Sterbenslangweilig – Hornbys Roman A Long Way Down verfilmt

Es ist ein heikles Thema, das Nick Hornby in seinem Roman A Long Way Down in den Mittelpunkt stellt: Suizid. Eine unpassende Headline also? Vielleicht. Doch wer Hornby kennt, weiß eigentlich, dass er diesen Drahtseilakt hinbekommt. Er erschafft vier Figuren, vier sehr unterschiedliche Menschen, die Selbstmord begehen wollen, und verstrickt diese in eine skurrile Geschichte mit schwarzem Humor. Jetzt aber gibt es die Verfilmung. Da sagt ihr vielleicht: „Nee, Literaturverfilmungen gucke ich mir eh nicht an.“ Und obwohl ich solche selbst sehr gerne schaue, wäre es in diesem Fall besser gewesen, kein Geld fürs Kino auszugeben.

Jess (Imogen Poots) © DCM
Jess (Imogen Poots) © DCM

 

Als Nick Hornby Ende der 90er und um die Jahrtausendwende der Durchbruch mit seinen Romanen Fever Pitch und High Fidelity gelingt, ist auch die Popliteratur geboren und Hornby zu der Stimme einer ganzen Generation geworden. Sein Stil und seine Geschichten, die so alltäglich, witzig und abgedreht sind, färben ab und bieten nicht nur anderen – einschließlich deutschsprachigen – Autoren Ideen. Selbstverständlich knüpft auch die Filmindustrie an diesen Erfolg an. Nach den sehr guten Verfilmungen von High Fidelity (2000) mit John Cusack in der Hauptrolle und About A Boy (2002) mit Hugh Grant und Nicholas Hoult hat es nun auch A Long Way Down auf die Leinwand geschafft.

Beginnen wir kurz mit dem Inhalt: London. Silvesternacht. Ein Hochhaus. Vier potenzielle Springer. In dieser kalten Nacht, der anscheinend beliebtesten für Selbstmörder neben dem Valentinstag, treffen der Frühstücksfernsehen-Moderator Martin Sharp, die alleinerziehende Mutter Maureen, der nicht ganz zu durchschauende Möchtegern-Rockstar J.J. und die verzogene Ministertochter Jess aufeinander. Ihr aller Ziel: ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch das klappt nicht, denn wer will schon springen, wenn andere zuschauen? Also schnell wieder runter vom Dach.

Selbsthilfeprogramm mit Promistatus

Die Vier schließen einen Pakt, laut dem sie bis zum Valentinstag keinen weiteren Suizidversuch starten dürfen. In der Zwischenzeit lernen sie sich und die jeweiligen Gründe, ihr Leben beenden zu wollen, kennen. Aufgebaut ist der Film dabei in vier Abschnitte, die jeweils von einem der Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Das Muster, mit Einblendung der Namen und Voice-over der entsprechenden Figur, orientiert sich an der Romanvorlage. Diese ist jedoch sehr viel kleinteiliger gegliedert und wechselt häufiger in der Erzählerperspektive.

Mit Martin Sharp beginnt die Geschichte und das ist sein Selbstmordgrund: Als Person des öffentlichen Lebens hat er den schwerwiegenden Fehler begangen, mit einer Minderjährigen zu schlafen. Dafür saß er im Gefängnis, jetzt fühlt er sich entwürdigt. Pierce Brosnan passt auch ziemlich gut in diese Rolle des selbstgefälligen und von sich überzeugten B-Promis.

Jess hingegen ist total verzogen und hat es nicht so leicht mit ihrem Vater, dem Bildungsminister. Suizid wollte sie in dieser Nacht begehen, weil sie von Chas zurückgewiesen wurde. Aber eigentlich war es doch wieder nur Aufmerksamkeitshascherei. Jess wirkt insgesamt ein wenig naiv, flucht gern und nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch wenn die Figur ab und zu etwas nervt, ist Imogen Poots eine sehr gute Besetzung und eine Bereicherung für den Film, da sie als Einzige für die sehr dünn gesäten Lacher sorgt und mit ihrem Charme Sympathiepunkte beim Zuschauer gewinnt.

Wie ein Kloß im Hals

Bei Maureen und J.J. kippt die Stimmung plötzlich. Maureen hat einen behinderten Sohn, den sie über alles liebt. Allerdings ist sie mit der Situation als Alleinerziehende überfordert, fühlt sich hilflos und wünscht sich mehr Unterstützung. Zu Beginn des Films ist Toni Colette ziemlich enttäuschend als diese schüchterne und weltfremde Person. Verwunderlich, da sie sonst eine so gute Schauspielerin ist. Am Ende, in ihrem Teil, kann sie dann doch noch überzeugen: als fürsorgliche Mutter. Aber der Bruch vom Komödiantischen und Sich-selbst-nicht-zu-ernst-nehmenden zum wirklich ernsten und traurigen Fall von Maureens Sohn will sich einfach nicht so recht zusammenfügen.

Dieser Umschwung beginnt bereits mit J.J. Er gibt zunächst vor, Krebs zu haben, um seinen Selbstmordwunsch zu erklären. Doch eigentlich weiß er einfach nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll und wer er überhaupt ist. Leider steckt Aaron Paul dabei scheinbar noch in seiner Breaking Bad-Rolle fest und zeigt kaum neue Charaktereigenschaften. Nichtsdestotrotz gibt es mit ihm auch die wohl beste Szene des ganzen Films, als er völlig enttäuscht und einsam ins Wasser geht und dabei das wundervolle Lied Youth von Daughter läuft – der für mich einzige, echte emotionale Moment. Der Soundtrack hätte noch so viel bewirken können, um diesem sehr emotionalen Thema mehr Tiefe zu verleihen.

Heile Welt ohne Ecken und Kanten

Nachdem schließlich noch die Presse Wind von der ganzen Geschichte bekommen hatte, die Vier sich in einen Urlaub auf Teneriffa flüchten, zurück kommen, auseinander laufen, plötzlich doch wieder zueinander finden, gilt am Ende: Friede, Freude, Eierkuchen! Was wirklich schade ist, denn die Geschichte im Buch gestaltet sich doch etwas differenzierter. Leider wirkt der Film dadurch in Handlung, Figurencharakterisierung und schauspielerischer Umsetzung sehr flach. Was dem Roman diesbezüglich auch etwas an Tiefe fehlt, kann Hornby immerhin noch durch seine humorvolle Schreibweise und Leichtigkeit des eigentlich makaberen Themas wettmachen, vermutlich auch, weil er auf den 398 Seiten einfach mehr Platz zum Entwickeln der unterschiedlichen Charaktere hatte. Die filmische Adaption hingegen versucht nur komisch zu sein, schafft es jedoch nicht.

Dabei hätte gerade diese Geschichte durch eine Verfilmung bereichert werden können. Zuvor hatte das schließlich auch schon geklappt. Bei High Fidelity zum Beispiel wurde das ganze Konzept des Buches, in dem immer wieder die Musik im Vordergrund steht, durch die Möglichkeit, sie wirklich einzuspielen, noch viel lebendiger. Und die Verfilmung von About A Boy hat mir persönlich sogar besser gefallen als die literarische Vorlage, da die Schauspieler einfach wie die Faust aufs Auge zur den Charakteren gepasst haben.

Doch so ist und bleibt das wohl mit den Literaturverfilmungen. Ein schwieriges Thema. Aber kein Grund sich zu ärgern. Nick Hornby hat eben nicht immer Zeit, selbst das Drehbuch zu adaptieren. Anschauen werde ich mir Literaturverfilmungen trotzdem weiterhin. Und schließlich bekommt man dadurch auch immer wieder einen neuen Zugang zu der Geschichte oder jeweiligen Thematik und Lust, das Buch, das man vielleicht schon wieder vergessen hatte, noch einmal zu lesen.

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Sophie Gottschall

Sophie Gottschall

1990 geboren, Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften (Germanistik und Psychologie), seit 2013 Studentin der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU. Arbeitet nebenbei für den HIMBEER Verlag, der das Stadtmagazin für Leute mit Kindern herausgibt. Isst gern Sushi, liebt The National, guckt für ihr Leben gern Serien.
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