Weihnachten 2016 // Buchempfehlungen der LITAFFIN-Redaktion // Teil 2

So here it is, Merry Christmas. Schon wieder. Das Jahr hat uns eingeholt, der Tannenbaum ist geschmückt, die letzte Adventskranzkerze bald schon runtergebrannt. Für die unter euch, denen noch das letzte Weihnachtsgeschenk fehlt – Rettung naht! Ein gutes Buch kann nie das falsche Geschenk sein. Was die Litaffin-Redaktion dieses Jahr noch so auf dem Radar hat, erfahrt ihr hier in unseren Redaktionsempfehlungen Teil 2: 

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Litaffin-WM 2010: Wir tauschen den Ball gegen das Buch!

Heute ist es soweit: die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika beginnt. In den kommenden vier Wochen kommen 32 Länder aus allen Winkeln der Erde in den Stadien zusammen, um mit- und gegeneinander zu spielen. Mit einem Ball. Bis am Ende einer gewinnt und einen goldenen Pokal bekommt.

Dass man für eine spannende WM aber weder einen Fußball noch einen Pokal braucht, beweisen wir mit unserer LITAFFIN-WM 2010, die natürlich pünktlich zum ersten Anpfiff in Johannesburg hier auf dem Blog startet.

Wir stellen 32 Texte aus allen bei der Fußball-WM vertretenen Ländern hier online. Keine Sorge, wer mitmachen möchte, muss nicht hunderte Seiten lesen: die Auswahl reicht vom kurzen Gedicht bis zum Romanauszug, überschreitet aber nicht die Länge von drei Seiten. Und denn seid ihr gefragt: über Abstimmungen bei Doodle entscheidet ihr, welche Texte weiterkommen – und wer am Ende zum Litaffin-Weltmeister 2010 gekürt wird!

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Gruppe H | Land 4

Dämmerung senkte sich auf das fruchtbare Tal. Die grauen, hohen Baracken in Culuco glichen denen der an­deren Campos. Von weitem wirkten sie beinahe schön, bei näherer Betrachtung jedoch waren sie eng und schmutzig. Zu ebener Erde lagen die Schuppen und die Essräume, über deren wackligen Tischen Fliegen summten. Jede Ba­racke war in sechs Behausungen abgeteilt, die ein Korridor an der Vorderseite miteinander verband. Eine eiserne Stiege führte zum Eingang hinauf. An der Hinterfront be­fand sich vor jedem Raum eine schmale Holztreppe. In den kleinen, niedrigen und verräucherten Küchen stank es nach Fett, Esswaren und Schweiß.

Maximo Luján und der ehemalige Bauer Martin Samayoa kamen völlig erschöpft in Culuco an. Ihre Gesichter waren von der stechenden Sonne gerötet, die Füße schmerzten von den Strapazen des Weges, die Augen glühten wie im Fieber, und ihre Kehlen waren ausgedörrt.

Der Giftarbeiter Luján wohnte in der dritten Baracke, im zweiten Raum links. Er nahm Samayoa mit hinein. Martin blickte sich um und sah zwei Feldbetten, drei Hängematten und ein paar Holzkisten, die als Stühle dien­ten. An den Wänden hingen mehrere Messingkanister, einige Koffer, verschiedene Buschmesser, ein paar abge­nutzte Spaten, sowie schmutzige, vom Saft der Bananen­stauden und vom Grau des Giftes bespritzte Männersachen und Frauenkleider.

Auf dem Fußboden lagen Zeitungen, Zeitschriften, Fla­schen, Kleidungsstücke, Blechdosen, Bindfaden und Lum­pen bunt durcheinander. Wie alle anderen Räume war auch dieser viel zu eng, genügte lediglich einer Person, aber es wohnten sieben Menschen darin. Besser gesagt, sie schliefen dort, denn sie kamen ja nur des Nachts in diesem Loch zusammen, nachdem sie von Sonnenaufgang bis Son­nenuntergang auf den Fincas geschuftet hatten.

„Das hier ist meine Hängematte“, sagte Maximo Luján zu seinem Gefährten. „Leg dich hinein und ruh dich ans. Wenn der Aufseher Benitez von der Arbeit kommt, werde ich mit ihm reden. Er ist ein gewalttätiger Hitzkopf, sehr schwierig zu nehmen, aber mit mir hält er Frieden. Ich arbeite oft für ihn als Sekretär.“

„Dann kann er wohl nicht einmal seinen Namen schrei­ben?“

„So ist es in etwa.“

„Und weshalb ist er Aufseher?“

„Man sieht, dass du vom Leben in den Campos nicht viel Ahnung hast. Aber du wirst bald Gelegenheit haben, es kennenzulernen. Aufseher kann man auf verschiedene Weise werden. Der schnellste und sicherste Weg ist die Empfehlung eines guten Freundes, der in der Politik etwas zu sagen hat. Ansonsten muss man großes Glück haben oder den Gringos die Stiefel lecken. In den Campos ist alles vertre­ten. Du findest viele aufrechte, charakterfeste Peones, die den großen und kleinen Chefs als Vorbilder dienen könn­ten, du findest aber auch widerwärtige und verabscheuungswürdige Typen. Auch bei den Aufsehern gibt es einige vernünftige Kerle, die uns Peones noch als Menschen an­sehen, es sind aber nur wenige, mein Freund. Die meisten von ihnen spielen sich schlimmer auf als die ausländischen Chefs.“

„Und wie steht’s mit diesem Benitez?“

„Den wirst du schon noch kennenlernen.“

Plötzlich erschütterten Schritte die Dielen der Baracke. An der Tür erschien ein junger braungebrannter Indio von gedrungener Gestalt und mit kräftigen Muskeln. Luján wandte sich an ihn:

„Warum arbeitest du heute nicht, Amadeo?“

„Ich habe frei bekommen, weil der Schlauch meiner Spritze geplatzt ist.“

Während Amadeo zu Samayoa hinübergrüßte, nahm er den Gürtel mit dem Revolver ab und legte ihn unter das Kissen eines der Feldbetten.

„Hast du heute wieder Fieber gehabt?“

„Heute nicht. Im Ambulatorium haben sie mir Chinin ge­geben. Mir summen die Ohren, aber ich vermute, das Sumpffieber wird etwas eingedämmt.“

Das Pfeifen einer Lokomotive durchschnitt die unbe­wegliche Stille des Nachmittags. Der Zug rollte näher, und durch die geöffnete Tür sahen die drei Männer die Ma­schine wie ein lärmendes schwarzes Ungeheuer vorbeifah­ren. In der Luft blieb eine dichte Rauchfahne hängen, die der leise Wind in phantasievolle Figuren zerriss, die sich dann allmählich im durchsichtigen Blau des Firmaments auflösten.

Die starke Hitze war verflogen und Windstöße, warm wie Frauenlippen, trugen den Duft der Früchte von den Plantagen herüber. Das Klopfen eines Pumpenmotors ver­mischte sich mit dem heiseren Bellen eines Traktors, der eine Ladung Stangen von der Bahn in die Pflanzung schleppte und dabei dichte Staubwolken aufwirbelte.

Die Landschaft, die sich wie ein grünes Tuch ausbreitete und von endlosen Pfaden durchzogen wurde, geriet in Be­wegung und verlor die Ruhe der glühenden Tagesstunden. Es war, als verliehe ihr eine unsichtbare Hand Leben und Kraft. Langsam, in gleichmäßigen Schritten, kam der Abend mit seinen Windfächern und veränderte das Himmelsant­litz, dessen Azurblau einzelne, wie Alabasterblöcke wir­kende Wolkenfelder bedeckte. Ein goldener Feuerschein brach sich an den fernen Gipfeln der Gebirge von Sulaco und Nombre de Dios, die sich im Süden und im Norden parallel zu dem blühenden Aguán-Tal erstreckten. Übermütig kreischende Vogelschwärme schossen über die Pflan­zungen, um den Eichkätzchen die reifen, in goldenen Trau­ben wachsenden Bananen streitig zu machen.

Das Motorengeräusch einer Giftpumpe brach ab wie das Stöhnen eines müden Ochsen, tiefes Schweigen lag über den Pflanzungen. Bald begann nun das Leben und Treiben in den Baracken. Die Frauen regten sich unermüdlich in den Küchen, und mit apathisch eintönigen Schritten ström­ten die Arbeiter auf den Wegen und Pfaden nach Culuco. Es waren Stangensetzer, Bewässerungsarbeiter, Unkraut­hacker, Giftspritzer, Bahnarbeiter. Alle sahen müde und erschöpft aus, ihre schmutzigen Kleider waren verschwitzt, ihre Gesichter und Arme von der Sonne verbrannt. Diese Menschen stammten aus den verschiedensten Gegenden des Landes. Es waren Weiße, Indios, Mestizen und Schwarze; Salpeterarbeiter vom Golf von Fonseca, Tabakarbeiter aus Copán, Hirten aus den Ebenen von Olancho, Farbige und Zambos aus Colón und von der Moskitoküste; Talbewoh­ner, Gebirgler, Küstenleute, Städter; Soldaten, ehemalige Kaufleute, Arbeiter und Landstreicher; Analphabeten und Intellektuelle. Mitgerissen vom Strudel, waren sie allein oder mit ihren Familien gekommen, der Zufall hatte sie hier unter dem sternenlosen Himmel der Hoffnungslosig­keit zusammengeführt, damit sie die Kraft ihres Körpers und ihres Lebens für wenige Münzen verkauften und sich ohne Atempause in fortwährendem Kampf das harte, schwarze Brot verdienten, das ihnen die Bananengesell­schaft bot.

Wie eine Flutwelle näherte sich das Stimmengewirr dem Campo. Rufe, Gelächter und Flüche ertönten, getragene, sehnsüchtige Melodien, wehmütig wie die Seele des Indios, klangen auf, im Campo erwachte das Leben.

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Gruppe G | Land 4

In seiner »Weltgeographie« machte Reclus bei der Behand­lung Brasiliens darauf aufmerksam, wie notwendig es sei, die aus dem Tupi stammenden Ortsnamen in unserem Land zu erhalten. Sie haben, so der große Geograph, den Vorteil, dass fast alle von ihnen eine äußerst klare, unzweideutige Bedeutung haben. Diese Namen weisen nämlich auf Natur­erscheinungen hin: Sie bezeichnen die Farbe der Flussläufe, die Höhe, die Form oder das Aussehen der Felsen, die Vegetation oder die Trockenheit eines Gebietes.

In Rio de Janeiro gibt es in der Tat Tupinamen, die mit so viel Beredsamkeit den Charakter und die Reize der Ge­genden ausdrücken, dass wir, wenn wir ihre Bedeutung erfah­ren, geradezu verblüfft sind über die poetische Kraft und das hohe Maß an Gefühlsstärke, die die primitiven Kanni­balen dieses Gebietes angesichts der so schönen und einma­ligen Natur um die Stadt herum an den Tag legten. Das zeigen schon die Namen der Bucht. Wie gut drückt doch der Name Guanabara – Busen des Meeres – eine Verfüh­rungskraft, Zurückhaltung und einen Zauber aus? Und wenn das Meer hier einen Busen bildete, so deshalb, um in ihm sein Wasser zu verbergen: Niterói – das verborgene Wasser.

Diese Tupinamen sind die äl­testen Dokumente der Menschen, die hier lebten und starben, und doch verhältnismäßig jung. Die Stadt Rio de Janeiro wurde auf dem ältesten Boden der Erde errichtet, aber bis heute finden sich keinerlei Spuren eines prähistorischen Lebens, keine direkten oder indirekten Spuren einer vergangenen Existenz.

Es scheint das Schicksal dieser Gebiete zu sein, dass sie keine Eindrücke bewahren durften von den aufeinanderfol­genden Generationen, auch wenn sie deren Kommen und Gehen miterlebten. Selbst die indianischen Namen ver­schwinden allmählich, und jedermann weiß, dass ein Trupp Arbeiter, der bei irgendwelchen Ausschachtungsarbeiten eine indianische Urne findet, sich gleich daran macht, sie zu öff­nen und dann zu zerschlagen, als wäre es etwas Teuflisches, als wäre es etwas Unwürdiges für uns Menschen von heute. Das einfache Totengefäß der Tamoyos wird erbarmungslos ge­opfert.

Die Erzeugnisse der Indios und alle ihre Bauwerke waren zerbrechlich; zerbrechlich sind auch unsere Bauten von heute. Die ältesten Monumente von Rio sind nämlich nur anderthalb Jahrhunderte alt, obwohl die Stadt bald auf eine vierhundertjährige Tradition zurückblicken kann.

Unser ehrwürdiger Granit, der so alt ist wie die Erde und auf dem die Stadt ruht, will absolut nur das Zerbrechliche, das Kurzlebige. Noch heute beherrscht dieser Geist die Bauweise un­serer öffentlichen und privaten Gebäude, die jeden Augen­blick zu bersten und einzustürzen drohen. Es ist so, als wollte die Erde nicht, dass andere Schöpfungen oder Lebe­wesen auf ihr bestehen bleiben als die Wälder, die sie hervor­bringt, und die Tiere, die sie bewohnen. Dennoch lässt die Erde sie entstehen, und für einen Augenblick trägt sie Geschöpfe, die dann wieder verschwinden müssen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Welch seltsame Laune!

Sie will ein Ort der Sammlung und der Ruhe für den Strudel sein, der die Schöpfung zu einer ständigen Verände­rung der Lebewesen mitreißt. Nur das will sie sein, und sie bleibt fest und unerschütterlich, indem sie Leben schafft und in sich aufnimmt. Doch geschieht es so, dass die Nach­folgenden nicht wissen können, wer ihnen vorangegangen ist.

Wie viele Formen des Lebens hat dieses Land schon ge­sehen, seitdem seine Felsen entstanden sind? Zahllose, Tau­sende. Doch von keiner wollte es eine Erinnerung, eine Re­liquie zurückbehalten. Das Leben sollte nicht glauben, es könne mit der Ewigkeit dieses Landes rivalisieren.

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Gruppe G | Land 3

Njaka (das ist eine kleine Antilopenart, alle Stämme im Westen, auch die Mossi, bezeichnen sie als besonders klug und auch zauberkräftig) hatte eine kleine Tochter, die war sehr hübsch, und viele hätten sie gern geheiratet. Njaka aber machte bekannt: „Ich gebe dem meine Tochter zur Frau, der mir die Milch der Padere [wilde Büffel], die Haut der Abaga [Leoparden] und den Zahn der Uobogo [Elefanten] bringt.“ Auch Somba der Hase hörte das, und er dachte bei sich: „Das ist doch gar nicht so schwer! Das werde ich schon zusammenbringen.“
Zunächst mischte sich Somba einen feinen Brei aus wilden Grassamen und Salz. Es gab eine ausgezeichnete Speise. Die füllte er in seinen Quersack. Er ging in den Busch dahin, wo er den Padere wußte. Padere sagte: „Wohin gehst du?“ Somba sagte: „Ich will mich ein wenig zurückziehen, um von einem Medikament zu essen, das gut zu schmecken scheint.“ Padere sagte: „Zeig her, ich will ein wenig davon versuchen.“ Somba gab ihm ein wenig. Padere versuchte es und sagte: „Das ist ja ganz ausgezeichnet. Wo hast du das her?“ Somba sagte: „Ich fand das in jenem Baobab [Affenbrotbaum]. Allerdings kann ich mit meinen kleinen Zähnchen nur wenig abkratzen. Du aber mit deinen mächtigen Hörnern brauchst nur einmal gründlich da hineinzufahren, um ein weites Loch in die dünne Baumwand zu schlagen. Dann kannst du der Baumhöhle entnehmen, soviel du willst, denn der Baum ist immer ganz angefüllt mit dieser Nahrung.“ Padere sagte: „Gut. Wo ist der Baum?“ Somba sagte: „Sieh! Ganz dicht dort drüben!“
Padere senkte den Kopf; er rannte mit aller Gewalt auf den Baum zu. Er wollte die dünne Wand zerstoßen, aber er rannte nur seine Hörner fest. Er wollte sie zurückziehen, aber er war so fest dagegen gestürmt, daß er nicht wieder vom Baum abzukommen vermochte. Als er nun so fest saß, sagte Somba: „Du erlaubst mir wohl!“ Er kam mit einer kleinen Kalebasse heran und begann den Padere, der sich nicht zu wehren vermochte, zu melken. Als seine kleine Kalebasse gefüllt war, lief er damit zu Njaka und sagte: „Hier ist zunächst einmal die Milch des Padere.“ Dann begab sich Somba zu Abaga und fragte: „Willst du mich vielleicht begleiten? Ich möchte baden gehen.“ Abaga sagte: „Ich will schnell meine Sachen ein wenig ordnen, dann komme ich mit dir.“ Abaga ging in sein Haus. Somba ging in sein Haus. Somba stopfte seinen Quersack fest voller Tjeperrenga [roter Pfeffer]. Abaga regelte in seinem Hause noch einige Unordnungen, dann trafen sie sich beide auf dem Weg zum Bade. Sie gingen gemeinsam zum Wasser hinab. Am Ufer warf Somba seinen Sack ins Gras und sagte: „Wollen wir uns nicht unserer guten Kleider entledigen?“ Abaga sagte: „Gewiß lege ich mein gutes Kleid ab.“ Er tat es. Er warf seinen fleckigen, schönen Überzug neben Sombas Sack. Dann stiegen beide ins Wasser und nahmen ihr Bad.
Als sie eine Zeitlang herumgeschwommen waren, sagte Somba: „Ach, ich habe ganz vergessen, etwas beiseite zu legen. Nun habe ich es mit ins Wasser genommen. Ich will schnell ans Ufer gehen, es ins Trockene zu legen. Gleich bin ich wieder zurück.“ Somba sprang ans Ufer. Er öffnete seinen Sack und rieb so schnell wie möglich Abagas Kleid gründlich mit rotem Pfeffer ein. Als das geschehen war, ging er zurück in das Wasser.
Sie schwammen noch eine Weile umher, dann stiegen sie ans Ufer. Abaga wollte sein Kleid anlegen. Er bewegte sich ein wenig darin (in seinem Fell). Er zog das Kleid wieder aus und sagte: „Pfui, das juckt ganz abscheulich.“ Er zog sein Kleid wieder aus. Somba hatte inzwischen seinen Sack genommen. Er roch daran und rief: „Pfui, das ist ja ganz abscheulich. Es ist etwas über meinen Sack gekommen, während wir badeten.“ Abaga trat herzu und sagte: „Es ist dasselbe, das in mein Kleid gekommen ist.“ Somba sagte: „So kann ich meinen neuen Sack nicht mit nach Hause nehmen.“ Abaga sagte: „Ich kann auch mein Kleid nicht anziehen.“ Somba sagte: „Ich muß meinen Sack erst gründlich waschen.“ Abaga sagte: „Mein Kleid muß auch erst gewaschen werden.“ Somba sagte: „Laß es hier; ich will es gleich mit reinigen.“ Abaga sagte: „Es ist gut!“ Somba sagte: „Du bekommst es dann morgen.“ Abaga ging. Somba nahm das schöne Kleid Abagas, trug es zu Njaka und sagte: „Hier ist wunschgemäß zum zweiten das Fell des Abaga.“
Somba begab sich dahin, wo die große Herde der größten Uobogo war. Somba setzte sich neben den größten Uobogo und blickte unaufhörlich mit weit geöffneten Augen gen Himmel. Von Zeit zu Zeit schüttelte er wie vor Verwunderung den Kopf und sagte: „Nein, ist das schön!“ Der größte Uobogo guckte auch in die Richtung, in die Somba schaute, und sagte: „Guten Tag, mein Somba! Was gibt es denn da?“ Somba tat so, als ob er erstaunt zusammenführe und jetzt erst den Uobogo sähe. Er sagte: „Verzeih mir, mein Uobogo, daß ich dich nicht beachtete und dir nicht guten Tag sagte. Aber ich war davon so ganz eingenommen.“ Der Uobogo sagte: „Wovon warst du eingenommen?“ Somba sah den größten Uobogo erstaunt an und sagte: „Ja, siehst du denn nicht das Herrliche da oben am Himmel?“ Der größte Uobogo sah empor und sagte: „Nein, ich sehe nichts.“ Somba sagte: „Was, das siehst du nicht?“ Uobogo fragte die anderen Uobogo: „Nein, wir sehen es nicht.“
Somba sagte: „Nein! Der große Uobogo sieht das Herrliche da oben am Himmel nicht!“ Alle Uobogo sahen zum Himmel empor. Der größte Uobogo sagte: „Ich sehe es nicht, ich möchte es aber sehr gern sehen.“ Die anderen Uobogo sahen ständig empor und sagten: „Ja, wir möchten wohl auch recht gern wissen, was dies Herrliche da oben am Himmel ist.“ Somba sagte: „Daß ihr das nicht seht, das kommt wohl daher, daß ihr im Verhältnis zu eurer Größe eigentlich kleine Augen habt, während ich als kleines Tier mit recht großen Augen versehen bin. Aber ihr seid so große, so wunderbar große Tiere, daß die Sache gar nicht so schwer ist. Es muß nur einer immer auf den Rücken des anderen steigen. Wenn dann der ganz große Uobogo zu oberst auf den Rücken des letzten steigt, so kann er das Herrliche da oben nicht nur sehen, sondern er kann es sogar ergreifen.“ Die Uobogo sagten: „Das ist richtig.“ Der größte Uobogo sagte: „Ich will auf euch alle hinaufsteigen. Ihr müßt aber ganz fest stehen, damit ich nicht falle.“ Die Uobogo sagten: „Wir werden ganz fest stehen.“
Danach stieg ein Uobogo immer auf den Rücken des anderen. Es entstand eine ganz, ganz hohe Säule. Zu oberst stieg der ganz große Uobogo. Als er oben war, hielt Somba unter den Hinterfuß des untersten Uobogo schnell einen Feuerbrand. Das schmerzte den derart, daß er nicht anders konnte, als einen Schritt nach vorn zu machen. Dadurch kam die Reihe der Uobogo aber ins Wanken, der größte Uobogo, der zu oberst stand, fiel herab und brach sich einen Zahn ab. Alle Uobogo fielen scheltend über den Uobogo, der zu unterst war, her. Der sagte: „Verzeiht mir, aber ich trat mir einen scharfen Dorn in den Fuß, und ihr wart so schwer auf mir!“
Während sie schalten, brachte Somba schnell den abgebrochenen Zahn beiseite und versteckte ihn im Busch. Der große Uobogo suchte zornig seinen Zahn. Im Zweige des Baumes nebenan saß ein kleines Vögelchen, das hatte alles mit angesehen und rief dem größten Uobogo zu: „Du suchst deinen Zahn an der falschen Stelle. Du mußt deinen Zahn da drüben suchen. Somba hat ihn gestohlen und versteckt.“ Der größte Uobogo hatte nicht recht verstanden. Er fragte: „Was ist los?“ Somba sagte: „Dieser freche kleine Vogel wagt es, auch noch über dein Unglück zu lachen.“ Als Uobogo das hörte, war seine Wut grenzenlos. Er jagte mit seinen Genossen hinter dem kleinen Vogel her, ihn zu vernichten. Während die Uobogo von dannen jagten, nahm Somba seinen Zahn, trug ihn zu Njaka und sagte: „Hier ist zum dritten der Zahn des Uobogo.“
Njaka sagte: „Es ist wahr. Du hast mir die Milch des Padere, das Fell des Abaga und den Zahn des Uobogo gebracht.“ Somba sagte: „Nun gib mir deine Tochter!“ Njaka sagte: „Mein Somba! Meine Tochter kann ich dir nicht geben. Du bist, wie du mir gezeigt hast, ganz ungewöhnlich klug. Ich bin auch ein ganz ungewöhnlich kluges Tier. Wenn unsere Familien sich zusammentun und aus unseren beiden Stämmen ein Kind geboren wird, so wird es klug wie Wende [wie Gott], und das wäre nicht gut. Deshalb kann ich dir meine Tochter nicht geben.“

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Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

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Gruppe G | Land 2

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.
Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.
Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: „Was gaffst du mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer verborgen sind!“
„Daß ich dumm wäre!“ entgegnete der Mann. „Bist du frei, so frißt du mich auf!“
„Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!“ versicherte der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ und den Tiger befreite.
Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen Befreier eine Weile an und sagte:
„Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer? Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir die Kosten des Begräbnisses.“
„Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?“ rief der Holzfäller.
„Ach was!“ sprach der Tiger. „Mit leerem Magen fühlt man keine Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!“ So stritten sich die beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen, hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.
Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.
„Ganz recht, alter Onkel!“ sagte da der Hase. „Verspeise den Mann mit gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. — Aber, was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht selbst befreien?“ sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die Falle betrachtete. „Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!“
„Ich flunkern?“ rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. „Seht! so ging ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!“
„Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!“ lachte der Hase, sprang auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß und der Tiger wieder gefangen war.
„So!“ sagte der Hase zum Holzfäller, „wenn es euch nun beliebt, den alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!“ So sprechend machte er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein.
Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des überlisteten alten Räubers.
So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.

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Gruppe G | Land 1

PORTUGAL

Ich schreibe dir zum letzten Mal … und ich hoffe, du wirst aus dem Unterschied meiner Ausdrucksweise und aus der ganzen Art dieses Briefes verstehen, daß du es endlich erreicht hast, mich zu überzeugen, daß du mich nicht mehr liebst, so daß auch ich dich nicht mehr lieben darf.
Ich schicke dir also mit der nächsten Gelegenheit alles, was ich noch von dir habe. Fürchte nicht, daß ich dir schreibe; ich werde nicht einmal deinen Namen auf das Paket schreiben. Ich habe Dona Brites gebeten, alles das zu besorgen; sie ist es gewohnt, meine Vertraute zu sein, freilich in Dingen, die von diesen hier sehr verschieden waren: ich darf mich auf sie besser verlassen als auf mich selbst. Sie wird alles Nötige tun, damit ich mit Sicherheit annehmen kann, daß das Porträt und die Armbänder, die du mir gegeben hast, wirklich in deine Hände kommen.
Wissen sollst du aber, daß ich mich seit einigen Tagen fähig fühle, diese Beweise deiner Liebe, die mir so teuer waren, zu verbrennen und zu zerreißen; nur hab ich dir leider so viel Schwäche gezeigt, daß du nie würdest glauben wollen, ich sei zu diesem Äußersten imstande gewesen … Aus dem Schmerz, den es mich gekostet hat, mich davon zu trennen, will ich mir schon eine Art Genuß herausschlagen, und dir kann ich wenigstens etwas Ärger damit bereiten.
Ich gestehe, zu deiner und meiner Schande, daß ich an diesen Kleinigkeiten mehr hing, als ich dir sagen will; ich mußte von neuem alle meine Einsichten durchgehen, um mich von jeder, im einzelnen, loszumachen; und das zu einer Zeit, da ich mir Glück wünschte, von dir schon völlig frei zu sein. Aber was erreicht man nicht, wenn einem Gründe haufenweis zur Verfügung stehen. Ich habe Dona Brites alles übergeben. Mein Gott, alle die Tränen, die es mich gekostet hat, mich dazu zu bestimmen! Du hast keine Ahnung von den tausend Unentschlossenheiten, die in einem aufgeregt werden können, und ich werde sie dir sicher nicht herzählen … Sie sollte, bat ich sie, mir nie davon sprechen, und mir diese Dinge nicht mehr vor Augen bringen, selbst wenn ich verlangte, sie noch einmal zu sehen; ich darf nicht wissen, wann man sie absendet.
Ich kenne das ganze Übermaß meiner Liebe erst, seit ich alle diese Anstrengungen machen mußte, mich von ihr zu heilen; und ich glaube, ich hätte nie den Mut gehabt, sie zu unternehmen, wenn sich hätte voraussehen lassen, wie schwer und schrecklich das sein würde. Es wäre auf alle Fälle eine mildere Qual für mich gewesen, dich weiterzulieben, trotz deines Undanks, als dich für immer aufzugeben. Ich entdeckte, daß ich nicht so sehr an dir hänge als an meiner eigenen Leidenschaft; du warst mir durch dein kränkendes Benehmen schon verhaßt geworden, aber es war wunderlich, wie es mich leiden machte, gegen sie anzukämpfen.
Der gewöhnliche Stolz der Frau hat mir nichts geholfen bei dem, was ich wider dich zu beschließen hatte. Ach, deine Verachtung war mir schon geläufig. Ich hätte auch noch deinen Haß ausgehalten und alle Eifersucht, die möglicherweise deine Neigung für eine andere in mir hervorgerufen hätte. Es wäre doch etwas dagewesen, womit sich hätte ringen lassen. Was mir aber völlig unerträglich ist, das ist deine Gleichgültigkeit. Aus den unverschämten Freundschaftsversicherungen und den nichtssagenden Phrasen in deinem letzten Brief konnte ich merken, daß du alle meine Briefe empfangen hast; du hast sie, weiß Gott, lesen können, ohne daß in deinem Herzen das geringste sich rührte. Du Undankbarer, – und ich bin dumm genug, mich noch zu kränken, daß mir nun nicht einmal die Möglichkeit bleibt, mir einzubilden, sie wären gar nicht bis zu dir gelangt und nie in deine Hände gekommen.
Du, mit deiner Offenheit, – ich verabscheue sie. Hab ich dich etwa gebeten, mir aufrichtig die Wahrheit zu sagen? Durfte ich nicht meine Gefühle behalten? Es hätte genügt, daß du mir nicht schriebst. Ich hatte gar keinen Wunsch, aufgeklärt zu sein. Soll es mich nicht unglücklich machen, daß du es für überflüssig hältst, mich zu täuschen, und daß ich nun außerstande bin, dich noch zu entschuldigen? Ich begreife jetzt, mußt du wissen, daß du meiner Gefühle nicht wert bist, ich kenne alle deine schlechten und niedrigen Seiten.
Aber ich beschwöre dich (wenn alles, was ich für dich getan habe, verdient, daß du auf eine flehentliche Bitte meinerseits ein wenig Rücksicht nimmst), ich beschwöre dich: schreib mir nicht mehr und hilf mir, daß ich dich von Grund aus vergesse. Solltest du mich wissen lassen, daß dieser Brief dir ein Unbehagen bereitet hat, ich wäre imstande, es dir zu glauben. Andererseits kann ich mir vorstellen, daß ich in Zorn und Aufregung geraten würde, wenn ich erführe, daß du vollkommen mit ihm einverstanden warst; und beides könnte zur Folge haben, daß ich wieder lichterloh brenne.
Mische dich also nicht mehr in das, was ich tue; du würdest in jedem Fall meine Absichten umstürzen, in welcher Weise du dich auch hineindrängtest. Ich will nicht wissen, wie dieser Brief auf dich wirkt: störe mir nicht den Zustand, an dem ich arbeite. Ich glaube, du kannst dich zufriedengeben mit dem Unheil, das du angerichtet hast.
Was immer dich getrieben haben mag, mich unglücklich zu machen: laß mir jetzt meine Ungewißheit; ich hoffe, ich bringe es zustande, mit der Zeit eine Art Ruhe daraus zu entwickeln. Ich kann dir versprechen, dich nicht zu hassen; ich habe viel zuviel Mißtrauen gegen starke Gefühle, als daß ich mich damit einlassen sollte. Übrigens bin ich sicher, daß sich hier ein treuerer Liebhaber finden ließe. Nur, ach, wird einer imstande sein, mir Liebe beizubringen? Wird die Leidenschaft eines andern mich beschäftigen können? Die meine hat doch bei dir nichts ausgerichtet. Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß ein Herz nie mehr über den Anlaß hinauskommt, der es zuerst gerührt und ihm die unbekannten Kräfte gezeigt hat, deren es fähig war. Alle seine Antriebe beziehn sich auf den Götzen, den es sich gebildet hat; seine ersten Wunden sind weder zu heilen noch ungeschehen zu machen; die Leidenschaften, die ihm zu Hilfe kommen und die sich Mühe geben, es auszufüllen und zu stillen, versprechen ihm umsonst einen Grad des Empfindens, den es nicht wiederfindet; es sucht die Freuden ohne rechte Lust, ihnen zu begegnen, und sie dienen schließlich nur dazu, ihm zu beweisen, daß ihm nichts teurer sei als seine Schmerzen, die es nicht vergißt.
Was mußte ich durch dich die Halbheit und Bitternis einer Beziehung kennen lernen, die nicht ewig dauert, und das ganze Verhängnis einer heftigen Liebe, wenn sie nicht gegenseitig ist? Welches blinde und boshafte Schicksal heftet sich an uns, um uns genau immer an die zu bringen, die nur für eine andere zu fühlen vermöchten? […]

Ist dir noch nie zum Bewußtsein gekommen, auf welche Weise du mich behandelt hast? Denkst du niemals daran, daß du gegen mich mehr Verpflichtungen hast als gegen sonst jemand auf der Welt? Ich habe dich geliebt wie eine Wahnsinnige. Wie hab ich nicht alles andere mit Füßen getreten. Dein Benehmen war nicht das eines Mannes von Ehre. Du mußt schon gegen mich eine natürliche Abneigung gehabt haben, daß du nicht aus Liebe zu mir vergangen bist. Und was mich so von dir einnehmen konnte, das waren recht mittelmäßige Dinge. Was hast du mir eigentlich zu Gefallen getan? Welches Opfer hast du mir gebracht? Warst du nicht hinter tausend andern Vergnügungen her? Das Spiel, die Jagd, hast du sie vielleicht aufgegeben? Bist du nicht der erste gewesen, der zum Heere abging, und bist du nicht später wiedergekommen als alle andern? Du hast dich unnötigerweise den tollsten Gefahren ausgesetzt, wie sehr ich dich auch gebeten hatte, mir zuliebe dich zurückzuhalten. Dein Ansehen in Portugal war nicht gering, trotzdem hast du keine Schritte getan, dich hier niederzulassen. Ein Brief deines Bruders genügte, du reistest, ohne nur einen Moment zu zögern. Und habe ich nicht zum Überfluß erfahren müssen, daß du auf der ganzen Reise bei bester Laune warst?
Wahrlich, ich gestehe, ich sehe keinen Ausweg, als dich tödlich zu hassen. Aber ich habe selbst alles getan, mir mein Elend zuzuziehen. Ich habe dich, viel zu offenherzig, von Anfang an an eine große Leidenschaft gewöhnt, man muß mehr Kunst anwenden, wenn man sich geliebt machen will; man muß geschickt die Mittel herausfinden, die zünden, mit Liebe allein macht man noch keine Liebe. Du wolltest, daß ich dich lieben sollte, das war dein Plan; und da er einmal gefaßt war, gab es nichts, wozu du nicht bereitgewesen wärst, um ihn durchzuführen. Du hättest dich am Ende sogar entschlossen, mich zu lieben, wenn das nötig gewesen wäre; aber du merktest bald, daß du bei deinem Unternehmen ohne Liebe zum Ziel kommen würdest, daß du sie gar nicht brauchtest. Welche Niederträchtigkeit! Glaubst du, es ist so einfach, mich ungestraft zu betrügen? Wenn es sich je fügt, daß du dieses Land noch einmal betrittst, du darfst gewiß sein, daß ich dich der Rache meiner Familie ausliefere.
Ich hab lange in einer Vergessenheit gelebt, in einer Götzendienerei, die mich erschauern macht, wenn ich daran denke. Meine Gewissensbisse verfolgen mich mit einer unerträglichen Härte. Ich fühle lebhaft das Schändliche der Verbrechen, die du mich hast begehen lassen, und meine Leidenschaft ist leider fort, die mich verhinderte, sie in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit zu sehen. Wann wird mein Herz zu Ruhe kommen? Wann werde ich einmal diese Pein los sein? Trotz alledem wünsche ich dir, glaube ich, nichts Böses, und ich würde mich schließlich ohne Widerspruch hineinfinden, daß du glücklich wirst. Aber wie in aller Welt könntest du’s sein, wenn du ein Herz hast?
Ich werde dir noch einen Brief schreiben, um dir zu zeigen, daß ich vielleicht in einiger Zeit ruhiger bin. Es wird mir ein Genuß sein, dir deine Ruchlosigkeiten vorzuhalten, sobald sie mich nicht mehr so lebhaft berühren; und wenn ich erst soweit bin, dir mitzuteilen, daß ich dich verachte, daß ich imstande bin, mit großer Gleichgültigkeit davon zu sprechen, wie du mich hintergangen hast, daß alle meine Schmerzen vergessen sind und daß ich mich deiner nur erinnere, wenns mir grade einmal einfällt!
Zugeben muß ich immer noch, daß du große Überlegenheit über mich besaßest und daß du mich mit einer Leidenschaft erfüllt hast, über der ich den Verstand verlor; aber du darfst dir nicht viel darauf einbilden. Ich war jung, leichtgläubig, seit meiner Kindheit eingeschlossen in diesem Kloster. Alle Menschen, die ich sah, waren nicht sehr einnehmend. So schöne Dinge, wie du sie mir beständig sagtest, hatte ich nie gehört. Es kam mir vor, als verdankte ich dir die Vorzüge und die Schönheit, die du an mir entdecktest und mir zum Bewußtsein brachtest. Man sprach gut von dir. Alle Welt war auf deiner Seite. Du tatest alles, wessen es bedurfte, Liebe in mir aufzuregen: aber ich habe endlich diese Verzauberung abgeschüttelt; du hast mich redlich dabei unterstützt, und ich verberge dir nicht, ich hatte solchen Beistand außerordentlich nötig.
Deine Briefe gehen an dich zurück, nur die beiden letzten will ich sorgfältig aufbewahren und von Zeit zu Zeit lesen, noch öfter womöglich, als ich die ersten gelesen habe: das wird mich vor allem Schwachwerden schützen. Sie sind mir teuer zu stehen gekommen, diese Briefe. Nichts als dich weiterlieben dürfen, und ich wäre glücklich gewesen. Ich sehe, ich beschäftige mich noch viel zuviel mit meinen Vorwürfen und mit deiner Untreue; doch, du weißt, ich habe mir versprochen, einen ruhigeren Zustand zu erreichen, und ich werde es durchsetzen, oder ich muß irgendein äußerstes Mittel wider mich gebrauchen, das dir nicht sehr nahegehen wird, wenn du davon erfährst … Aber ich will nichts mehr von dir. Ich bin eine Närrin, daß ich immer wieder dasselbe sage. Dich aufgeben, nicht mehr an dich denken, das ist alles, was not tut. Ich glaube sogar, ich werde nicht mehr schreiben. Bin ich am Ende verpflichtet, dir genaue Rechenschaft abzulegen über alle meine verschiedenen Gefühle? …

Das Finale der litaffin-WM 2010 – USA gegen Portugal

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Gruppe F | Land 4

Neuseeland

Neonlichter

Manchmal sähe ich meinen Namen gern in Neonlicht gebrannt
Purpur und blau, durch die Nacht aus Samt
So viel zum Rampenlicht –
Günstiges elektrisches Lampenlicht –
Nur damit du, der in der geputzten Menge vorbeizieht,
vielleicht sagst „Ich kenne sie gut“, vielleicht etwas stolz bist.

Manchmal wär ich lieber traumgleiche Zärtlichkeit
Hauch schweigsamen Blütenblattes in deiner Einsamkeit.

Das Finale der litaffin-WM 2010 – USA gegen Portugal

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Gruppe F | Land 3

Einst lebte ein König, welcher eine Tochter hatte, die sehr grausam war. Schon in ihrer Jugend war sie sehr blutdürstig. So schnitt sie z. B. den Vögeln, die sie gefangen hatte, die Zunge oder die Füße ab und ließ sie dann fliegen; oder sie brannte ihnen die Augen aus. Wo sie einem Tier etwas zuleide tun konnte, tat sie es. Als sie älter wurde, vergrößerte sich auch ihre Grausamkeit, und sie wagte es, diese auch an Menschen auszuüben.

Sie ließ alle Bettler durch ihre Hunde aus dem Schloß hetzen, und je mehr sie von den Hunden zerbissen wurden, desto mehr Freude hatte sie. Als nun ihr Vater gestorben war, kam ein Rittersohn, um ihre Hand anzuhalten. Sie nahm diesen Antrag an, und der Trauungstag wurde festgesetzt.

Als dieser gekommen war, schickte sie den Ritter in einen andern Teil des Schlosses, daß er das Brautgeschmeide hole. Um in das bezeichnete Zimmer zu gelangen, mußte er über einen hölzernen Gang gehen, welcher so eingerichtet war, daß, wenn sie an einer Schnur anzog, derjenige, welcher darübergehen wollte, samt den Brettern in einen tiefen Brunnen fiel und darin noch das teuflische Lachen dieses grausamen Weibes hören mußte.

So waren schon neun Jünglinge zugrunde gegangen, als endlich einer kam, welcher all dies schon vorhergesehen hatte, da er ein Schwarzkünstler war. Sie hatte ihm schon ihre Hand zugesichert, und als sie ihn in jenes Zimmer schicken wollte, weigerte er sich und sagte, sie solle das Geschmeide selbst holen.

Sie redete ihm jedoch mit den freundlichsten Worten zu, er möge ihr doch diesen Gefallen tun. Allein zornig erwiderte er: „Glaubst du, ich sollte der zehnte sein, der in dem Brunnen sein Grab findet? Diesmal wird es dir nicht gelingen, denn die Zeit der Vergeltung ist gekommen.“

Über diese Rede erzürnt, befahl sie ihren Knechten, ihn zu binden und in den Brunnen zu werfen. Er ließ sich auch willig binden und in den Brunnen werfen, blieb aber auf dem Wasser und lächelte der Fürstin zu, welche in ihrer Wut Hand und Reich demjenigen zusagte, der ihren Feind töten würde. Da nahmen die Knechte ihre Armbrüste, und es zischten neun Pfeile nach dem Ritter. Die Pfeile aber verwandelten sich während des Fluges in Vögel, welche zwitschernd das Haupt des Ritters umkreisten.

„Wärst du nur hier, ich wollte dich schon töten“, sagte sie. Er aber erhob sich samt den Vögeln aus dem Brunnen, und ehe sich alle recht besinnen konnten, war er im nächsten Wald verschwunden.

Dort schrieb er neun Briefe, worin er den Tod der neun Jünglinge schilderte, band jedem Vogel einen solchen Brief an den Hals und ließ sie durch Land und Städte fliegen.

Überall ließen sie ihre Briefe lesen und kehrten endlich zur Königstochter selbst zurück und übergaben ihr die Briefe.

Diese zerriß dieselben, rang aber unaufhörlich die Hände und jammerte fortwährend, da ihr Verbrechen nun an den Tag gekommen war. Sie legte auch ihren Schmuck ab, zog ein Trauergewand an und lebte in dem Wald, in dem sich der letzte Ritter samt den Vögeln niedergelassen hatte, als Einsiedlerin.

Die Vögel kamen täglich zu ihr und sangen die ganze Begebenheit, wie sie in den Briefen geschildert war, sie aber streute ihnen unter Tränen ihr Futter vor die Hütte und bereute tausendfach ihr Verbrechen. Als dieses nun gebüßt war, verwandelten sich die neun Vögel in Jünglinge, und diese verziehen der Königstochter ihr Verbrechen. Darauf verwandelten sich die neun Jünglinge in Engel und trugen die reuige Büßerin in den Himmel.

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Gruppe F | Land 2

Ich stieg in die Gondel, die Brust von den verschiedensten Empfindungen bewegt:  ein gewisses Bedauern, die Bleidächer verlassen zu müssen, wo ich viel gelitten, wo ich aber doch manchen und mancher mich lieb gewonnen hatte – die Freude, nach so langer Einsperrung mich in der freien Luft zu befinden, den Himmel und die Stadt und die Wasser, ohne jene unseligen Vierecke der Gitter, zu sehen, die Erinnerung an die fröhliche Gondel, die mich in viel glücklicherer Zeit über dieselbe Lagune getragen, an die Gondeln des Comersees und des Lago Maggiore, an die Barken des Po, an die auf der Rhone und Saone! Ach, die lachenden Jahre, auf immer sind sie dahin! Und wer auf der Welt war so glücklich gewesen als ich?

Geboren von den liebevollsten Eltern, in jener Lage aufgewachsen, die nicht Armut ist und die dir, weil sie zwischen Arm und Reich in der Mitte gelegen ist, die rechte Kenntnis beider Zustände leichter macht – eine Lage, welche ich, das Gemüt des Menschen zu bilden, für am geeignetsten halte – so war ich nach einer Kindheit, die mir unter der milden Fürsorge meiner Eltern still und heiter verflossen, nach Lyon zu einem alten Onkel von mütterlicher Seite gekommen, zu einem Manne, der sehr reich, aber ebenso sehr seines Reichtums würdig war, und hier hatte alles, was ein der Anmut und Liebe bedürfendes Herz entzücken kann, die erste Glut meiner Jugendjahre ergötzt: von dort nach Italien zurückgekehrt, hatte ich im Hause meiner Eltern zu Mailand meine Studien fortgesetzt, der Gesellschaft und meinen Büchern mich gewidmet und hatte nur treffliche Freunde und schmeichelhaften Beifall gefunden. Monti und Foscolo, obwohl damals miteinander in Streit, hatten mir in gleicher Weise ihr Wohlwollen geschenkt. Lebhafter fühlte ich mich zu dem letzteren hingezogen, und der sonst so heftige Mann, der durch sein schroffes Wesen so viele von sich abstieß, war gegen mich die Zärtlichkeit und Herzlichkeit selbst gewesen, und ich verehrte ihn auf das innigste. Die übrigen Literaten von Ruf liebten mich ebenfalls, sowie ich sie wieder liebte. Nie traf mich ein Angriff des Neides oder der Mißgunst, oder wenn es geschah, so ging dies wenigstens nur von so verrufenen Leuten aus, die mir nicht schaden konnten. Beim Sturze des Königreichs Italien hatte mein Vater mit den übrigen Mitgliedern unserer Familie seinen Wohnort wieder nach Turin verlegt, nur ich hatte es aufgeschoben, mich mit so geliebten Personen wieder zu vereinigen, und war schließlich in Mailand geblieben, wo so viel Glück mich umgab, daß ich mich nicht entschließen konnte, es zu verlassen.

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Gruppe F | Land 1

Paraguaýpe

Lass mich dir von den Sorgen berichten,
Die mich erdrücken
Und die Nacht mit meinen Tränen benetzen,
Für mein geliebtes Asunción.

Ich erinnere mich an Frauen, die Ware anbieten
Barfuß und blauäugig
Meine Brust brennt in Qual
Und erstickt an meinen Tränen.

Nur die Musik erleichtert meine Trauer
Mit ihren süßen Tönen
Und bei Vollmond verkünde ich
Die Liebe, die ich für dich empfinde, Asunción.

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Gruppe E | Land 4

Vor einiger Zeit komme ich des Abends durch die Kalverstraat. Da fiel mir auf einmal ein Herr ins Auge, der in der Nähe vor einem Buchladen stand und mir bekannt vorkam. Er schien mich auch zu erkennen, denn unsere Blicke begegneten sich fortwährend. Ich muß bekennen, daß ich erst später sah, daß er ziemlich ärmlich in den Kleidern stak, sonst hätte ich die Sache laufen gelassen; aber mit einem Male schoß mir der Gedanke durch den Kopf, es könnte ein Reisender eines deutschen Hauses sein, das einen soliden Makler sucht. Er hatte wohl auch etwas von einem Deutschen an sich, und von einem Reisenden auch; er war sehr blond, hatte blaue Augen, und in Haltung und Kleidung etwas, was den Fremden verriet. Anstatt eines gehörigen Winterüberziehers hing ihm eine Art von Shawl über die Schulter, als ob er so von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Geschäftskarte, Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Er hielt sie an die Gasflamme und sagte:

„Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt; ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, indessen … Last, das ist der Name nicht …“

„Pardon“, sagte ich, denn ich bin stets höflich, „ich bin Mijnheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee.“

„Gut, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich einmal gut an.“

Je mehr ich ihn ansah, je mehr erinnerte ich mich, ihn öfter gesehen zu haben; aber merkwürdig, sein Gesicht hatte auf mich die Wirkung, als ob ich fremde Parfümerien röche. Lach nicht darüber, Leser, du sollst später sehen, wie das kam. Ich bin sicher, daß er keinen Tropfen Räucherwerk bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes, etwas Starkes, etwas, das mich erinnerte an … da hatte ich’s!

„Sind Sie es“, rief ich, „der mich von dem Griechen befreit hat?“

Ja, ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen gerettet hatte! Denkt nun nicht, daß ich jemals durch Seeräuber bin gefangen genommen worden, oder daß ich in der Levante Krieg geführt habe. Ich habe euch bereits gesagt, daß ich nach der Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gefahren bin; da haben wir das Moritz-Haus gesehen und in der Veenestraat Flanell gekauft. Das ist der einzige Ausflug, den meine Geschäfte mir überhaupt gestattet haben, weil bei uns so viel zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen, denn er gab sich immer mit Dingen ab, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierundvierzig, glaube ich, und im September, es war Kirmes in Amsterdam. Da meine alten Leute vor hatten, aus mir einen Geistlichen zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich öfter gefragt, warum man eigentlich Lateinisch verstehen muß, um auf Holländisch „Gott ist gut“ zu sagen. Genug ich war auf der Lateinschule – jetzt sagen sie Gymnasium – und da war Kirmes, – in Amsterdam, meine ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, so wirst du dich erinnern, daß eine darunter war, die sich auszeichnete durch die schwarzen Augen und die langen Flechten eines Mädchens, die als Griechin angezogen war; auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens sah er wie ein Grieche aus. Sie verkauften allerlei Räucherkram.

Ich war gerade alt genug, um das Mädchen hübsch zu finden, ohne indessen den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig genützt haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen sechzehnjährigen Jungen noch als ein Kind, und darin haben sie ganz recht. Trotzdem kamen wir Quartaner jeden Abend auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.

Nun war er, der da jetzt vor mir stand mit seinem Shawl, eines Tages dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als wir anderen und darum noch ein bißchen zu kindisch, um nach der Griechin zu gucken. Aber er war der Erste in unserer Klasse – denn gescheit war er, das muß ich zugeben – und spielen, balgen und boxen mochte er gern; daher war er bei uns. Wie wir nun, wir waren im ganzen zehn Mann, hübsch weit von der Bude ab zusammenstanden und nach der Griechin schielten und beratschlagten, wie wir es anlegen sollten, um ihre Bekanntschaft zu machen, wurde also beschlossen, Geld zusammenzuthun, um irgend etwas zu kaufen. Aber nun war guter Rat teuer, wer die große Ehre haben sollte, das Mädchen anzureden. Jeder wollte, aber keiner getraute sich. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Nun bekenne ich, daß ich nicht gern Gefahren trotze; ich bin Familienvater, und halte jeden, der Gefahren sucht, für einen Narren, wie es auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm zu erklären, daß ich in meinen Ideen über Gefahr und dergleichen mir gleich geblieben bin, da ich jetzt noch darüber dieselbe Meinung hege, wie jenen Abend, als ich da vor der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern, die wir zusammengelegt hatten, in der Hand. Aber aus falscher Scham getraute ich mich nicht zu sagen, daß ich mich nicht getraute, und außerdem, ich mußte wohl vorwärts, denn meine Kameraden drängten mich, und da stand ich nun vor der Bude.

Das Mädchen sah ich nicht, ich sah überhaupt nichts, alles war mir grün und gelb vor den Augen … ich stammelte einen Aoristus Primus von ich weiß nicht welchem Zeitwort …

„Plaît-il?“ sagte sie. Ich faßte etwas Mut, und machte weiter:

„Meenin aeide thea,“ und „Ägypten wär’ ein Geschenk des Nils“ …

Ich bin überzeugt, daß ich mit dem Bekanntschaft machen schon noch vorwärts gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden aus kindischer Bosheit mir einen solchen Stoß in den Rücken gegeben hätte, daß ich recht unsanft gegen den Kasten flog, der in halber Manneshöhe die Vorderseite der Bude abschloß. Ich fühlte einen Griff in meinem Nacken … einen zweiten Griff etwas tiefer … ich schwebte einen Augenblick in der Luft … und ehe ich noch recht begriff, wie die Sachen standen, befand ich mich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, „ich wäre ein Gamin, ein Straßenlümmel, und er würde die Polizei rufen.“ Nun war ich zwar in der Nähe des Mädchens, aber gefallen konnte mir das nicht. Ich heulte und bat um Gnade, denn ich hatte schreckliche Angst. Aber es nutzte nichts; der Grieche hielt mich am Arm und schüttelte mich; ich sah mich nach meinen Kameraden um … wir hatten den Morgen gerade mit Scävola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer steckte … und in ihren lateinischen Sätzen hatten sie das so schön gefunden … jawohl! Keiner war stehen geblieben, um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken …

So dachte ich. Aber da flog mit einem Male mein Shawlmann durch die Hinterthür in die Bude; er war nicht groß oder stark, und kaum so etwa dreizehn Jahre alt, aber er war ein flinker und tapferer Bursche. Noch sehe ich seine Augen blitzen – sonst blickten sie matt – er gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, daß der Grieche ihn tüchtig verhauen hat; – aber weil ich den festen Grundsatz habe, mich nicht um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen, bin ich schleunigst davongelaufen und habe es also nicht gesehen.

So kam es, daß seine Züge mich so an Räucherwerk erinnerten, und so kann man in Amsterdam mit einem Griechen Streit bekommen.

Wenn bei späteren Jahrmärkten der Mann mit seiner Bude wieder auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen immer wo anders.

Da ich ein Freund von philosophischen Betrachtungen bin, so muß ich dir, Leser, doch eben noch sagen, wie wunderbar die Dinge auf dieser Welt doch miteinander verknüpft sind. Wären die Augen des Mädchens weniger schwarz und ihre Zöpfe kürzer gewesen, oder wenn mich keiner gegen den Ladentisch gestoßen hätte, würdest du dieses Buch nicht lesen. Sei also dankbar, daß das so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, wie es ist, und die unzufriedenen Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht.

[…]

Wähle (D)einen Favoriten im Viertelfinale Niederlande gegen Neuseeland »

Die Viertelfinalpaarungen der litaffin-WM 2010 lauten wie folgt:

1 | Uruguay aus Gruppe AArgentinien aus Gruppe B
2 | USA aus Gruppe CSlowenien aus Gruppe C
3 | Niederlande aus Gruppe ENeuseeland aus der Gruppe F
4 | Portugal aus der Gruppe GElfenbeinküste aus Gruppe G

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Gruppe E | Land 3

Nsambe hatte alle seine Frauen wissen lassen, dass er keine Zwillinge haben wolle. Nun gab er aber einer von ihnen eine Medizin, so dass sie Zwillinge bekommen musste. Und tatsächlich gebar die Frau auch Zwillinge, aber weil sie sich vor ihrem Mann fürchtete, versteckte sie ein Kind, den Jungen, in einem Topf und deckte ein Bananenblatt darüber. Den Topf stellte sie in ihr Haus. Das andere Kind, ein Mädchen, behielt sie an ihrer Brust.

Als Nsambe dann kam, fragte er die Frau, ob sie Zwillinge geboren habe. Aber sie leugnete es. Da rief er am anderen Tag alle Frauen in sein Versammlungshaus und wollte wissen, ob jene Frau nicht doch Zwillinge geboren habe. Die anderen verrieten die Frau aber nicht, sondern sagten, sie wüssten es nicht. Doch damit gab sich Nsambe noch nicht zufrieden. Er fragte weiter im Dorf herum und erfuhr endlich auch von einem Mann, der es von anderen gehört hatte, dass die Frau tatsächlich zwei Kinder bekommen hatte. Nun ging Nsambe zu der Frau und sagte: „Wie ich höre, hast du doch Zwillinge geboren?“ Die aber leugnete immer noch: „Nein, es war nur das eine Kind.“ Da ging Nsambe in ihr Haus und suchte dort nach dem anderen Zwilling. Er ließ kein Körbchen unbesehen und fand schließlich den Jungen im Topf. Er nahm ihn, ging mit ihm an den großen Fluss, der ein Stück vom Dorf entfernt floss, und warf das Kind hinein. Dann kehrte er ins Dorf zurück.

Nun lebte in einem anderen Dorf in der Nähe eine Frau, die zu ihrem Kummer keine Kinder bekam. Die war zufällig am Fluss, und als sie an die Stelle kam, wo Nsambe den Jungen in den Fluss geworfen hatte, sah sie das Kind, das im Schilf und Lianengewirr hängen geblieben war, und fischte es mit dem Netz heraus. Die Frau war überglücklich. Sie lief mit ihrem Fund nach Hause zu ihrem Mann und sagte: „Sieh, jetzt bin auch ich endlich Mutter geworden. Dieses Kind habe ich im Fluss gefunden. Es gehört also mir!“ Da freute sich der Mann ebenfalls sehr. Er gab dem Jungen den Namen Bebange be Mema und ließ ihn im Dorf aufwachsen, so dass er sein Erbe würde.

Als der Junge herangewachsen war, stellte er in dem Wald, der zwischen dem Dorf von Nsambe und dem seiner Pflegeeltern lag, Fallen auf. Von Zeit zu Zeit sah er nach ihnen. Dabei begegnete er eines Tages einigen Mädchen aus dem anderen Dorf, die zum Fischen gegangen waren. Da nahm er eine Rohrratte von seinem Fang und reichte sie einem der Mädchen, diese wiederum gab ihm von den Fischen, die sie gefangen hatte. Am anderen Tag, als er noch einmal nach den Schlagfallen sah, hatte er vier Tiere gefangen, einen Quastenstachler, ein Moschustier, eine Hamsterratte und eine Rohrratte, und als die Mädchen kamen, gab er jeder ein Tier, seiner Zwillingsschwester aber – denn sie war es – das Moschustier. Die Mädchen reichten ihm jede nur einen Fisch. Darauf kehrten sie in ihr Dorf zurück und berichteten Nsambe das Erlebnis. Die Zwillingsschwester erzählte: „Wir begegneten einem sehr schönen Mann. Aber er sagte zu keiner von uns: ‚Dich will ich haben‘, sondern gab uns bloß die Tiere.“

Da suchte der Vater einen weisen Mann mit Namen Odschimesso auf und befragte ihn deswegen. Odschimesso teilte ihm mit, dass jener junge Mann sein Sohn wäre, und dass er zu dessen Stiefvater Mamambe gehen solle. Am nächsten Morgen suchte Nsambe den Mamambe auf und verlangte den Sohn von ihm zurück. Mamambe hörte ihn an und bestimmte: „Wenn du den Sohn zurückhaben willst, musst du mir acht Schafe zahlen.“ Das tat Nsambe auch und kehrte dann mit seinem Sohn in sein Dorf zurück.

Hier bewunderten nun alle Frauen den Ankömmling wegen seiner Schönheit, so dass Nsambe sich schließlich sagte: „Wenn das so weitergeht, werden mich die Frauen bald gar nicht mehr beachten. Es ist besser, ich töte diesen Burschen.“ Er ging zu seinen Leuten und befahl ihnen, sie sollten seinen Sohn nachts heimlich umbringen.

In der Nacht erschien denn auch ein Mann an Bebanges Tür und wollte ihn töten. Nun hatte aber Bebange, wenn er schlief, hinten am Kopf die Sonne und vorn den Mond. Als nun der Mann vor der Tür stand, sagte der Mond zu ihm: „Schlaf nicht, man will dich töten.“ Da befahl Bebange seinem Haumesser: „Begib dich zu dem Mann, der vor der Tür steht, und töte ihn!“ Da begab sich das Haumesser zu dem Mann und tötete ihn, kam dann zu Bebange zurück und meldete: „Ich habe den Mann getötet.“ Der sagte: „Gut so.“

Am anderen Tag rief Nsambe seine Leute noch einmal zusammen und man fragte herum, ob nicht ein Mutiger da sei, der es noch einmal versuchen wolle. Wirklich stand auch einer auf und sagte: „Ich bin sehr stark und werde es schaffen, den Auftrag auszuführen.“ In der nächsten Nacht schlich er sich vorsichtig an Bebanges Haus heran. Aber als er die Tür beiseite schieben wollte, sagte die Sonne zu Bebange: „Schlaf nicht, man will dich töten.“ Da rief Bebange wieder das Haumesser, und es folgte auf seinen Befehl dem Mann an der Tür und tötete ihn. Dann kam es wieder zu Bebange zurück und meldete: „Der Mann ist tot.“ – „Gut“, sprach Bebange.

Als nun am anderen Tag bekannt wurde, dass wieder ein Mann getötet worden war, wollte es niemand mehr wagen, den Sohn zu ermorden. Da sagte Nsambe: „Gut, wenn kein anderer den Mut hat, werde ich es selbst tun.“ Nachts kam er. Aber als er durch das Dach brechen wollte, um Bebange zu töten, rief die Sonne wieder: „Du darfst nicht schlafen!“ Und Bebange schickte sein Haumesser los, das verfolgte Nsambe bis hoch in die Lüfte. Schließlich ließ sich Nsambe wieder herabfallen und versteckte sich in einer Copaifera, aber das Haumesser fand ihn doch und tötete ihn durch einen Zauber.

Ein anderes Zauberwesen, das sich auf solche Sachen verstand, setzte Nsambe wieder zusammen, flickte auch den Kopf an und sagte zu ihm: „Morgen musst du deinen Leuten sagen: ‚Ich bin krank.‘ Und wenn sie dich fragen, warum und woher, so sagst du: ‚Ich habe meinen Sohn töten wollen, aber er ist stärker gewesen als ich und hat mich getötet.’“

Am anderen Tag sagte Nsambe: „Ich bin schwer krank.“ Da fragten ihn die Leute: „Warum und woher?“ Und Nsambe sprach: „Ja, ich habe meinen Sohn töten wollen, aber er war stärker als ich und hat mich getötet.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da starb er wirklich.

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Gruppe E | Land 2

In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.

Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake zu sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.

Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber zu: „Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!“ Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.

Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.

War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.

Da sprachen die Kobolde: „Du hast uns durch deine Gesellschaft hocherfreut. Komme doch auch morgen Nacht wieder!“

Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand haben, daß er auch sicherlich käme. „Weißt du“, sagten sie zu ihm, „wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann morgen wieder bekommen.“

Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.

Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.

Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.

Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.

Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er sein Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.

In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.

Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: „Unser Freund von gestern scheint heute nicht zu kommen!“

Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: „Da bin ich schon!“

Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf wieder seine Kunst zu zeigen.

Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne zuzuschauen und so riefen sie: „Du bist heute nicht so geschickt wie gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!“

Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne ins Gesicht, klitsch — klatsch — saß sie an der rechten Wange. Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren.

Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen will, das andere genießen!

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Gruppe E | Land 1

Die Wochentage wollten auch einmal sich freimachen, zusammenkommen und ein Festmahl abhalten. Jeder Tag war übrigens so in Anspruch genommen, daß sie, während des ganzen Jahres, nicht freie Zeit hatten, um darüber zu verfügen; sie mußten einen besonderen ganzen Tag haben, aber den hatten sie doch auch jedes vierte Jahr: den Schalttag, der wurde in den Februar belegt, um Ordnung in die Zeitrechnung zu bringen.

Auf den Schalttag wollten sie also zusammenkommen zum Festmahl, und da der Februar der Fastnachtsmonat ist, wollten sie karnevalsmäßig angekleidet kommen nach eines jeden Empfindung und Bestimmung; gut essen, gut trinken, Reden halten und einander Annehmlichkeiten sagen und Unannehmlichkeiten in ungenierter Kameradschaft. Die Helden der alten Zeit warfen einander bei den Mahlzeiten die abgenagten Fleischknochen an den Kopf, die Wochentage wollten einander überhäufen mit Leckereien von albernen Späßen und schelmischen Witzen, wie sie zu den unschuldigen Fastnachtsscherzen gehören mögen.

Dann war es Schalttag, und dann kamen sie zusammen.

Der Sonntag, der Vormann der Wochentage, trat auf in schwarzem Seidenmantel, fromme Menschen würden glauben, daß er einen Talar trug, um in die Kirche zu gehen; die Weltkinder sahen, daß er im Domino war, um auf ein Vergnügen zu gehen und daß die flammende Nelke, die er im Knopfloch trug, des Theaters kleine rote Laterne war, die sagte: „Alles ist ausverkauft, seht nun zu, daß ihr euch amüsiert!“

Der Montag, ein junger Mensch, dem Sonntag nah verwandt und besonders dem Vergnügen hingegeben, folgte nach. Er verlasse die Werkstatt, sagte er, wenn die Wachtparade aufzieht. „Ich muß hinaus, um Offenbachs Musik zu hören; sie geht mir nicht zu Kopf und nicht zu Herzen, sie kitzelt mich in den Beinmuskeln, ich muß tanzen, ein Gelage haben, ein blaues Auge kriegen, um darauf zu schlafen, und dann packe ich am nächsten Tag die Arbeit an. Ich bin das Neue in der Woche!“

Dienstag, das ist Tyrs Tag, der Tag der Kraft. „Ja, das bin ich!“ sagte der Dienstag. „Ich packe die Arbeit an, spanne Merkurs Flügel an des Kaufmanns Schuhe, sehe in die Fabriken, ob die Räder geschmiert sind und sich drehen, sorge dafür, daß der Schneider auf der Bank und der Pflasterer auf den Pflastersteinen hockt; jeder achte auf sein Gewerbe: Ich halte mein Auge auf das Ganze, deshalb trage ich Polizeiuniform und nenne mich Polizienstag. Ist das ein schlechter Kalauer, so versucht ihr anderen, einen besseren zu machen!“

„Da komme ich!“ sagte der Mittwoch. „Ich stehe mitten in der Woche, darum nennen mich die Deutschen so. Ich stehe wie der Kommis hinter dem Ladentisch, als Blume zwischen den andern geehrten Wochentagen! Marschieren wir alle auf, dann habe ich drei Tage vor, drei Tage hinter mir, das ist wie eine Ehrenwache, ich darf glauben, daß ich der ansehnlichste Tag bin!“

Der Donnerstag stellte sich ein, gekleidet als Kupferschmied mit Hammer und Kupferkessel, das war sein Adelsattribut. „Ich bin von höchster Geburt“, sagte er, „heidnisch, göttlich! In Nordens Landen werde ich nach Thor genannt, in denen des Südens nach Jupiter, die beide verstanden zu donnern und zu blitzen, das ist in der Familie geblieben.“ Und dann schlug er auf den Kupferkessen und bewies seine hohe Geburt.

Freitag war gekleidet wie ein junges Mädchen und nannte sich Freya, auch zur Abwechslung Venus, das kam auf den Sprachgebrauch im Lande an, wo sie auftrat. Sie sei übrigens von stillem, ernsten Charakter, sagte sie, aber heute flott und frei; es war ja Schalttag, und der gibt der Frau Freiheit, da darf sie nach altem Brauch selber freien und muß sich nicht freien lassen.

Sonnabend trat auf als alte Haushälterin mit Besen und Sauberkeitsattributen. Ihr Leibgericht war Bierbrotsuppe, doch verlangte sie nicht, daß diese bei dieser festlichen Gelegenheit für alle mit aufgetischt werden sollte, sondern nur, daß sie sie bekommen könne – und sie bekam sie.

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