Suhrkamp in Berlin

Litaffin im Gespräch mit Dr. Petra Hardt, Leiterin für Rechte und Lizenzen

(c) Katrin RitteDer Suhrkamp Verlag ist Anfang dieses Jahres von Frankfurt nach Berlin gezogen. Dieser Schritt wurde von Journalisten kritisch und argwöhnisch beäugt und in den Medien viel diskutiert. Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz sprach davon, dass der Umzug des Verlages für mehr Wirbel gesorgt habe als der Wechsel der Regierung von Bonn nach Berlin. Aber nicht nur wegen des Standortwechsels war viel vom Suhrkamp Verlag in den Medien zu lesen, sondern auch wegen des Archivverkaufs nach Marbach und nicht zuletzt wegen des Streits mit dem Sohn des verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld. Kaum verwunderlich also, dass Joachim Unseld nicht an den großen Feierlichkeiten zum Umzug teilnahm. Sehr wohl kam aber Martin Walser in die Pappelallee, um seinen einstigen Verlag hier in Berlin zu begrüßen. Vor allem aber ist der Suhrkamp Verlag immer wieder in den Medien, weil dieser Verlag einfach einer der bedeutendsten Deutschlands ist und wohl auch bleiben wird. Am 6. Mai eröffnete der edition suhrkamp laden in der Linienstraße 127 in Zusammenarbeit mit der Autorenbuchhandlung Fürst & Iven. Hier kann man bis zum 24. Juli zum ersten Mal die komplette regenbogenfarbene edition suhrkamp, designed von Willy Fleckhaus, in Bücherregalen bestaunen und natürlich auch kaufen. Auch dies wird sicherlich wieder ein brisantes Thema für die Medien sein.

Wir sprachen mit Dr. Petra Hardt, Leiterin der Abteilung Rechte und Lizenzen, über den Umzug des Verlages und über Berlin als neuen Standort. Petra Hardt wurde 1954 in Frankfurt am Main geboren und wusste schon als junges Mädchen, dass sie einmal in einem Verlag tätig sein wollte. In Freiburg studierte sie Romanistik und wurde im Alter von 26 Jahren über die Lyrik der französischen Résistance promoviert. Seit Anfang der Neunziger Jahre arbeitet sie für den Suhrkamp Verlag und ist seit einigen Jahren leidenschaftliche Hüterin der Suhrkamp-Autorenrechte.

Litaffin: Herzlich Willkommen in Berlin auch noch einmal von uns, liebe Frau Hardt.
Am 26.01. dieses Jahres hat der Suhrkamp Verlag ein großes Einweihungsfest gegeben. Die Medien haben darüber sehr freundlich berichtet und von einem äußerst gelungenen Fest gesprochen. Hat es Ihnen persönlich auch gefallen? Was war für Sie das Besondere an dieser Feier?
Petra Hardt: Das Besondere an der Feier war, dass alle Autoren gekommen waren. Das war für uns der Kernpunkt des Festes, denn die Autoren sind es, wofür wir unsere Arbeit machen. Nach dem Fest gab es auch großes Interesse an der Berichterstattung von den Erbengemeinschaften, die nicht anreisen konnten: der Sohn von Celan, der Enkel von Hermann Hesse, die Geschwister von Ingeborg Bachmann. Für mich persönlich war es ein sehr, sehr schöner Tag.

Litaffin: Gefällt es Ihnen persönlich in Berlin auch gut? Sie sind ja nun mit dem Verlag mitgegangen. War das für Sie die richtige Entscheidung?
Petra Hardt: Meine Entscheidung war nicht so sehr von dem Standort getragen, sondern es war viel mehr die Entscheidung, meinen beruflichen Weg bei Suhrkamp fortzusetzen und das war eine Entscheidung, über die ich keine Sekunde nachdenken musste. Ich bin jetzt 15 Jahre bei Suhrkamp, ich möchte alle meine Kraft für diesen Verlag und seine Autoren geben. Für mich war die Entscheidung umso leichter, da es auch der Wunsch der Verlegerin und meiner Kollegen war. Und Berlin ist ja nun kein Standort, über den man lange klagen muss. Man kann gespannt sein, was die Stadt bietet.

Litaffin: Hat der Suhrkamp Verlag in Ihren Augen die richtige Entscheidung getroffen, nach Berlin zu ziehen?
Petra Hardt: Wir kennen unsere Verlegerin auch als eine Verlegerin mit Visionen – und da muss man Berlin mit einbeziehen. In Deutschland geht vor allem im Bereich der Kultur die Bedeutung anderer Städte zurück und das ist für mich als gebürtige Frankfurterin mit Wehmut zu bemerken. Aber wenn ich in Kalkutta stehe, in São Paulo, in Jerusalem oder in Beijing, dann ist von Berlin die Rede und nicht von Köln, Frankfurt, München oder Stuttgart. Ob einem das passt oder nicht, es ist so. Und so gehört Berlin zu der Zukunft unseres Verlages. Das Besondere an Suhrkamp ist ja, dass wir einen Mittelständler mit Weltgeltung im Literatur- und Wissenschaftsbereich haben. Frau Unseld hat mit Berlin die absolut richtige Entscheidung getroffen. In Berlin ist schon alles und was noch nicht hier ist, kommt hierher – wenn auch nur zu Besuch. Wir haben in dem ersten Monat in der Pappelallee so viele Autorenbesuche und Besuche von ausländischen Verlegern wie sonst nur zur Buchmesse gehabt. Berlin ist die Metropole in Deutschland, die Kulturwissenschaft, Literatur, Theater und Film in wesentlichem Maße anzieht und beherbergt. Alles, was sich an Kultur anlehnt, kann für unsere Publikationen, für neue Autoren nutzbar gemacht werden. Deswegen ist Berlin als neuer Standort für uns sehr interessant und fruchtbar.

Litaffin: Hatten Sie denn auch teil an der Entscheidung? Frau Unseld sagt ja, dass sie die Entscheidung zusammen mit ihren Mitarbeiten gefällt hat. War das denn tatsächlich so? Siegfried Unseld hätte die Entscheidung wohl alleine getragen, oder?
Petra Hardt: Wenn Frau Unseld sagt, sie bespreche mehr mit ihren Mitarbeitern als Herr Dr. Unseld, dann ist das mit Sicherheit richtig. Es ist aber auch ein nettes Kompliment an ihre Mitarbeiter. Die Entscheidung für Berlin hat sie natürlich mit ihren beiden Geschäftsführern, Dr. Thomas Sparr und Dr. Jonathan Landgrebe getroffen. Die Postkonferenz, also das Leitungsgremium, war informiert, aber nicht eingebunden und das kann auch nicht sein. Denn weder das Leitungsgremium noch die anderen Mitarbeiter tragen das Risiko der Entscheidung: wir mussten einfach entweder umziehen oder nicht umziehen. Das ist natürlich auch eine weit reichende Entscheidung, aber nicht in dem Maße wie die mutige Entscheidung zu sagen: Ich nehme das ganze Haus und wir gehen nach Berlin. Diese Entscheidung musste die Verlegerin schon alleine treffen.

Litaffin: Der Suhrkamp Verlag hat sich mit dem Umzug nach Berlin auch deutlich verjüngt. Sie haben vier Mitarbeiter in Ihrer Abteilung Rechte und Lizenzen und alle sind unter dreißig. Wie kommt das? Muss auch ein Verlag in Berlin einfach jung und hip sein, auch als einer der bedeutendsten Verlage Deutschlands?
Petra Hardt: Auf die letzte Frage ein Nein, die Erklärung folgt : In meiner Abteilung sind es drei Mitarbeiter, die unter dreißig sind. Die nach mir Jüngste ist 33, also auch nicht sehr alt. Ja, insofern haben wir uns deutlich verjüngt. Das hat mit Berlin und den Stichworten jung und hip aber gar nichts zu tun. Das deutet etwas ganz anderes an. Das deutet etwas sehr Ernsthaftes an, nämlich einen Generationenwechsel. Wir sind in dieser Größenordnung der einzige Nicht-Konzernverlag . Wir müssen also den Umsatz für unsere mehr als hundert Mitarbeiter, aus dem was wir in Literatur, Philosophie und Geisteswissenschaften verkaufen, generieren. Das ist ein Kunststück, jeden Tag. Und dieses Kunstwerk, was Suhrkamp ist – ein Autor hat auch mal gesagt, Suhrkamp sei eine Lebensform – müssen wir übergeben. Die Leitungsebene ist zwischen 50 und 60. Deswegen wollen wir nun die vielen jungen Suhrkämper, die sich hier einsetzen, an die Zukunft des Verlages heran führen. Und damit müssen wir jetzt beginnen, denn es braucht eine Dekade bis unsere Backlist wirklich verantwortungsvoll übergeben ist. Das betrifft gerade den Bereich Rechte und Lizenzen: wir haben einen Rechtebestand von über 40.000 Verträgen, wir haben 12.000 Verträge im Ausland laufen. Das übergibt sich nicht in einer Woche. Wir sind gut damit beraten, diesen Generationenwechsel langsam zu vollziehen.

Litaffin: In Berlin sitzen sehr viele wichtige Institutionen für Kultur und Literatur, nun auch der Suhrkamp Verlag. Sie sagten es eben schon: Berlin als Kulturmetropole. Entwickelt sich Berlin denn tatsächlich langsam zu der Kulturmetropole Deutschlands wie etwa Paris in Frankreich? Sehen Sie in dieser Entwicklung eventuelle Gefahren?
Petra Hardt: Ja, ich sehe ganz deutlich, dass sich Berlin zu einer Kulturmetropole im Ausmaß von Paris entwickelt. Wir hatten heute ein Mittagessen mit der Übersetzerin von Christoph Hein, Nicole Bary. Sie ist in Paris eine Legende, als Leiterin des Vereins „Les Amis du Roi des Aulnes“, zu deutsch Erlkönig, hat sie sehr viel für Autoren wie Christa Wolf, Volker Braun, Christoph Hein und andere Autoren in Frankreich getan. Da sie in Paris und in Berlin lebt, kann sie beide Metropolen sehr gut miteinander vergleichen und ist der Meinung, dass die Kulturszene in Berlin wesentlich anregender und besser ist. Ich persönlich als klassischer Wessi fand Berlin früher nicht attraktiv. Ich sehe aber jetzt wie stark auch eine internationale Elite auf diese Stadt zukommt, daran kann man nicht vorbeisehen – außer man hält sich die Augen zu. Gefahren kann man dabei wirklich nicht sehen, denn es ist wie es ist.

Litaffin: Wenn wir schon bei Gefahren sind: Immer wieder heiß diskutiert sind Ebooks und paid content im Internet. Beschäftigen Sie sich in Ihrer Abteilung Rechte und Lizenzen auch mit diesen Themen? Wie sehen Sie die Entwicklung zum freien Zugang zur Literatur?
Petra Hardt: Wir beschäftigen uns täglich mit dem Thema digitale Rechte und vor allem mit einer Konzeption zum Vertrieb digitalisierter Werke. Einen honorarfreien Zugang zu den Werken unserer Autoren wird es nicht geben. Unabhängig vom Medium, print oder digital: das Urheberrecht muss gewährleistet sein und geschützt werden.

Litaffin: Welches Buch aus Ihrem Frühjahrsprogramm möchten Sie uns besonders ans Herz legen?
Petra Hardt: Alle! Aber wenn ich mich entscheiden muss: „Stadt der Engel“ von Christa Wolf. Stadt der Engel erscheint im Juni und wer bis dahin noch Beschäftigung braucht, sollte unbedingt den Briefwechsel von Siegfried Unseld und Thomas Bernhard lesen.

Litaffin: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hardt!

Foto: (c) Katrin Ritte

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