Über Spanien lacht die Sonne

„Denn bei jedem Kommentar hat man nur Sekundenbruchteile, um zu entscheiden: Freischalten oder löschen? Das sind die zwei Optionen.“ Kitty hat einen neuen Job. Es ist 2015 und sie startet bei einem Unternehmen in Hamburg als zusätzliche Kommentar-Moderatorin. Denn 2015 sind so viele rechte Internet-Trolle unterwegs, dass sie gebraucht wird. Kathrin Klingner erzählt mit leichtem Federstrich über ein bedrückendes Thema und seine Ausmaße.

Kathrin Klingers Comic über Hate-Kommentare. Foto: Karolin Kolbe


Kitty hat schon so einige Jobs hinter sich: viel in der Gastro, ab und zu im Kino, auch mal als persönliche Assistentin. Sie lebt allein, hat eine Vorliebe für (viel) Wein und trifft sich ab und zu mit ihrem Ex-Freund, der jetzt ein Baby auf den Bauch gebunden vor sich herträgt. Die neue Firma, bei der sie als Kommentar-Moderatorin anfängt, ist hip. Die Firma daneben, die auch „irgendeinen Internet-Quark“ macht ebenfalls. Auch die Kolleg*innen sind nett und in der kurzen Zeit, die wir Kitty begleiten, gibt es zwei Betriebsfeiern. Kitty bekommt und die laminierten Forenregeln überreicht und steig gleich ein in den neuen Job. Die Kommentare, die sie löscht, sind meist rechter Natur, gegen geflüchtete Menschen, die Presse, die Politik oder die Kommentar-Moderator*innen gerichtet. Über mehrere Seiten zeichnet Kathrin Klinger Kitty beim Lesen eines Kommentars, der auch uns samt Username zugänglich ist. Schnell wird deutlich: es sind immer die gleichen Trolle, welche die schlimmsten Kommentare schreiben. Nach kurzer Zeit nimmt Kitty die Kommentare auch mit nach Hause, liest sie in der U-Bahn weiter und hat sie auch im Kopf, wenn sie jede Menge Wein kauft. Der Eindruck entsteht, dass, je länger sie den Job macht und sich mit den Kommentaren umgibt, desto größer wird der Alkoholkonsom. Mehr als einmal sieht man Kitty sich übergeben, nach Partys oder einfach zu viel Wein. Als dann der Chef von einer ominösen Person angerufen wird, die wahrscheinlich eine*r der Hate-Kommentator*innen ist, hat er eine, wie er denkt, glorreiche Idee: Er lädt die Meistkommentierenden zu einem Fest ein.

Kitty und die Kolleg*innen. Foto: Karolin Kolbe

Kitty wird plastisch

Kitty ist eine Figur, die mit dem Lesen des Comics immer plastischer wird, eine, die schon überall gejobt hat, die raucht, Wein mag, wahrscheinlich jung, in einem Alter, wo in ihrem Umfeld Kinder geboren werden. Kitty unterhält ein paar unstete Beziehungen und Freunschaften, eine Abgrenzung vom Job fällt ihr schwer. Außerdem ist sie eine verhinderte Autorin und möchte ein Buch über ihren absurden Job schreiben. Doch auch die zweite Flasche Wein lässt die Kreativität nicht so richtig sprudeln. Toll ist, dass Kathrin Klingner aber auch die Kolleg*innen aus der Firma portraitiert: besonders gelungen hier die Frau, die nach dem nach Hause kommen noch Haushalt und Kinder versorgt, während der Mann rumhängt und mit den Fingern Anführungszeichen macht, wenn seine Partnerin auf eine „Betriebsfeier“ geht. Sie lenkt sich ab mit Achtbarkeitspodcasts und ist dann in ihrer ganz eigenen Welt. Oder die unzertrennlichen Kollegen Hase und Mo, die eine WG zu sein scheinen. Oder Wolf, der früher mal eine Kneipe hatte und nachdem er kürzlich dort die Angestellte belästigt hat, nicht mehr hinein darf. Während diese Leute den ganzen Tag Hass-Kommentare lesen, gehen sie nach Hause und führen dort ihr geordnetes oder weniger geordnetes Leben mit genügend eigenen Probleme. So richtig mögen, das wird deutlich, tut niemand diesen Job.

Menschen, Tiere, Würste

Kitty und die Kommentar. Foto: Karolin Kolbe

Schön ist auch die Wahl der Zeichnerin und Autorin ihrer Figuren: eine wilde Mischung aus Tieren und Menschen, die sie so durch ihre Eigenschaften und weniger durch ihre menschliche Optik charakterisiert. An der U-Bahnhaltestelle steigt dann auch mal eine Wurst ein oder ein Wolkenpapa schiebt sein Baby durch die Gegend. Damit baut Kathrin Klinger eine Ebene ein, in der sie sich erlaubt, alles mögliche leicht absurd zu vermischen – das tut der Geschichte gut. Der Titel ist übrigens aus einem der meistgehassten Kommentare der Kolleg*innen entstanden: „Über Spanien lacht die Sonne, über Deutschland die ganze Welt.“ Der Comic verhandelt ein wichtiges und aktuelles Thema. Kathrin Klinger selbst arbeitet – das verrät der Biographietext – übrigens im Nebenjob als Kommentar-Moderatorin.

Kathrin Klinger: Über Spanien lacht die Sonne, Reprodukt 2020. 
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Karolin Kolbe
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