Sarah Ehrhardt

Sub1
Stapelweise ungelesene Seiten

Mein SuB und ich, eine unendliche Geschichte. Ein bisschen wie dreckiges Geschirr in der Spüle führt er mir jeden Tag vor Augen, was ich irgendwann einmal lesen wollte und müsste, wenn ich könnte – wären da nicht 100 andere Verlockungen. Ich träume davon, ihn eines Tages zu besiegen. Die Chancen stehen schlecht.

Zeig mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist!

Als ich neulich im Internet nach Literaturblogs suchte, fielen mir immer wieder drei Buchstaben ins Auge. Die Literaturblogger dieser Welt beschäftigt ein Phänomen, das alle Leser wohl nur zu gut kennen: der Stapel ungelesener Bücher, kurz: der SuB. Mit erstaunlicher Hingabe und großer Dokumentationsfreude wird alles geordnet, was nur darauf wartet, gelesen zu werden – alphabetisch, nach Dringlichkeit oder nach Dauer des Verweilens unter Artgenossen. Jeder scheint eine ganz persönliche stille Reserve zu haben, auf die ganz nach Bedarf zurückgegriffen werden kann. Auch in Literaturforen wird diskutiert, wer den Schönsten, Größten und Anspruchsvollsten hat. Frei nach dem Motto: Zeige mir deinen SuB und ich sage dir, wer du bist. Hier zählt nicht, was man gelesen hat, sondern was man nicht gelesen hat. Je mehr, desto besser. Manche Blogger berichten gar von ganzen RuB, Regalen ungelesener Bücher. Für Parallelleser und Buchabbrecher lohne sich übrigens auch das Anlegen eines SaB – so können ANgelesene Bücher besser von UNgelesenen unterschieden werden. Vom imaginären SuB, dem langen Wunschzettel aller Bücher, die man so gerne lesen möchte, aber noch nicht besitzt, will ich hier gar nicht erst anfangen.

(weiterlesen …)

Lina Kokaly

Jüngst veröffentlichte Martin Walser ein neues Tagebuch. Der Text handelt genretypisch von ihm und wie er am Literaturbetrieb leidet – ein bei Autoren erstaunlich beliebtes Thema. Auch Thomas Glavinic schrieb schon eine Nabelschau. Wie geht es dem Leser dabei?

Thomas Glavinic befürchtet eine Krankheit an seinem Hoden. Martin Walser hat Bauchschmerzen. Glavinic traut sich nicht, sein Geschlechtsteil zu betrachten. Walser lässt seiner Romanfigur das Glied abschneiden und es dessen Ehefrau überreichen. Walser braucht Geld, Glavinic möchte mehr Geld. Glavinic kennt Daniel Kehlmann und Jonathan Safran Foer. Walser kennt Max Frisch, Siegfried Unseld, Uwe Timm, Hellmuth Karasek, Jürgen Habermas, Peter Weiß und die halbe Welt. Bei beiden Schriftstellern handelt es sich um die allerschlimmste Form des Name-Droppings, der schlechten Eigenschaft, bei jeder Gelegenheit Promi-Namen – wie selbstverständlich bekannt – im Gespräch fallen zu lassen. Die schlimmste Form, da beide gerne einfach nur die Vornamen der bekannten Bekannten nennen.

Glavinic und Walser leiden, sie leiden am Literaturbetrieb, an den Paratexten, an der scheinbaren Ignoranz, die ihren Texten entgegengebracht wird. Und sie veröffentlichen ihr gesammeltes Selbstmitleid: Glavinic als Roman und Walser, etwas ehrlicher seinen Lesern gegenüber, als Tagebücher. Beide sind zu diesem Zeitpunkt schon gemachte und bewiesene Autoren, stehen aber noch vor ihrem größten Erfolg. Glavinic beschreibt das Jahr 2006, in dem sein Roman „Die Arbeit der Nacht“ erscheint, und Walser die Jahre 1974 bis 1978. Die Aufzeichnungen enden damit kurz vor Erscheinen der einzigartigen Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Die Schriftsteller warten auf Verkaufszahlen, Kritiken und Geld. Dabei besuchen sie die anderen Akteure des literarischen Feldes. Sie gehen auf Lesungen, in Restaurants und sitzen in Jurys, telefonieren mit Agenten, Verlegern und Kollegen. (weiterlesen …)

Gisela Gross

Vera Editoria Altmodische Optik, brisanter Inhalt.

In Italien bloggt ein gefrusteter Lektor aus dem Nähkästchen.

Es ist bewunderns- und auch ein bisschen beneidenswert. Der Blick ins Ausland zeigt: Literatur kann auch im Internet ein polarisierendes Thema sein. Der Freitag berichtete kürzlich über den französischen Literatur-Blogger Pierre Assouline, dessen Beiträge auf dem Blog „La république des livres“ oft mehrere hundert Kommentare hervorrufen. Ein großer Provokateur sei er, und es ist diese Art des Schreibens, die sich auch in Italien als Erfolgsrezept herausgestellt hat.

Es begann alles Ende April auf dem Blog mit dem besagenden Titel „La vera editoria“ („das wahre Verlagswesen“): Unter dem Schutzmantel der Anonymität schreibt dort ein angeblicher Insider, laut Selbstbeschreibung Lektor fortgeschrittenen Alters mit langjähriger Erfahrung in bekannten Verlagshäusern. Als selbstständiger Talentscout hat er dem Literaturbetrieb zwar noch nicht den Rücken gekehrt, doch die Mechanismen hat er gehörig satt – weshalb er nun virtuell „Dampf ablassen” muss. (weiterlesen …)

Lina Kokaly

„Ich bin drin. Sie sind draußen. Und Sie wollen rein.“, resümierte Literaturkritiker Gregor Dotzauer vor Kurzem an dieser Stelle über den Literaturbetrieb. Und wie empfinden wir Literaturwissenschaftler unseren Berufseinstieg?

Reich sein – das wollten wir schon als Kinder nicht.
Hauptsache das, was wir später beruflich machen, macht uns glücklich.
Ich träume einen Alptraum. Ich treffe einen Kumpel auf einem Klettergerüst, er isst eine Currywurst und erzählt mir, er hätte nen Job bei dem Magazin bekommen, für das ich hin und wieder schreibe. Ich wurde nicht angefragt. Ich wache schweißgebadet auf und kann nicht mehr einschlafen.
Unser Studium neigt sich dem Ende zu: Im Praxis-Colloquium erklärte uns eine Frau vom Arbeitsamt, wie wir Hartz IV beantragen. Unfassbar: Hallo, Arbeitsmarkt, hier sind wir. Lasst uns ran, wir haben Ideen, wir haben Energie, wir haben Lust, das, was wir gelernt haben umzusetzen. Wir haben mehrere Fächer studiert, gute Noten, jede Menge Praktika absolviert, ein paar Veröffentlichungen, und, hey, gebt es zu, ihr seid alle etwas müde – und die Digitalisierung und Eventisierung einfach ignorieren, das läuft nicht so gut, wie anfangs gedacht. Ihr braucht uns. Hier sind wir.
Und wir erklären zum soundsovielten Mal, dass auch unser Studium etwas wert ist, auch wenn es Bachelor/Master heißt. Mensch, das gibt’s doch nicht erst seit gestern, sondern seit sechs Jahren, fast überall. Dass wir einen praxisnahen Aufbaustudiengang studiert haben und wissen, wie man nen Stift hält und welche Abteilungen zu einem Verlag gehören. Ach, und ich bin so jung, denn mich trieb der Baföganspruch.
Normal ist also ein Volontariat nach dem Studium. Hmh. Ok, scheint zunächst ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Geisteswissenschaftler Theorie und Praxis deutlich trennten. Müssen Berufsanfänger denn schon gleich alles können? Aber, wir können es nicht beurteilen und warum auch nicht? Dann sickern die ersten Zahlen durch. (weiterlesen …)

Gisela Gross

PR Buch10 3500 Das Buch: Nur noch Konsumartikel?
Quelle: Leipziger Messe GmbH/N. Rembarz

Weiterer Seitenhieb auf Hegemann: Offener Brief des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen (BvjA) am Welttag des Buches.

“Mit Sorge betrachtet der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA) seit geraumer Zeit den in der Verlagsbranche allgemein zu beobachten- den Trend, dass eine Sensation mehr wiegt, als ein sorgsam gearbeitetes Buch”, heißt es im Offenen Brief, der im Wortlaut auf der Webseite des Börsenblatts nachzulesen ist. (weiterlesen …)

litaffin.de |

Wir bloggen.

Über Literatur.

Über den Literaturbetrieb.

Über literarische Orte.

Über das Studium der Literatur.

Über das literarische Berlin.