Gottes verfaulte Welt – Über Stefanie de Velascos Roman „Tigermilch“

Jugendsprache, die von Erwachsenen geschrieben wird, geht gemeinhin in die Hose. Dass es funktionieren kann, hat uns Wolfgang Herrndorf mit seinem wunderbaren Roadtrip „Tschick“ gezeigt. Jetzt beweist auch Stefanie de Velasco mit ihrem Debütroman „Tigermilch“, dass sogar die etwas derbere Variante gute Literatur sein kann. „Tigermilch“ ist ein Jugendroman, es ist ein Freundschaftsroman und ein Berlinroman.

Die beiden Busenfreundinnen Nini und Jameelah teilen alles, besonders aber eine Jugend, die diesen Namen kaum verdient. Sie kennen keine Grenzen, wie auch – es gibt niemanden, der sie ihnen aufzeigt. Nini lebt in einem der vielen Berliner Siedlungen, die als Problembezirke betitelt werden. Ihre Mutter, die ihre Tage auf ihrer „Insel“ im Wohnzimmer verbringt, ist für sie unerreichbar. Ihre kleine Schwester klaut – obwohl sie erst ganz frisch in der Pubertät ist – schon den Eierlikör aus dem Küchenschrank. Der Freund der Mutter stellt  für sie lediglich eine kleine Störung dar. Jameelah wohnt nebenan, mit ihrer Mutter und der immer größer werdenen Angst, zurück in den Irak abgeschoben zu werden. Ihre Tage sind davon bestimmt, einen Jungen zu finden, mit dem sich das erste Mal lohnt, mit dem man den Schmerz, der so schlimm sein soll und das Blut, das in rauen Mengen fließen soll, bereit ist, in Kauf zu nehmen. „Geübt“ haben sie mit den Freiern auf der „Kurfürsten“, wie man sie auszieht, wie man ein Kondom mit dem Mund überzieht. Den Mut dazu trinken sie sich mit Tigermilch an, einer kruden Mischung aus Milch, Maracujasaft und Mariacron. Sie lassen sich treiben, fühlen sich unantastbar, bis sie einen Mord beobachten, einen Ehrenmord, mitten auf ihrem Spielplatz, dort, wo sie Fahrrad fahren gelernt haben. Die Freundinnen driften auseinander, jede gefangen in ihrer Angst und dem Versuch, sich einen eigenen Moralkodex aufzubauen.

Stefanie de Velasco reiht sich mit ihrem Debüt neben deutsche Autorinnen wie Lisa Kränzler und Helene Hegemann ein, die über die Sinnsuche in einer kaum mehr zu überschauenden Welt schreiben. Es sind die Bücher einer Generation, die Halt sucht. Meiner Generation.

„Tigermilch“ erzählt die Geschichte eines Sommers. Wie so viele, viele Bücher könnte man es beschreiben mit dem ewigen „Der Sommer, der alles veränderte“. Doch dies würde dem Buch nicht gerecht werden. Es erzählt so viel, von all dem, was wir Tag für Tag in Nachrichten und Zeitungen hören. Aber die Perspektive ist anders. Hier spricht ein Mädchen, mit der Sprache eines Mädchens. Ein Mädchen, das glaubt, es habe nichts zu befürchten. Zurück bleibt ein irritierter, schockierter, trauriger Leser. Es ist ein Buch, was nachklingt. Im Moment des Zuklappens verschwindet es für einen Moment. Doch es kommt wieder, den ganzen Tag über und lässt nicht los. Jugend endet immer, auch wenn es nie eine gab.

 

Stefanie de Velasco

Tigermilch

Kiepenheuer und Witsch | 2013

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Katharina Hierling

1986 in Kassel geboren. Studium der Germanistik und Ethnologie an der Uni Köln, nach einem kurzen Zwischenstopp bei der Neueren deutschen Literaturwissenschaft seit 2012 bei der Angewandten. Versucht nebenbei in einer Berliner Buchhandlung ihre Lieblingsbücher an den Mann zu bringen.

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