Von Debütantinnen und ihren Macher*innen

Von Debütantinnen und ihren Macher*innen

Bevor sich am Wochenende junge Autor*innen der Jury des open mike und dem Publikum im Heimathafen Neukölln präsentierten, kehrten ehemalige Finalistinnen auf dieselbe Bühne zurück, auf der sie einst am Wettbewerb teilnahmen. Sichtlich entspannt präsentierten Doris Anselm, Alina Herbing und Andra Schwarz in Begleitung ihrer Lektor*innen und Verleger*innen sich und ihre literarischen Debüts. Durch den Abend führte die Radiojournalistin Gesa Ufer.

Vorm Start zum 25. open mike 2017: Doris Anselm, Alina Herbing und Andra Schwarz präsentieren ihre literarischen Debüts
Pult: Andra Schwarz, Podium: Ulrike Ostermeyer, Alina Herbing, Gesa Ufer (Moderation), Andreas Heidtmann, Doris Anselm und Susanne Krones. Foto: © gezett.de

„Erntefest“ tauft Radiojournalistin und Moderatorin Gesa Ufer den Vorabend des 25. open mike: Auf der Bühne sitzen drei junge Autorinnen in Begleitung ihrer Verleger*innen und Lektor*innen. Sie sind ehemalige Preisträgerinnen oder Finalistinnen und haben ihre frisch gedruckten literarischen Debüts im Gepäck. Im Fokus stehen an diesem Abend aber nicht nur die literarischen Qualitäten der Neuerscheinungen, sondern auch deren Entstehung: „Für all die jungen Autor*innen im Publikum“, schmunzelt Ufer mit einem Blick in das Auditorium im Heimathafen und fühlt im Verlauf des Abends dem Literaturbetrieb auf den Zahn.

Alina Herbing – Niemand ist bei den Kälbern

2012 war Alina Herbing Finalistin beim 20. open mike. Ihre 15 Minuten Lesezeit füllte sie damals  mit dem Romanbeginn von Niemand ist bei den Kälbern, der – inzwischen abgeschlossen – im Februar dieses Jahres im Arche Literatur Verlag erschien.

Es ist ein heißer Sommer in Schattin, Mecklenburg-Vorpommern. Protagonistin Christin will der Routine und der vermeintlichen Idylle des Landlebens der Nachwendezeit entfliehen, erfahren die Zuhörer*innen aus der Romanmitte, aus der Alina Herbing dieses Mal liest. „Mich hat der Ton sofort angesprochen“, sagt die Verlagsleiterin des Arche Literatur Verlags, Ulrike Ostermeyer. „Wir sind ja auch erstmal Leser und schauen, ob die Bücher uns ansprechen“, erklärt die Verlagsleiterin die Auswahl neuer Manuskripte für ihr Verlagsprogramm. Niemand ist bei den Kälbern sei schon fertig gewesen, als sie mit dem Verlag ins Gespräch gekommen sei, berichtet die Debütautorin Herbing. „Dann haben wir aber noch ein ganzes Jahr gemeinsam daran gearbeitet“, erzählt sie weiter. Das Ergebnis war eines der aufsehenerregendsten Bücher der Literatursaison. Ob man denn da überhaupt etwas anders machen würde, wenn man könnte, fragt Moderatorin Gesa Ufer die Jung-Autorin: „Das erste, was ich nach Erscheinen des Buches gemacht habe, war ein Fernsehdreh in meinem Heimatort. Das war doch sehr intim“, resümiert Herbing die Omnipräsenz der eigenen Biographie. Herbings Heimatort Schlagsülsdorf liegt nur wenige Kilometer vom Romanschauplatz Schattin entfernt; so sei die Verlockung groß gewesen, Autorin Alina und Protagonistin Christin in einen Topf zu werfen. So zu sehen im NDR-Portrait „Alina Herbing räumt mit Landleben-Image auf“:

Andra Schwarz – Am morgen sind wir aus glas

Ähnlich sieht das auch die Lyrikerin Andra Schwarz, die den open mike 2015 gewann. Inzwischen wolle sie die eigene Person so weit wie möglich heraushalten. Eindringlich schildert Schwarz in ihrem lyrischen Debüt Am morgen sind wir aus glas Landschaften, die von Menschenhand verwüstet wurden – so wie die Oberlausitz. Sanft intoniert sie die eigenen Verse und nimmt die Zuhörer*innen mit in eine Welt der versehrten Natur. Eindrücklich wird das in Schwarz’ Gedicht Von hier gibt es keine bilder nur grau, mit dem sie ihre Lesung beim open mike 2015 eröffnete, und das sie nun erneut als erstes las. „Das Gedicht führt in den Band ein und steht so gewissermaßen auch programmatisch dafür“, so die Autorin. Da die Verse außergewöhnlich gesetzt sind, gibt es sie hier zum Selberlesen:

Von hier gibt es keine bilder nur grau
gezeichnete landschaft und schilder die warnen
im dorf sitzen die alten halsstarrig & eng in den lungen
im abseits die jungen spielen backgammon
würfeln um glück: hier gibt’s nichts zu holen
außer den blick den flusslauf hinauf in die berge
gewächshäuser streuobst rot über den wiesen
dahinter die GRENZE g e s p e r r t e s  g e b i e t milizen

hier endet alles, auch unsere sicht
wir schließen die augen und gehen zurück
ins dorf zu den andern im rücken kehrt wind

Aus: Am morgen sind wir aus glas (poetenladen 2017)
Zitiert mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Gezielt hatte sich die diesjährige Gewinner*in des Leonce-und-Lena-Preises mit einigen Gedichten für die Reihe Neue Lyrik beim poetenladen beworben. Am morgen sind wir aus glas und die darin enthaltenen Zyklen seien dann in enger Zusammenarbeit mit Verleger Andreas Heidtmann entstanden, der nur zwei Jahre nach der Gründung der Internetplattform poetenladen.de im Jahr 2007 den gleichnamigen Verlag gründete: „Ich habe das Internet als Einbahnstraße empfunden. Auch ökonomisch“, lacht er.

Doris Anselm – und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus

Zuletzt liest die Wahl-Berlinerin Doris Anselm. Ihr literarisches Debüt und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus ist eine Kurzgeschichten-Sammlung. Anselm liest die Geschichte „Rose und Marille“, in der die Protagonistin Greta in Widerstreit mit sich selbst gerät. Eine weitere Geschichte aus dem Erzählband, „Und dann ist alles ganz leicht“, kann hier nachgehört werden:

„Oft wird jungen Autor*innen geraten, mit Romanen zu debütieren“, meint Lektorin Susanne Krones vom Luchterhand Literaturverlag. Dass das aber auch mit Erzählungen funktioniert, zeigt Doris Anselm mit einem vielschichtigen Blick auf Menschen, ihre Konflikte und Reibungen. Der Luchterhand Literaturverlag fokussiere sich darauf, Gesamtwerke zu veröffentlichen, so Lektorin Krones. In jedem Programm sei schon ein Großteil der Plätze an die eigenen Autor*innen vergeben. Meist gebe es nur eine Lücke für junge und neue Autor*innen. Diesen Platz füllte im Frühjahr Doris Anselm, die Gewinner*in des open mike 2014.

Bereits viel diskutiert im Feuilleton, sprechen die drei Debüts in Form der kurzen Lesungen an diesem Abend offenbar für sich. Moderatorin Gesa Ufer gewährt der Entstehung der Texte mehr Raum als den literarischen Produktionen selbst. Sicherlich am Puls der Zeit – die eingehende Betrachtung eines Literaturbetriebs, der drei hochwertige Debüts hervorgebracht hat.

Leonie Hohmann

Links zu den vorgestellten Büchern:

Alina Herbing, Niemand ist bei den Kälbern, 20,00 €, Arche Literatur Verlag 2017

Andra Schwarz, Am morgen sind wir aus glas, 18,80 €, poetenladen Verlag 2017

Doris Anselm, und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus, 18,00 €, Luchterhand Literaturverlag 2017

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