Ein Buch der Verwunschenheit: Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Ein Buch der Verwunschenheit: Lisa Kreißlers „Das vergessene Fest“

Ein Roman, der ein bisschen Fantasy ist, aber kein richtiger Fantasy-Roman: Kann das funktionieren? Lisa Kreißler verwischt in ihrem neuen Roman „Das vergessene Fest“ über drei alte Studienfreunde die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum. Das Ergebnis ist eine surreale Reise in die Natur, die Erinnerung und die kleinen, besonderen Momente im Leben, an deren Ende man ohne Antwort, aber doch verändert zurückbleibt.  Mehr lesen

Die Unsichtbarkeit der katalanischen Autor*innen

Die Unsichtbarkeit der katalanischen Autor*innen

Wie stark Politik und Literatur ineinander übergehen, ist im Fall von Katalonien unübersehbar. Durch die vielseitige Auslegung ist es quasi unmöglich, eine klare Grenze zu ziehen. So ist auch die Frage spannend, auf welcher Sprache katalanische Autor*innen schreiben. Und wie ist ein Buch zu klassifizieren, das von Katalan*innen auf Castellano verfasst wurde?

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Ein Buch wie ein Traum: Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Ein Buch wie ein Traum: Marion Poschmann „Die Kieferninseln“

Zartheit und subtiler Sprachwitz zeichnen Marion Poschmanns 2017 erschienen Roman Die Kieferninseln aus. Die Autorin, die vor allem für ihre Lyrik bekannt ist, sorgt auch mit ihren Prosawerken immer wieder für Aufmerksamkeit. So verwundert es nicht, dass Die Kieferninseln direkt auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis stand und sie für ihr Werk mit dem Berliner Buchpreis 2017 ausgezeichnet wurde. Dieser ist nicht nur mit einem Preisgeld von 30.000 Euro dotiert, sondern beinhaltet auch die Berufung auf die Gastprofessur für deutschsprachige Poetik der Stiftung Preussische Seehandlung an der Freien Universität Berlin, die Poschmann im Sommersemester dieses Jahres antritt.

Ein Grund mehr, um sich genauer mit ihrem aktuellen Roman zu beschäftigen. Mehr lesen

Eine Hölle für Literat*innen, ein Himmel für Lesende

Eine Hölle für Literat*innen, ein Himmel für Lesende

Wer mit dem Gedanken spielt Autor*in zu werden, sollte sich eines klarmachen: In der Literat*innenhölle gilt das Credo: Wie du deinen Leser*innen, so auf ewig dir. So zumindest das höllische Konzept, das sich in Beka Adamaschwilis Roman mit dem optimistischen Titel Bestseller entspinnt und in Georgien zum selbigen wurde. Ein starkes Debüt zum Thema Literatur in Literatur und eine gelungene deutsche Übersetzung von Sybilla Heinze, die Lust auf die Frankfurter Buchmesse 2018 und ihr Gastland Georgien machen. Mehr lesen

Die Erkenntnis zwischen den Welten: Americanah

Die Erkenntnis zwischen den Welten: Americanah
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Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. S. Fischer. 608 Seiten, 24,99 €.

Schon zu Beginn des Romans wird klar: Ifemelu plant, die USA nach dreizehn Jahren wieder zu verlassen. Dabei war ihr amerikanisches Leben nach anfänglichen Schwierigkeiten durchaus von Erfolg geprägt. Sie war Stipendiatin der Princeton University und führte einen landesweit erfolgreichen Blog, auf dem sie ihre Erfahrungen und Überlegungen zum Schwarzsein in Amerika festhielt. Während sie sich beruflich also profilieren konnte, scheiterten ihre Versuche, Beziehungen zu führen jeweils nach einiger glücklicher Zeit. Schließlich zieht es sie nun zurück nach Nigeria, nicht zuletzt weil Obinze dort lebt. Kontakt haben die beiden seit einigen Jahren nicht mehr. Es waren seine Ermutigungen, die Ifemelu seinerzeit bewegten, die Reise nach Amerika anzutreten, doch konnte Obinze seinen Plan, ihr nach Abschluss des Studiums zu folgen, nicht Wahrheit werden lassen. Bis nach London war er vorgedrungen, als die wenig ausländerfreundliche Einwanderungspolitik der Europäischen Union zu seiner Abschiebung führte.

Die Dramaturgie trägt bis zum letzten Satz
Sein scheinbar erfüllendes Leben in Lagos mit Geld, Frau und Kind, das er aus der folgenden Resignation aufbaute, kann kaum über den Schmerz hinwegtäuschen, der noch immer in ihm erwacht, wenn Erinnerungen an die große Liebe zu Ifemelu in ihm aufkommen. Ihre Ankündigung, nach Nigeria zurückzukehren, und die möglichen Konsequenzen eines Wiedersehens tragen nicht nur Obinze, sondern auch die Spannung des Lesers bis zur letzten Seite des Romans.
Ganz gleich in welcher Episode des Romans wir uns befinden – sei es Ifemelus Rückblick auf die Kindheit, Obinzes Versuch einer Scheinheirat in London oder die Betrachtungen über amerikanische Verhaltensweisen – Chimamanda Ngozi Adichie schafft es jederzeit, den Leser ins Jetzt der Erzählung zu ziehen, immer nah an den Figuren zu sein. So schöpft Adichie in Americanah eine fiktive Wirklichkeit mit enormer Anziehungskraft.

Adichies Roman  beweist in kleinsten Details größtes Weltverständnis.
Es ist jedoch nicht das Besondere, sondern das Gewöhnliche, das diesen Roman ausmacht. Zu keiner Zeit betont die Erzählerin Bedeutsamkeit oder Originalität von Ifemelus oder Obinzes Schicksal. Barack Obama als Projektionsfläche kollektiver Hoffnung ist als Topos genauso bekannt wie die Kompetenzen von Facebook, wenn es darum geht, sich zumindest visuelle Einblicke in das neue Leben verflossener Liebschaften zu verschaffen. Nein, es ist vielmehr der wohltuend unvertraute Blick auf längst bekannte Muster, der in den Schilderungen der Erzählerin besticht. Als Ifemelus Beziehung zu Blaine am Abend von Barack Obamas Wahlsieg scheitert, erklärt sie die Stagnation der Partnerschaft mit dem wirkmächtigen Bild, „dass die Beziehung mit ihm am besten mit einem Haus zu vergleichen war, mit dem sie zufrieden war, in dem sie jedoch immer am Fenster saß und hinausschaute.“ Gibt es Stereotypien, so etwa in den Schilderungen klassisch amerikanischer oder – in Obinzes Fall – britischer Verhaltensweisen, so werden diese entweder gleich wieder entkräftet, oder enthalten die nötige Ernsthaftigkeit, um nicht klischiert zu wirken.

„Versuch’s mal mit arm und nicht-weiß“
„In diesem Land kann man keinen ehrlichen Roman über Rasse schreiben. Wenn man darüber schreibt, welche Bedeutung Rasse wirklich für die Leute hat, dann ist es zu augenfällig“, sagt eine exzentrische, amerikanische Schwarze während eines Abendessens zu Ifemelu. Sie fährt fort: „Wenn du also über Rasse schreiben willst, dann sorg dafür, dass es lyrisch und feinsinnig ist, damit der Leser, der nicht zwischen den Zeilen liest, gar nicht merkt, dass es um Rasse geht.“ Wie aber schafft es Adichie, einen so klar von Hautfarbe und Rassengeschichte handelnden Roman zu schreiben, ohne fortwährend einen moralischen Zeigefinger zwischen Leser und Handlung schweben zu lassen? Der Kunstgriff ist hier die gelegentliche Integration von Ifemelus Blogeinträgen. Diese sind unverkennbar gesellschaftspolitische Beiträge, die in Klartext formulieren, was die Romanhandlung nur impliziert. „Was Akademiker unter weißen Privilegien verstehen, oder: Ja, es ist beschissen, arm und weiß zu sein, aber versuch’s mal mit arm und nicht-weiß“ ist einer dieser kraftvollen Einwürfe, die durch die bedachte Einbettung in den Erzählhintergrund unmissverständlich, aber nicht dogmatisch wirken. Es ist Ifemelus Stellung zwischen den Kulturen, die die erzählerischen Perspektivwechsel, vor allem aber den inneren Wandel der Figur ermöglichen. Einmal im Bewusstsein der Bedeutung ihrer Hautfarbe, begreift und benennt sie zusehends den Unterschied zwischen amerikanischen und nicht-amerikanischen Schwarzen.

Die Rasse als „kurioser Stein“
Immer wieder werden die ernsthaftesten Diskurse von Adichies feiner Sprache umhüllt, und gewinnen so beträchtlich an Wirkungskraft: „Es war nicht so, dass sie das Thema Rasse mieden, sie und Curt. Sie sprachen auf eine aalglatte Weise darüber, die nichts eingestand und zu nichts verpflichtete und mit dem Wort „verrückt“ endete, als wäre Rasse ein kurioser Stein, den man studierte und dann beiseitelegte.“ Americanah hingegen, dieses starke, wichtige Buch, lässt sich kaum beiseitelegen. Es verschafft Erkenntnisse und Perspektiven, die auch hiesigen gesellschaftlichen Debatten, zumal in europapolitisch abenteuerlichen Zeiten wie diesen, nur zuträglich sein können.

Ode an die Kunst – Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

Ode an die Kunst – Michel Houellebecq: Karte und Gebiet

Das enfant terrible der französischen Literaturszene, der Baudelaire der Supermärkte, hat einen neues Buch geschrieben. Platz eins auf den französischen Bestseller-Listen, Gewinn des wichtigsten französischen Literaturpreises, große Begeisterung bei Freunden wie Feinden – was ist dran am neuen Roman von Michel Houellebecq?

Jed Martin ist Künstler. Er lebt allein in seiner unaufgeräumten Pariser Wohnung, lauscht dort dem rhythmischen Glucksen seines alten Warmwasserboilers und holt wie jedes Jahr zu Weihnachten seinen Vater für ein paar Stunden zum Essen aus dem Altersheim. In der Kunst hingegen will Jed sich nicht wiederholen. Er fotografiert und bearbeitet Straßenkarten der französischen Firma Michelin, malt eine Reihe von Gemälden, die Menschen wie Steve Jobs oder das Escort-Girl Aimée bei ihrer Arbeit zeigen und dokumentiert am Ende seines Lebens den Zerfall aller Dinge mittels collagenartiger Videogramme. Jed macht sich einen Namen in der internationalen Kunstszene und sein Galerist beschließt, sich für die Katalogtexte prominente literarische Unterstützung ins Boot zu holen: den weltberühmten Schriftsteller Michel Houellebecq. Mehr lesen