Und was macht man damit? #7 Paul Spittler

So so, der ‚Zauber‘ ist es also, der es dem Jungregisseur Paul Spittler schon immer angetan hat. Nach einer Überdosis Harry Potter begab er sich schließlich selbst auf die Suche nach magischen Erlebnissen, und wo sonst kann man diese finden, wenn nicht im Theater. Mit sportlichen Ehrgeiz und seiner Zauberformel — Leben heißt Lernen, und Probieren geht über Studieren — hat sich der junge Mann vor, während und nach seinem Studium immer wieder aufs Neue mit Herz und Leib der Schönheit des Theaters hingegeben. Seit diesem Jahr führt Paul mit größtmöglicher Sorgfalt das Regiebuch am Wiener Volkstheater und übernimmt alle anfallenden künstlerischen, technischen sowie organisatorischen Aufgaben eines Regieassistenten. Im ‚Händchen halten‘ und ‚Prügel einstecken‘ ist er mittlerweile Meister und auf alles weitere dürfen wir uns jetzt schon freuen. Hiermit geht die Reihe „Und was macht man damit?“ in die nächste Runde. Also dann, Vorhang auf und Bühne frei für Paul, und bitte! 

Paul SpittlerWas wolltest du als Kind werden?

Wenn ich das noch wüsste… Ich glaube, ich wollte Zauberer werden. Ich hab viel Zeit mit mir selbst und meiner Fantasie verbracht. Schöne alte Zeit…

Was genau hast du studiert und warum hast du dich dafür entschieden?

Ich habe meinen Bachelor in Literatur- und Kulturwissenschaften in Dresden gemacht und dann meinen Master in Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Wien drangehängt. Das Bachelorstudium war ein wenig eine Verlegenheitsentscheidung, da ich zwar studieren wollte, aber nach dem Abi nicht gleich genau wusste, was. Irgendwas mit Literatur halt, da kann man notfalls Deutschlehrer werden. Dresden war einschreibefrei, also zack! Während des Studiums wurde mir dann recht schnell klar, dass mir das zu einfach, zu wenig umrissen ist. Mit meinem Masterstudium habe ich mir dann den Wunsch erfüllt, mich zu spezialisieren.

Wusstest du schon während deines Studiums, in welchen Beruf du möchtest?

Nein, nicht ganz genau. Ich habe immer im Theater gearbeitet und wie jeder Kulturschaffende immer mit diesem Berufsziel gehadert. Dass ich wirklich am Theater arbeiten möchte, weiß ich erst zu hundert Prozent, seit ich jetzt am Theater arbeite.

Wo hast du während des Studiums Berufserfahrungen gesammelt?

Neben dem Studium habe ich vom Kellertheater bis zum Staatsschauspiel überall Erfahrungen sammeln dürfen. Und auch in allen Sparten. So war ich bei dem Berliner Produktionsbüro björn & björn Produktionsassistent im Tanz- und Performancebereich, am Societaetstheater Dresden Projektkoordinator für ein serbisches Theaterfestival, am Staatsschauspiel Dresden Regiehospitant, -assistent, Dramaturgiemitarbeiter und sogar selber einmal Spieler (eine schöne, aber gottseidank kurze Erfahrung), an der Staatsoper in Wien Komparse und Dramaturgiehospitant, am brut Wien Produktionsassistent und am Burgtheater Regie- und Dramaturgiemitarbeiter. In Dresden hatte ich mit einer geschätzten Kollegin zusammen auch ein eigenes Theaterkollektiv, mit dem wir A Clockwork Orange erarbeitet haben. Leben heißt lernen, und: probieren geht über studieren!

Wo arbeitest du jetzt und was genau sind deine Aufgaben?

Ich arbeite seit der Spielzeit 2015/16 als Regieassistent am Volkstheater Wien. Regieassistent sein, heißt Mädchen für alles sein. Organisieren, Händchen halten, Prügel einstecken, Begeisterung zeigen (auch wenn es manchmal schwerfällt), scharf mitdenken, motivieren, ab und an was essen und selten schlafen. Zumindest sieht es so in den Endproben-Zeiten aus. Außerhalb dieser bin ich von Beruf der freieste und glücklichste Mensch der Welt! (Innerhalb dieser immerhin der glücklichste)

Wie sieht dein Arbeitsplatz aus?

Mein Arbeitsplatz ist das schönste und kitschigste Theater Wiens, das Volkstheater. Ein guter, ein inspirierender Ort. Mein Büro im Volkstheater, dass ich mir mit meinen Assistenten-KollegInnen teile, hat die Ausmaße einer größeren Schuhschachtel. Ein wohliger Ort, doch sobald sich mehr als eine Person darin aufhält, muss man fliehen. Am besten in die Direktionsloge. Denn da gibt es nicht nur eine schön gepolsterte Bank, um sich mal zwischen den Proben eine kleine Minute Auszeit zu gönnen, sondern auch den besten Blick auf die Bühne und das Geschehen darauf.

Was gefällt dir besonders gut an deiner Arbeit?

Das Volkstheater ist sowohl topografisch als auch gesellschaftlich die exakte theatrale Mitte Wiens. Es macht mich froh, mit dem neuen Team um Anna Badora ans Haus gekommen zu sein. Tolle Kollegen wie die Schauspielerin des Jahres, Stefanie Reinsperger, oder Nadine Quittner, die grad aus Dresden nach Wien ins Ensemble gewechselt ist, und mit der mich nicht nur das gemeinsame Wissen um eine Vergangenheit in Dresden, sondern auch inhaltlich viel verbindet (weswegen wir auch einen Jugendtheater-Club zusammen leiten und die Rote Bar des Volkstheaters demnächst zum glühen bringen wollen), machen den Arbeitsalltag zu einem gelebten Abenteuer und mich sehr glücklich.

Wie sieht dein Plan für danach aus?

Planen kann man schlecht in dem Beruf, aber irgendwann soll mal ein halbwegs achtsamer Regisseur aus mir werden. Klopf auf Holz.

Mit welchen Regisseuren hast du bisher zusammengearbeitet und bei wem konntest du am meisten lernen?

Ich habe schon mit ein paar zusammengearbeitet, aber von zweien konnte ich besonders viel lernen: Frank Castorf und Susanne Lietzow. Beide teilen eine unbedingte Liebe zum Theater, Castorf auf eine etwas althergebrachte, versoffene, aber unsagbar charmante, Lietzow auf eine mädchenhafte, kindliche, zauberhaft idealistische Art. Zudem hat mich bei Castorf das impulsive und affektive seiner Arbeit begeistert, bei Susanne das Wissen um das Ganze und die Macht, zaubern zu können.

Paul Spittler Volkstheater

Welchen Bühnentext, oder sogar Roman, würdest du gerne inszenieren und warum?

Ich bin seit der Schulzeit von zwei Texten immer wieder stark fasziniert und stolpere auch heute noch immer über sie: Frühlings Erwachen von Wedekind und Effi Briest von Fontane. Das eine spiegelt für mich, wie kein anderes Jugendstück, die Ängste, Ohnmächte und undechiffrierbaren Codes des „Erwachsenwerdens“ in den schrillsten, wahrsten Farben; das andere ist der für mich am meisten unterschätzte Roman deutscher Urheberschaft, eine wahnsinnige Geschichte über Moral und gesellschaftliche Zwänge. Beide Texte würde ich gern irgendwann einmal auf die Bühne bringen.

Wenn du noch mal studieren könntest, würdest du dich für den gleichen Studiengang entscheiden? Wenn nein, was würdest du stattdessen wählen?

Ich wünschte, ich hätte von Anfang an den Arsch in der Hose gehabt, gegen die Ressentiments meiner Eltern gleich Regie zu studieren. Das bereue ich manchmal. Das würde ich retrospektiv anders machen.

Hast du einen Rat, den du allen Theaterinteressierten mit auf den Weg geben könntest?

Nur den einen: Geht so oft ins Theater, wie es eure Zeit und euer Geldbeutel zulassen! Lest Theater, seht Theater, hört Theater! Und macht Theater!

Welches Buch liest du gerade? Kannst du es weiterempfehlen? Oder hast du einen anderen Kulturtipp?

Puh, Glück gehabt, dass ich grade eben das Lustige Taschenbuch Nr. 455 zur Seite gelegt und mir was halbwegs respektables aus dem Regal genommen habe. Lese grad „Theater“ von William S. Burroughs. Ganz nett. Wenn Theater heute noch so wäre, würde ich alles hochgehen lassen. Obwohl bestimmte Züge, besonders die Eitelkeiten der Theaterschaffenden, ziemlich ins Mark treffen. Daneben lese ich immer wieder Blödsinn. Den Spiegel zum Beispiel, der liegt bei uns neben dem Klo. Neben den Lustigen Taschenbüchern.

Noch ein Weihnachtsliedchen auf Täsch?

Dieses Jahr hab ich beschlossen, mich Weihnachten voll und ganz hinzugeben. Happy Xmas everyone!

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Luisa Kaiser

Luisa Kaiser

1988 in Halle/Saale geboren, verbrachte die kommenden Jahre in einem kleinen Ort nebenan als Landei bis es sie zum Studieren nach Dresden verschlug. Nach mehreren Jahren in diesem besinnlichen und behüteten Städtchen lockte dann doch der Ruf der Wildnis. Seit 2014 lebt Luisa in Berlin und studiert 'Angewandte Literaturwissenschaft'. Das Studium macht Spaß, sagt sie, jedoch falle es ihr immer noch schwer, knackige Kurzbiographien zu schreiben.
Luisa Kaiser

2 Gedanken zu „Und was macht man damit? #7 Paul Spittler

  • 8. Dezember 2015 um 17:55
    Permalink

    Was für ein toller Beitrag von Paul.
    Muss als Mutti gleich Einspruch erheben. Das Kind hätte keine Zulassung für ein Theater-Regiestudium erhalten. Also bei Dramaturgie schon mal nicht. Wenn er sich denn daran noch erinnert. So hat er diesen, Um-, Weg genommen. Nach dem Motto, wer weiß wofür es gut ist. Und war und ist es. Ich bin begeistert und werde diese Seite weiterempfehlen. LG Simone

    Antwort von Luisa Kaiser am 13. Sep 2017 um 15:32

    Liebe Simone,
    ich freue mich, dass dir der Beitrag gefällt! Ich bin immer wieder davon begeistert, was sich Mütter alles merken können :)
    Wie dem auch sei, Umwegen sind schon große Meister gegangen…hehe.

Kommentare sind geschlossen.