Schönes Cover, doch was steckt dahinter?!

Schöne Cover geben oft den ersten Impuls, um ein Buch in die Hand zu nehmen. Wir haben Bücher gelesen, die uns ins Auge fielen. Manche halten ihr Versprechen, bei anderen bleibt das Cover doch aufregender als der Inhalt.

Angela Lehner: Vater unser © Karolin Kolbe

Angela Lehner – Vater unser (Hanser Berlin, 2019)

von Karolin Kolbe

Schönes Cover…: Das Cover von Angela Lehners Debüt „Vater unser“ schreit, und zwar laut. Es ist pink, sehr pink, mit einem beißenden rot dazu. Eine Farbkombi, bei der ich als Kind noch hörte, dass sie schlichtweg unmöglich sei. Der erste Moment des Betrachtens ist pure Irritation. Der zweite führt dazu, das leuchtende Buch in die Hand zu nehmen, der dritte Moment lässt einen dann das Cover durchgeknallt-schön zu finden. Zwar leidet die Lesbarkeit des Titels ein wenig unter den schrillen Farben – der Umschlag ist zudem glänzend -, allerdings kann sich das ein Buch, das auf jeden Fall in die Hand genommen wird, auch erlauben.

…was steckt dahinter?

Die Protagonistin ist wie das Cover: ein bisschen schräg, ein bisschen zu viel von allem, und durch all das faszinierend. Eva Gruber wird in eine psychiatrische Anstalt in Wien eingeliefert. Hier begegnet sie ihrem Bruder und später ihrer Mutter. Die Begnungen mit Korb, ihrem Therapeuten, ihrer Familie und die Erinnerungen an die Vergangenheit sind schrecklich bis sehr komisch. Ein lesenswertes Buch, lässig, tragisch, witzig und mit einer Protagonsitin, der man durchweg nicht trauen sollte, so sehr sie auch versucht ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen.


Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt © Lena Stöneberg

Peter Stamm – Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (S. Fischer, 2018)

von Lena Stöneberg

Schönes Cover…: Das weiche, warm-glühende Gemälde in hoffnungsvollem Gelb und verführerischem Violett von einer zarten Figur – androgyn zwar, aber schön, liebenswürdig, zutraulich – blickt einen auffordernd vom Cover des Schweizer Buchpreisträgers an. Eine verlockende Einladung, das Versprechen einer Liebesgeschichte. An einem solchen Umschlag kommt man nicht vorbei!

…was steckt dahinter?

Ob der Roman an das große Versprechen, ja Verlangen, dass das Gemälde auslöst, heranreichen kann? Selbstverständlich nicht. Routiniert und stimmig zwar erzählt Stamm die rätselhafte Geschichte eines Doppelgängerpaares, das durch 16 Jahre getrennt ist und doch ein und dasselbe zu sein scheint – ein verzweifelter, lebensmüder alter Schriftsteller, der den Verlust seiner großen Liebe Lena rückgängig machen will, indem er das junge Paar mit seiner Lebensgeschichte brieft. Die Story bleibt aber eine überflüssige, kleine Spielerei, die längst nicht heranreichen kann, an die Tragweite von Werken wie Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“, auf die Stamms Titel anzuspielen scheint.


Hannes Köhler – Ein mögliches Leben © Leonie Hohmann

Hannes Köhler – Ein mögliches Leben (Ullstein 2017)

von Leonie Hohmann

Schönes Cover…: Upside down. Eine massive Wolkenwand türmt sich über einem einsamen Haus umgeben von braun verdörrten Feldern, wenn man das Buch um 90 Grad gedreht hat. Kein Wunder, dass sich die Protagonist*innen dieses Romans ein mögliches Leben fernab dieser Ödnis wünschen, oder?

… was steckt dahinter?

Falsch. Denn trotz der traumatischen Kriegsgefangenschaft in Texas bleiben die USA für den Essener Franz sein ganzes Leben lang eine Verheißung von Freiheit; eine Aussicht auf Rückkehr; der Ausblick auf ein mögliches Leben. Wäre er mit der Schwester seines amerikanischen Freundes wohl in eben jenes Häuschen auf dem Cover eingezogen? Die Geburt seiner deutschen Tochter Barbara vereitelt die Rückkehr in die verheißungsvolle Freiheit. Die im Roman Jahrzehnte später anstehende Amerika-Reise mit seinem Enkel wird für Franz im hohen Alter nicht nur eine Aufarbeitung seiner Vergangenheit. Der alte Mann öffnet sich zusehends und gewährt seinem Enkel und seiner Tochter den Zugang zu seinem Leben, der ihnen lange verwehrt geblieben war. Dennoch bleibt der alte Mann recht kauzig und die zarte Offenheit, die er seinen Familienmitgliedern gewährt, kann die Distanz zwischen Figur und Lesenden nicht überbrücken. Die vermeintliche Schwäche ist eine Stärke des Romans: Schließlich darf im hohen Alter nach Jahrzehnten des inneren Eremitentums keine Charakterwende zur völligen Offenlegung erwartet werden.


Uns interessiert: Welche Cover haben euch umgehauen und was steckte dahinter?

 

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Karolin Kolbe

Karolin Kolbe

Karolin wohnt glücklich in einer großen WG mit Katze, rettet Lebensmittel, jodelt in einer Demogruppe und schreibt Jugendbücher. Lesen tut sie auch gerne, studierte erst "Filmwissenschaft" und "Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft" und seit 2018 "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin.
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