Sommer 2015: Das liest die LITAFFIN-Redaktion #Teil 2

Der diesjährige Sommer ist ganz schön durchwachsen: mal sengende Hitze, mal grau-stürmisches Herbstwetter. Immerhin sollten so für jeden mal die perfekten Bedingungen zum Lesen dabei sein. Sommer heißt aber vor allem auch, raus aus dem Alltag und ab ans Meer, in die Berge oder eine neue Stadt erkunden. Welche Bücher wir von LITAFFIN diesen Sommer schon gelesen haben und welche in unsere Koffer wandern, erfahrt ihr hier. In unserem Teil 2 von Eva, Marie und Eva.

Eva…

… hat gerade gelesen: Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp 2015. 154 Seiten. Gebunden. 16,95€.

Darum geht’s: Winters Garten ist eine Gartenkolonie jenseits der Stadt, in der Anton und sein Bruder in einer Art Großfamilie aufwachsen. Die Kinder spielen mit Tieren, die Pflanzen gedeihen und abends sitzen die Alten zusammen auf der Veranda. Nach dem Tod seiner Großmutter verlässt Anton jedoch die Idylle und geht in die Stadt.
Jahre später, Anton ist 42 Jahre alt und Vogelzüchter, verliebt er sich zum ersten Mal. Zusammen mit Friederike möchte er zurück in die Kolonie. Denn der Weltuntergang steht bevor, und den beiden bleibt nicht mehr viel Zeit zusammen. Auch Winters Garten hat sich gewandelt. Die Häuser verfallen und die wilden Tiere dringen in die Vorgärten.
Zugegeben, die Handlung verspricht keinen Stoff  für leichte Sommerlektüre. Allerdings erzählt die 1989 geborene Autorin Valerie Fritsch so einzigartig bildhaft und kunstvoll über den drohenden Weltuntergang, dass man verstört und fasziniert zurückbleibt. Der Roman ist ein kleines Kunstwerk.

Erinnert an: „Melancholia“ von Lars von Trier.

Der Film erzeugt in großartigen Bildern eine Endzeitstimmung, obwohl offen bleibt, warum die Welt untergeht. Diese Lehrstelle gibt es auch in „Winters Garten“. Fritsch gelingt es, mit ihrer poetischen, einzigartigen Sprache die über allem liegende Bedrohung der Apokalypse fast körperlich spürbar zu machen.

Gemerkt: “Anton war ein Kind, das sich sowohl von der Begeisterung für das Leben als auch von jener für den Tod anstecken liess. Die Bewohner sprachen viel über den Tod in ihrem Garten, denn wie sollte man irgendwann in Ruhe sterben, wenn man darüber schwieg. Es galt ihnen: Was man nicht über die Lippen bringt, bringt man auch nicht übers Herz. Und Anton gewöhnte sich schnell an die Veränderungen, die das Leben mit sich brachte. Dass die Natur alles auflöste, was sie gebar, in einem Wasserglas, in einem Sturm, in einem Winter, fand er aufregend.”

IMG_9605

…nimmt mit in ihren Urlaub: Adelle Waldman: Das Liebesleben des Nathaniel P. Liebeskind. 304 Seiten. Gebunden. 19,90€ (Englische Ausgabe hier).

Warum? „Das Liebesleben des Nathaniel P.“ wurde von Girls-Erfinderin Lena Dunham auf Twitter empfohlen. In den USA entstand so ein regelrechter Hype um den Roman, der nun endlich auch in Deutschland erschienen ist. Adelle Waldman, „die Jane Austen ihrer Generation“, zeichnet darin ein humorvolles Sittengemälde der intellektuellen Gesellschaft. Der Roman scheint unterhaltsam und geistreich – die perfekte Urlaubslektüre also.

Wohin? Auf einen Roadtrip an die Westküste. Während der Zwischenstopps am Meer bleibt immer Zeit zum Lesen!


Marie

hat gerade gelesen: Stefan Ferdinand Etgeton: Rucksackkometen. C.H. Beck 2015. 271 Seiten. Gebunden. 19,95 €.

Darum geht’s: Fiete hat einen neuen Job und wird gleich nach Ende der Probezeit wieder gefeuert, weil er während seiner Arbeitszeit lieber Kakao trinkend vorm Späti abhängt. Fiete kann einfach nicht so gezielt arbeiten wie die anderen, er bröselt mehr so rum. Die anderen stempeln ihn daher als klassischen Versager ab, der eine Sache halb anfängt und dann wieder aufgibt. Anstatt sich länger von Job zu Job und von einer Stadt in die nächste treiben zu lassen, hört Fiete einfach auf sich um seine Zukunft zu sorgen und sucht sich ein neues Projekt: Europa. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel, Jan Spille, will Fiete nach Griechenlad trampen und die Akropolis einreißen. Man muss das Alte kaputt machen, damit etwas Neues entstehen kann: eine neue europäische Idee. Europa soll nicht länger einer Schicksalsgemeinschaft gleichen, in der alle nur jammern, europa ist nämlich eine chance, etwas ganz neukrasses zu machen, ein testanbaugebiet für bedingungslose hingabe. Die Sprache des Romans ist die Sprache von Fiete. Die Worte wirken flapsig dahergeredet, aber es rutschen so viele wichtige und kluge Gedanken darin mit. Ich habe noch keine treffende Bezeichnung gefunden, um den Stil von Stephan Ferdinand Etgeton zu beschreiben, aber das, was er sagt und wie er es sagt, gefällt mir unglaublich gut.

Das Buch ist wie: The World At Large ­– Modest Mouse

Ice-age heat wave, can’t complain. If the world’s at large, why should I remain? Walked away to another plan. Gonna find another place, maybe one I can stand. I move on to another day, to a whole new town with a whole new way.

Gemerkt: gut, was willst du da sagen, manche leute sind halt religiös, auch wenn das nicht reinwill in meinen schädel, wie man an so eine Zaubergestalt glauben kann. ich habe ihn da aber auch nicht hart kritisiert und dieses ganze gold und die wandbemalungen und sowas, das ist schon eindrucksvoll, aber auch hoffnungslos stupide, all das hinzuhängen um sich auf etwas abzufeiern was nicht existiert.“

IMG_5796

… wird diesen Sommer noch lesen: Ernest van der Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer. Übersetzung aus dem Niederländischen, Mare 2015. 96 Seiten, 18,00 €.

Warum? Zunächst einmal aus praktischen Gründen, weil es super leicht ist und gut in meinen Rucksack passt. Außerdem mag ich das Cover, das zum Faulenzen einlädt. „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ klingt etwas nach Kitsch, verspricht aber zumindest eine Geschichte über Italien, leckeres Essen, Sommer und die Erfindung des Bikinis.

Wo? Hoffentlich im Flugzeug, wenn ich es endlich schaffe, meinen Urlaub zu buchen.


Eva …

… hat gerade gelesen: Leif Randt: Planet Magnon. KiWi 2015. Gebunden.19,99 Euro.

Darum geht’s: Die Zukunft der Menschheit. Das Planetensystem wird regiert und überwacht von einer künstlichen Intelligenz, die das gute Zusammenleben der einzelnen Kollektive sichern soll. Doch seit kurzem kommen Gerüchte auf, es gebe einen Zusammenschluss aller Unglücklichen. Das Kollektiv der gebrochenen Herzen habe sich gebildet. Ein Dorn in dieser pseudofriedlichen Welt…

Das Buch ist wie: „Space Oddity“ von David Bowie. Der Soundtrack zum Buch.

This is Major Tom to Ground Control / I’m stepping through the door / And I’m floating in a most peculiar way / And the stars look very different today / For here / Am I sitting in a tin can / Far above the world / Planet Earth is blue / And there’s nothing I can do

9783462047202_5P1000961

… wird diesen Sommer noch lesen: Juan S. Guse: Lärm und Wälder. S. Fischer 2015. Gebunden. 19,99 Euro.

Wo? Auf der Piazza Navona, auf allen Strecken, die ich diesen Sommer zurücklegen muss und wenn es dann noch nicht ausgelesen ist auch in der Ringbahn.

pixelstats trackingpixel
Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
Sophie Gottschall

Letzte Artikel von Sophie Gottschall (Alle anzeigen)