächste, es ist zum Schwindeligwerden. Wie gefangen zwischen all den schrillen Figuren, fühlt man sich selbst auf einmal farblos, trotzdem ist man froh, nicht eine von ihnen zu sein. Schon bald wundern einen nicht mehr die jungen Männer mit dem Blick, der verrät, dass in ihrem Gehirn „im Kreis laufende Entchen dumdidum singen, ab und zu unterbrochen von einem Cheeseburger“, und auch nicht die Frauen, die als „irgendwas zwischen Haarefärben und einer wichtigen Rolle in der Lokalpolitik“ vorgestellt werden. Die Bilderwelten, die hier aufgemacht werden,  sind originell, die Rotzigkeit regt zum Schmunzeln an. Auf 313 Seiten kann das bei durchschnittlich Harmoniebedürftigen jedoch einen Zustand der Reizüberflutung auslösen.

Gekonnt ist, wie Hegemann ihren Figuren neben all deren Grobheiten das Menschsein erlaubt. Aus Samantha platzt es einmal heraus: „Ich gehöre zu den unerträglichen Menschen, die sich dümmer stellen, als sie sind! Zu denen, die sich am Ende eines Films eingestehen, ihr Leben lang falsch gewesen zu sein, und deren Eingeständnis und deren Tod nur zum Fortlauf der Scheißhandlung dienen!“ Sie können also nicht nur pöbeln und provozieren, die Marionetten in Hegemanns groteskem Kabinett, sie können auch kränkeln, zweifeln und klug reflektieren. So münden die Plumpheit und der Drang nach Selbstzerstörung, der die Charaktere permanent umkreist, ausnahmslos in großer Zerbrechlichkeit. Allesamt erwischt man sie immer mal wieder beim Weinen, sei es um ihrer selbst Willen oder für andere. Man mag sie dann fast ein bisschen, weil zu erahnen ist, dass sie netter sind, als sie sich zuzugeben trauen.

Als wäre der Autorin auf der letzten Seite eingefallen, dass sie insgesamt doch lieber einen netten Eindruck hinterlassen möchte, drückt sie einem nun endlich die tröstende Zuckerwattewolke in die Hand. Leider schmeckt aber auch die nur halb so gut wie sie schmecken könnte, denn spätestens jetzt stellt sich die Frage: Worum geht es eigentlich in diesem Buch? Jäger, Hasen, Tiger, Schmarotzer, Proleten und Spießer?

Nein. Wenn dieses Buch ein Thema hat, dann ist es die Bedeutung von Gut und Böse, von Richtig und Falsch, von Intuition und rationalem Denken. Es ist ein Buch über’s Jungsein und Altwerden oder auch über’s Altsein und Jungbleiben.

„Jage zwei Tiger“ ist irgendwas zwischen Haarefärben und großem Talent, das sich nicht traut, ein bisschen netter zu sein.

Helene Hegemann. Jage zwei Tiger. Hanser 2013. 19,90 Euro.

Hier liest Helene Hegemann aus ihrem Roman auf Youtube…

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Ein Gedanke zu „Roadtrip ohne Road

  • 28. November 2014 um 13:45
    Permalink

    Gute Rezension! Mir ging es ganz genauso. Tolles Buch, auch wenn sich nicht alle Fragezeichen gerade biegen lassen wollen.
    Bin gespannt, ob da in nächster Zeit noch was kommt von Helene Hegemann, würde mich freuen.
    Schau mal hier meine Rezension: http://bit.ly/1vsmqup
    Gruß,
    Tassilo

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