Über-Pop

Aufgemerkt – Diedrich Diederichsen, ehemals Chefredakteur der Spex, ist von seinem Berg gestiegen, um uns von Pop-Musik zu erzählen. Im Gepäck hat er sein Opus magnum, das 470 DIN-A4-Seiten starke Über Pop. Darin stellt er ein für alle Mal klar, was Pop-Musik ist, wie sie gehört wird und warum es ab sofort damit vorbei ist.

"Über Pop-Musik", Diedrich Diederichsen, Kiepenheuer & Witsch
„Über Pop-Musik“ von Diedrich Diederichsen erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Hin und wieder kommt ein Buch daher, das den Lauf der Geschichte verändert, ein Buch so umfassend und mächtig, dass man sich noch in tausend Jahren darauf beziehen wird. Und meistens gibt es von diesen Büchern Ausgaben, die alle anderen allein durch ihr schieres Volumen übertreffen. Die zwei Meter hohe und anderthalb Meter breite Gerschler-Bibel zum Beispiel, die mit 500 Litern Eigen-, Tier-, und Menstruationsblut geschrieben wurde. Oder die Vulgata des Osman aus Kairo – eine frühe Koranabschrift, die 80 Kilo wiegt und zum inhaltlichen Standard für alle späteren Korane geworden ist. Eine heilige Schrift.

Was Über Pop von Diedrich Diederichsen damit zu tun hat? Gemeinsam ist diesen Büchern vor allem ihr Anspruch. Der Anspruch nämlich, ein bestimmtes Phänomen (Gott und die Welt, Pop-Musik) vollständig zu beschreiben. Es sind Bücher, die unbedingt kanonisch sein wollen, um die also auch in Zukunft kein Weg mehr herumführen soll. Daher auch das voluminöse, alle anderen Bücher an den Regalrand drängende Äußere von Über Pop.

Wenn man den Rezensionen Glauben schenkt, die bisher zu Über Pop veröffentlicht wurden, dann handelt es sich um ein Werk, das diesen Anspruch nicht nur stellt, sondern auch erfüllt. Wie Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung schreibt, ist Über Pop nicht weniger als ein „ideengeschichtliches Ereignis“. Die Geschichtsschreibung des Pop kann von nun an also getrost in „Vor-Diederichsen“ und „Nach-Diederichsen“ eingeteilt werden. Und – das kann man wohl vorwegnehmen – mit dieser Einschätzung hat Rabe völlig recht. Doch wo Über Pop auf inhaltlicher Ebene überzeugt, stolpert Diederichsen auf sprachlicher über seinen Ehrgeiz.

Fachwortfetischismus und Sadomasowissenschaft

Wiewohl ein Vielschreiber, sind die Worte „brillianter Stilist“ wahrscheinlich noch nie im Zusammenhang mit Diederichsen gefallen. Stattdessen wird er in der Süddeutschen „Kryptologe“ genannt, während der Tagesspiegel davor warnt, dass Über Pop „ein ambivalentes Vergnügen“ ist. Denn Diederichsen, der inzwischen eine Professur an der Wiener Akademie der Künste innehat, ist kein Erzähler, sondern ein abgebrühter Theoretiker. Er will beschreiben, analysieren und erklären. Woran überhaupt nichts falsch ist. Problematisch wird es allerdings dann, wenn bereits nach den ersten Seiten deutlich wird, dass Diederichsen auch kein Interesse daran hat, zu vermitteln.

Stattdessen jongliert er lieber mit Theorien und wirft mit Fachwörtern herum, als würde er sich an dem Klang kluger Wörter berauschen. Zu Recht wundert sich Thomas Gross in der Zeit über den „Beeindruckungsaufwand“, den Diederichsen betreibt. Ironischerweise ist es gerade der Ehrgeiz, das Phänomen Pop erschöpfend zu analysieren, der Über Pop zur Ausdauerprobe verkommen lässt. Da schimmert der unsägliche Spex-Ton durch, super-sophisticated und selbstgefällig, der neben dem Internet vielleicht dazu geführt hat, das Musikmagazine heute keine Rolle mehr spielen.

So treffen in Über Pop zwei Extreme aufeinander: Sadomasowissenschaft und Fachwortfetischismus hier und – falls man sich die Mühe macht – erstaunlich kenntnisreiche Einblicke in die Funktionsweise von Pop dort. Denn so detailliert und intelligent wie Diederichsen hat tatsächlich noch niemand über Pop-Musik geschrieben. So unnötig kompliziert leider auch nicht.

Und wann geht es endlich um die Musik?

So viel zu den Einstiegshürden. Verabschieden muss man sich allerdings auch von dem Gedanken, in Über Pop würde es vordergründig um Musik gehen. Geht es nämlich nicht. Überhaupt ist Musik nur eine Nebensache. Pop, das ist laut Diederichsen vielmehr „der Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpfte Erzählungen.“ Aus den einzelnen Bestandteilen bastelt sich der Rezipient dann, so die These, Pop zusammen.

Im Mittelpunkt steht deshalb der Fan. Weil er der Klebstoff ist, der die einzelnen Bedeutungssplitter zusammenhält, um daraus eine große Erzählung zu konstruieren. Was für ihn dabei rausspringt ist Zugehörigkeit, ein Weg sich von all den Spackos und Spießern abzugrenzen, die da draußen auf ihn lauern. Denn Pop-Musik ist ständig in der Opposition. Sie führt „die Möglichkeit der Nonkonformität in eine Kultur ein, deren Grundlage und deren Darstellungsmittel auf Konformität und Zustimmung angelegt sind.“

Kurz gesagt: Pop sagt Nein! Und wie tut er das? Indem er Ja sagt. Nein zum Konformismus, der von der Gesellschaft ausgeht. Ja zum Konformismus innerhalb einer kleineren Gruppe, die sich wie zufällig vor einer Bühne getroffen hat, um Musik zu hören. Zusammen gegen andere sein, darin steckt der einfache Zauber von Pop-Musik.

Mein 90er Jahre Teenie-Zimmer

Wer mutig genug ist, sich an seine eigene Pubertät zu erinnern, der kann diese Grundthese bestimmt bestätigen. Und muss dann vor Sentimentalität wahrscheinlich ein bisschen über sich selbst schmunzeln. Ja so war das! Da kommen Bilder hoch von Nietengürteln, Band-T-Shirts, Bergen von CD´s und Kassetten, vollgeposterten Wänden, zerfledderten Bravos, blauen Flecken, die man sich auf Konzerten geholt hat und und und…

Wenn Diederichsen vom Fan spricht, der unermüdlich alles sammelt, was auch nur entfernt mit seiner Lieblingsband zu tun hat, dann trifft er tatsächlich den Kern des Lebensgefühls, das sich Pop nennt. All das gab es einmal – und ist heute verschwunden. Nicht weil wir inzwischen erwachsen geworden wären (niemals!), sondern weil wir alle Laptops besitzen, die unser 90er Jahre Teenie-Zimmer mehr als ersetzen. Die große Frage zu Über Pop ist, ob es beschreibt, wie es einmal war, oder wie es gerade ist?

Lady Gaga und die Pop-Archäologie

Denn durch das Internet hat sich radikal verändert, wie Musik rezipiert wird. War der Fan früher vor allem ein Laie, der lediglich das Material organsierte, das Spezialisten wie Musiker, Produzenten und Musikjournalisten ihm vorsetzten, ist der Fan inzwischen viel autonomer. Er selbst ist zum Spezialisten geworden. Diederichsen schätzt Pop-Musik, weil sie als sozialer Knotenpunkt dient, sie bringt die Hörer zusammen. Der Spezialist aber sucht keine Zugehörigkeit, er will vor allem eins: Selbstbestätigung.

Dass Pop-Musik ihre vermittelnde Rolle Stück für Stück verlieren wird, ist Diederichsen durchaus bewusst. Insofern ist Über Pop auch ein Abgesang, wenn es am Ende des Buches heißt: „Der Weg, den Pop-Musik durch die Welt nehmen muss, um vollständig zu werden, hat sich strukturell geändert und damit die These dieses Buches an die historische Grenze ihrer Gültigkeit getrieben.“

Und das war´s. Pop, so wie wir ihn kennen, ist am Ende. Es stimmt also, wenn Jens-Christian Rabe behauptet, Über Pop würde eine Zeitenwende markieren. Weil das Erscheinen dieses Buches den Punkt bestimmt, an dem Pop-Musik aus unserem Alltag tritt, um zum Anschauungsobjekt von Professoren wie Diederichsen zu werden. Aber vielleicht spendet es etwas Trost zu wissen, dass es auch noch in tausend Jahren ein Grundlagenwerk geben wird, dass den Pop-Archäologen der Zukunft erklärt, wieso Millionen von Menschen vor langer Zeit so wunderbar hirnrissig waren, sich kreischend mit Lady Gaga zu identifizieren.

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Johannes Spengler

Studiert Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin und versucht sich hin und wieder als Journalist. Heimisch fühlt er sich neben Berlin außerdem in Dresden, Erfurt, Hamburg, München und Madrid. Am besten gefallen hat es ihm allerdings in Buxtehude.

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