Ruhrgebiet? Woanders is auch scheiße

Ein Freizeitführer für’s Ruhrgebiet? Gut, dass das nicht von Rainald Grebe kommt. Dann wär’s nämlich Satire. Mit ihrem nun erschienen Reiseführer Literarische Orte im Ruhrgebiet beweisen die Macher*innen der Literaturkarte.Ruhr endgültig: das Revier ist nicht mal halb so „scheiße“ wie der Ruf, der ihm vorauseilt.

Der Freizeitführer, den die Literaturkarte.Ruhr im Klartext Verlag veröffentlicht hat © Sofie Mörchen.

Was ist die Literaturkarte.Ruhr

Gar nicht so grau! Das Hattinger Haus Custodis (19. Jh.), das innerhalb der zerstörten Burgmauern der Hattinger Isenburg (12./13. Jh.) steht © Lara Ingenbleek

Nun mal Klartext: Die Kulturszene des Ruhrgebiets ist schon längst eine überregionale Größe, die durch eine immense Vielfältigkeit und das Nebeneinander etablierter Formate und junger Experimentkultur besticht. Diese Vielfalt nahm ein Forschendes-Lernen-Seminar an der Ruhr-Universität Bochum im Jahr 2015 als Ausgangspunkt, um die Frage zu klären, ob sich Literatur nicht ausschließlich in Form von linearen Literaturgeschichten erzählen lässt. Vielmehr hatten die Seminarteilnehmer*innen, zu denen auch ich gehörte, das Ziel, Literatur topographisch innerhalb eines Netzwerks von Akteuren, Bezügen und Diskursen darzustellen. Und das Experiment gelang: Nach einem Semester intensiver Konzeptarbeit ging die Karte im März 2016 online. Inzwischen versammelt sie mehr als 300 literarische Orte im ganzen Ruhrgebiet. Und bietet Informationen zu Schauplätzen, Autor*innen und literaturfördernden Institutionen. Denn wir gehen davon aus,

dass Geschichten und Orte im Ruhrgebiet so eng verbunden sind, dass Orte zu Metonymien von Geschichten werden und umgekehrt; dass unsere Imagination von Orten erfüllt ist, die wir nur aus Büchern kennen; und dass solche Lektüren die realen Orte formen und bestimmen.

Nächste Station: Freizeitführer

Schnell war uns klar: Die Zusammensetzung aus Literatur, Pott und spannenden Orten lädt dazu ein, Ausflüge zu unternehmen. Während des Kulturfestivals BoBiennale im Juni 2017 boten wir dann erstmals einen literarischen Stadtrundgang durch die Bochumer Innenstadt an. Im selben Jahr begannen auch die Gespräche mit dem Essener Klartext Verlag, denn die Idee die Literaturkarte.Ruhr als physischen Freizeitführer herauszugeben, war geboren.

Der Freizeitführer ist nun fertig

Diesen Gesprächen folgte erneut viel Konzeptarbeit. Ähnlich wie einst die Literaturkarte.Ruhr, erarbeiteten wir selbst in Zusammenarbeit mit dem Verlag, was ein guter Freizeitführer für das Ruhrgebiet braucht:

Die Orte haben wir so ausgewählt, dass sie sich relativ gleichmäßig über das Ruhrgebiet verteilen. Sie sollten außerdem nicht einfach einen literarisch bemerkenswerten Hinterhof, sondern vor allen Dingen interessante Ausflugsziele darstellen. Und es sollte von allen literarischen Gattungen etwas vertreten sein. So kam eine bunte Mischung von Entstehungsorten und Schauplätzen der Literatur zusammen, an denen Krimis, Poesie, Arbeiterdichtung, Dialektliteratur und autobiographische Texte in die Geschichte der Ruhrgebietsliteratur eingegangen sind.

Blick ins Buch: So ist der Freizeitführer „Literarische Orte im Ruhrgebiet“ gestaltet © Sofie Mörchen
Sommer wie Winter ein beliebtes Ausflugsziel: Der Dortmunder Phoenixsee © Lara Ingenbleek

Wer herausfinden möchte, was Autor*innen wie Annette von Droste-Hülshoff oder Benjamin Stuckrad-Barre am Ruhrgebiet faszinierte, dem sei unser Freizeitführer empfohlen.

Anzeige: Literarische Orte im Ruhrgebiet. Wegweiser zu Schauplätzen der Literatur. Klartext Verlag 2019. 144 Seiten. 16,95 €.

Wer sich die Literaturkarte.Ruhr online anschauen möchte, wird hier fündig.
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Leonie Hohmann

„Kein Feuer, keine Kohle, kann brennen so heiß als […]“das Herz der gebürtigen Essenerin (Jahrgang ’94) für Literatur, Theater, Tanz, Musik und Großstadtluft. Nach dem Grundstudium in Bochum ereilte sie der Ruf nach Berlin, wo sie seit 2017 Angewandte Literaturwissenschaft studiert.

[Zitat entnommen: Volkslied, anonym, 18.Jh.]

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