Und was macht man damit? #25 Tom Bresemann

Tom Bresemann hat das Berliner Literaturhaus Lettrétage mitbegründet – ganz ohne Masterplan oder Angst, dafür mit Vertrauen und etwas Vernunft. Das rät er allen, die den Schritt ins Kulturmanagement wagen wollen. Kürzlich berichtete Tom beim Berlinisi-Festival davon, wie das damals so war mit dem Gründen der Lettrétage, und erzählt nun im Interview mehr vom Weg aus der TU Berlin in den Kulturbetrieb.

Tom Bresemann, Mitbegründer der Lettrétage © Lisa Borries
Tom Bresemann, Mitbegründer der Lettrétage © Lisa Borries
Was wolltest Du als Kind werden?

Gitarrist bei Metallica.

 

Was hast Du studiert und warum hast Du Dich dafür entschieden?

Ich habe an der TU Berlin Literaturwissenschaft und Geschichte studiert. Es gab damals bei der TU keine Zugangsbeschränkungen, keine Wartesemester o.ä. Einfach anmelden und loslegen war die Devise. Warum Literaturwissenschaft und Geschichte – ehrlich gesagt, hoch wahrscheinlich, weil das die Fächer in der Schule waren, für die ich am wenigstens machen musste. Also eine Mischung aus Interesse und Faulheit.

 

Würdest Du aus der heutigen Perspektive nochmal das gleiche Fach wählen?

Ich würde das gleiche Fach wählen, glaube aber, dass die Studienordnung und das Studium an sich nicht vergleichbar sind. Als Magister hatte man schon deutlich mehr Freiheiten, scheint mir. Und diese Freiheiten sind nicht nur persönlich wichtig, sondern auch fachlich. Je weniger Luft man hat, sich auch mal umzusehen, die Nase rechts und links zu drehen, umso weniger kann ein literaturwissenschaftliches Studium funktionieren. Ich war sehr glücklich, viele Kreuz- und Querstudien an der TU betreiben zu können: Philosophieseminare, aber eben auch Technikgeschichte etc.

 

Wusstest Du schon während Deines Studiums, in welchen Beruf Du möchtest?

Jedenfalls nicht mehr Gitarrist bei Metallica, ansonsten: Nein.

 

Wo hast du während des Studiums Berufserfahrungen gesammelt?

Ich habe ein paar Praktika absolviert, in Verlagen. In einem dieser Verlage habe ich dann einen der Mitbegründer der Lettrétage besser kennengelernt, insofern war das schon zielführend. Ansonsten haben mir die Verlagspraktika in erster Linie gezeigt, dass ich nicht in Verlagen arbeiten möchte.

 

Wo arbeitest Du jetzt und wie bist du dort gelandet?

Ich bin Co-Hausleiter der Lettrétage und außerdem als Autor aktiv. Seit 2007 habe ich drei Gedichtbände und eine Erzählung veröffentlicht. Die Lettrétage habe ich gemeinsam mit Moritz Malsch und Katharina Deloglu 2006 gegründet. Seitdem organisieren wir bis zu 100 Veranstaltungen jährlich, von Lesereihen bis Festivals und Konferenzen. Wir haben, so muss man es sagen, einfach angefangen. Es gab einen Ort, die Miete war günstig, es gab Autor*innenkontakte, die Wege waren kurz. Kein Masterplan, stetiges Wildwachstum, learning by burning.

 

Und was genau sind Deine Aufgaben?

Als Hausleitung in erster Linie Finanzen und Personal. Darüber hinaus koordiniere ich Raumvergaben und Programmgestaltung, und stehe Projektleiter*innen mit Rat und Tat zur Seite. Wenn eine Toilette kaputt ist, beauftrage ich den Klempner. Wenn eine Rechnung reinkommt, rede ich mit der Buchhaltung. Wenn eine Praktikums- oder Mitarbeitsbewerbung eingeht, schaue ich sie mir an etc. etc. Das allermeiste von dem, was in der Lettrétage passiert, geht irgendwann mal über den Tisch der Hausleitung.

 

Was inspiriert Dich an Deiner Arbeit und was gefällt Dir daran besonders gut?

Es ist mir insbesondere wichtig, vielseitige Prozesse aktiv gestalten zu können. Mit vielen verschiedenen Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten. Täglich aufs Neue Augenhöhe zu versuchen. Aus meiner Sicht ist die Art, wie wir miteinander umgehen nicht weniger wichtig, als die Ergebnisse, die wir erzielen. Literatur zum Leuchten zu bringen ist mir ebenso wichtig, wie dem Verständnis Ausdruck zu verleihen, dass Literatur eines der besten Werkzeuge menschlicher Kommunikation darstellt. Literatur hat für mich also eine starke soziale Komponente im Kontext der Lettrétage. Gastgeber zu sein, ist eine der beglückendsten Elemente dieser Arbeit.

 

Was würdest du Leuten raten, die sich für einen ähnlichen Beruf interessieren?

Keine Angst vor Menschen, keine Angst vor Zahlen, keine Angst vor Abenteuern und Überforderungen. So wenig Angst wie möglich, ganz allgemein. Und aber auch Vernunft, und Bewusstsein um Nachhaltigkeit. Das Berufsfeld Kulturbetrieb ist ein sehr unsicheres, prekäres, permanent in Frage stehendes. Umso wichtiger ist es, konzentriert und flexibel zu bleiben. Augen auf und durch!

 

Hast Du zum Schluss noch einen Literaturtipp oder einen kulturellen Tipp für Berlin?

Es gibt seit September 2018 einen von uns initiierten Literaturkalender, auf dem viele, viele Veranstaltungen der gesamten Szene, von großen Institutionen bis hin zu kleinen Lesebühnen, abgebildet werden. Der Kalender hängt an allen Unis und vielen Literaturorten aus, und soll in den nächsten Monaten den öffentlichen Raum der Stadt erobern. Watch out!

Mein persönlicher Tipp ist das ORI in Neukölln. Mit viel Herzblut und rauem Charme … ein intimer und intensiver Lesungsort!

Ein Gedichtband, der mich zuletzt begeistert hat, ist Konstantin Ames sTiL.e(dir) Sämtliche Landschaften, Welt (Klever Verlag 2018).

 

Merci beaucoup, lieber Tom!

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Angie Martiens

Angie Martiens

1991 in Berlin geboren, bleibt Angie der Stadt weitestgehend treu. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm, dann was ganz Verwegenes: Neuere deutsche Literatur und Tanzwissenschaft. Mit Interesse für die Schnittstellen von Politischem und Kulturellem, Diskursivem und Künstlerischem bewegt sie sich gerne durch Texte, Räume und Theorien.
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