Buchhändler? Gibt’s die noch? Ja! Ein Interview mit Jörg Braunsdorf

Landauf, landab hört man immer wieder, das Medium Buch sei dem Untergang geweiht. Allenfalls in Form des eBooks werde es überleben. Aber für die gedruckte Ausgabe brechen schwierige Zeiten an. Grund genug, einmal das Gespräch mit einem Buchhändler zu suchen und eine alte Reihe wieder aufleben lassen. Nachdem wir bereits der Hammett-Krimibuchhandlung, Zadig und Another Country ein Besuch abgestattet haben, befinden wir uns nun in der Tucholsky-Buchhandlung in Mitte.

HTucholsky-Buchhandlungier werden Bücher zur Schau gestellt, wie es anderswo nur Bestsellern vorbehalten ist. Wo bitte schön wird einem die Möglichkeit geboten, Christof Wackernagels überbordende Traumtrilologie es durchzublättern? Wo sonst bekommt den Verlag Edition Schwarzdruck präsentiert, dessen Bücher lediglich eine Startauflage von 333 Exemplaren umfassen? Prinzipiell scheint die Verbindung von Kultur und Geschäft kein öder Marketingtrick, sondern ein eingelöstes Versprechen zu sein. Wir sprechen mit dem Inhaber Jörg Braunsdorf über seinen Werdegang, seine Arbeitsphilosophie und die Vor- und Nachteile des Internets.

Litaffin: Eine Buchhandlung muss Bücher verkaufen, war’s das oder muss sie noch mehr?

Jörg Braunsdorf: Ich wehre mich dagegen, alles unter dem Diktat der Ökonomie zu sehen. Klar, wir müssen verkaufen. Das ist die Basis. Aber das Verkaufen in der Buchhandlung ist mehr als nur Verkaufen. Es gibt die soziale, kulturelle aber auch die politische Dimension. Es gibt beispielsweise die Initiative „buy local“ unabhängiger Buchhändler, die sich im Frühjahr der Öffentlichkeit vorstellen wird (ein Interview mit einer Vertreterin des amerikanischen Vorbilds findet sich hier) und die nach dem simplen Grundsatz agiert: Man arbeitet dort, wo man seine Steuern zahlt. Diesem regionalen Kriterium fühle ich mich verpflichtet. Deshalb bilden Verlage aus Berlin und Umgebung einen Schwerpunkt – sowohl im Sortiment als auch in den Veranstaltungen, die wir organisieren. Die politische Dimension zeigt sich zudem in den wenigen Non-Book-Artikeln, die wir führen. Das sind alles fair-trade-Produkte. Meine Forderung an den Verbraucher, überlegt euch wofür und wo ihr euer Geld ausgeben wollt, wird durch das qualitative Angebot unterstützt.

Litaffin: Nimmst du als Buchhändler das Internet eher als Chance oder als Bedrohung wahr?

Braunsdorf: Das Internet ist eine Einkaufsplattform, die ich akzeptiere, gerade weil es sehr praktisch ist und über die Ladenöffnungszeiten hinausgeht. Ich arbeite bspw. mit dem Verzeichnis lieferbarer Bücher vom Börsenverein zusammen. So habe ich bereits neue Kunden gewinnen können. Sie bestellen ihre Bücher online und holen sie vor Ort ab. Dabei nutzen sie die Gelegenheit, sich die Regale näher anzuschauen und häufig führt das dazu, dass sie unerwartet fündig werden und wiederkommen. Das ist eine wunderbare Verknüpfung von Internet und Sortiment. Auch die eigene Internetseite Buchhandlung-Tucholsky.de kommt nicht ohne Buchempfehlungen und Warenkorb aus, um so jedem die Möglichkeit zu bieten, online zu bestellen. Und denjenigen, die auf amazon & co schwören, sage ich immer: Internetbuchhändler machen keine Veranstaltungen. Also ein weiterer Grund, der Buchhandlung vor Ort einen Besuch abzustatten.

Litaffin: Auf der Grundlage deiner Erfahrungen: Hat sich das Kundenbild in den letzten Jahrzehnten geändert?

Braunsdorf: Das Informationsmonopol, das der Buchhändler in den 80er und 90er Jahren noch innehatte, existiert nicht mehr. Wir hatten die Vorschauen und die Bibliographierkataloge und somit exklusiv das Wissen über die Verlagspräsentationen. Heute können sich die Kunden vorab im Internet informieren und wissen oftmals ganz genau, was sie haben möchten. Vor allem, wenn es um Fachliteratur geht, die in unserer Bildungsgesellschaft enorm zugenommen hat. Trotzdem ist es immer wieder möglich, auf Alternativen hinzuweisen. Zudem gibt es weiterhin Kunden, die explizit Empfehlungen wünschen. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Hier zeigt sich die soziale und kulturelle Kompetenz, die ein Buchhändler mitbringen muss. Denn wenn es inhaltlich passt, kann ich Verlage vorstellen, die – im positiven Sinne – ein bisschen aus der Zeit gefallen und deshalb anderswo nicht vertreten sind. Solche Verlage, wie zum Beispiel der kleine Berliner Verlag Das Arsenal (kommt gänzlich ohne Webpräsenz aus) oder der Secession Verlag, beharren auf bestimmte Formen, setzen auf Qualität im Lektorat, in der Ausstattung und überzeugen durch eine fantasievolle Gestaltung. Kurz: Sie fühlen sich dem Denken und Handeln des Verlegers verpflichtet und nicht der Farb- und Formgestaltung der neuen Zeit.

Litaffin: Die Tucholsky-Buchhandlung wurde am 28. Mai vergangenen Jahres eröffnet. Was hast du vorher gemacht? Warst du schon immer Buchhändler?

Braunsdorf: In meiner Heimatstadt Wetzlar (Hessen) habe ich 14 Jahre in einer Kollektiv-Buchhandlung gearbeitet, die von mir und vier Gleichgesinnten geführt wurde. Die Buchhandlung existiert bis heute. Es gab nur einstimmige Entscheidungen, jede Woche wurde eine Sitzung einberufen. Alles wurde diskutiert. Klassische Alternativökonomie sozusagen. Danach habe ich zwei Jahre in der Verlagsauslieferung gearbeitet; danach in einem Verlag, wo ich für den Vertrieb und das Marketing zuständig war. Anschließend habe ich selber einen Verlag besessen und eine Vertriebsplattform für kleine Verlage angeboten. Nach all den Jahren habe ich mich dann sehr bewusst dafür entschieden, wieder in den Buchhandel einzusteigen. Ich gehöre am ehesten hier hin, in den Verkauf und die Veranstaltungsorganisation. Auch wenn alles nicht einfach ist und nicht einfacher wird, es ist ein schöner Beruf. Hier kann ich unabhängig und selbstständig arbeiten. Manchmal würde ich mir jedoch eine kollektive Struktur wünschen, um mich auszutauschen und Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Litaffin: Zuallerletzt die Frage, die wahrscheinlich kein Buchhändler mehr hören kann. Dennoch: Ist für dich das eBook der größte Konkurrent zum Buch?

Braunsdorf: Die Alternativen in der gesamten Freizeitindustrie zum Buch sind allgemein enorm gewachsen. Solch eine Breite gab es vor 20 Jahren nicht. eBooks werden sicherlich zu einem bestimmten Prozentsatz neben den Büchern stehen. Ich glaube aber nicht, dass sie das Buch in der Breite ersetzen werden. Ich persönlich werde mir keinen Reader zulegen, meine Leseerlebnis wird das papierne bleiben. Ich beobachte die Diskussion aufmerksam, zur Zeit versucht die eBook-Lobby ja stark einen Fuß in den Markt zu bekommen. Sollten meine Kunden nach der Alternative fragen, werde ich mich wohl für ein Angebot im Laden entscheiden. Vor allem, um eine Alternative zu dem Monopolanspruch der Internet-Krake anzubieten – d.h., eigene Kompetenz einbringen und gleichwohl für das „richtige, einzige Buch“ werben.

Tucholsky-Buchhandlung
Tucholskystraße 47
10117 Berlin-Mitte
http://www.buchhandlung-tucholsky.de/

Fotos / Interview: Markus Streichardt

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Markus Streichardt

studierte Kultur- und Wirtschaftswissenschaften von 2006-2009 an der BTU Cottbus und der University of Arizona. Praktika beim ilb09 und dem German Book Office New York. Studium der Angewandten Literaturwissenschaft von 2010-2013. Derzeit freier Mitarbeiter beim Suhrkamp Verlag.

Ein Gedanke zu „Buchhändler? Gibt’s die noch? Ja! Ein Interview mit Jörg Braunsdorf

  • 15. Dezember 2011 um 19:49
    Permalink

    „Sollten meine Kunden nach der Alternative fragen, werde ich mich wohl für ein Angebot im Laden entscheiden.“ vs. „Ich wehre mich dagegen, alles unter dem Diktat der Ökonomie zu sehen.“

    Seine Kompetenz für das „richtige, einzige Buch“ wird dann wohl im starken Maße davon abhängen, ob die „local“ Verlage ebenso gleichauf in der Dynamik des eBookings mitziehen, denn ansonsten wird er wohl trotz sozial-kulturell-politischer Dimensionen und Ambitionen schließlich doch nur die Kassenhauer der Saison in seinem nachgerüsteten Alternativ-Angebot an den Mann bringen können und soweit solle es mit solcherlei tapferen Buhnen der papierten Lebensart ja nun nicht kommen. Wie gehen die Um-die-Ecke-Verlage also mit der sich wandelnden Marktstruktur um -- soll man ebenfalls nachziehen oder weiterhin auf die Einzigartigkeit bauen? Wohin mit den Idealen der gedruckten Literatur?

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