Auf und hinter der Bühne bei den Poetry Slam Meisterschaften 2012

Fünf Tage, zweihundert Teilnehmer, elf Veranstaltungsorte, unzählige Zuschauer: Vom 13.-17. November fanden in Heidelberg und Mannheim die 16. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften statt. Litaffin mit einem Bericht aus Teilnehmerperspektive über den jährlichen Höhepunkt der Spoken Word Szene.

Ich liege mit geschätzten hunderfünfzig Pfefferminzbonbons im Bett eines Neunerzimmers in Heidelbeg. Es ist der späte Samstagnachmittag des 17. November. Alle in meinem Zimmer schlafen. Nebenan schreit jemand ein Gedicht. Die Wände in diesem Hostel sind nicht gerade dick. Der Dichter gerät ins Stocken. Text vergessen. „Heavy Metal!“ brüllt es von irgendwo. „Mach einfach den Text, auf den du Lust hast“, höre ich jemanden sagen. Ein lautes „BINGO!“ ist die Antwort. Für Außenstehen macht all das wenig Sinn, deswegen folgt hier die Erklärung:

1. Schreiende Dichter in Mehrbettzimmern

Wir schreiben das Jahr 2012. In Heidelberg und Mannheim finden zum 16. Mal die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam statt. Die besten Wortakrobaten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich für dieses Ereignis qualifiziert. Fünf Tage belagern sie sämtliche Hostels und Jugendherbergen der Stadt Heidelberg. Abends stehen sie auf Bühnen, kämpfen mit ihren fünf Minuten langen Texten in Vorrunden, Halbfinals und im Finale um die Gunst des Publikums. Letztendlich werden die Sieger in den Kategorien Einzel, Team und U20 gekührt.

Ich bin zum ersten Mal dabei und gehe als Kandidatin für ARTE ins Rennen. Neben den „routinierten Veteranen der Szene“ – wie es im Programmheft so schön heißt – bin ich ein „hypernervöser Frischling“. Obwohl ich mittlerweile seit zwei Jahren selbstverfasste Texte auf Bühnen in Mikrophone spreche und mich von einer Publikumsjury bewerten lasse, gehe ich bei meinen ersten Nationals mit mindestens 40 Grad Lampenfieber an den Start.

Vorrunde 02: Am Mittwochabend stehe ich auf der Bühne der „alten Feuerwache“ in Mannheim. Wir sind zwölf Slammer, die ersten vier schaffen es ins Halbfinale. Das Los entscheidet über die Auftrittsreihenfolge. Ich bin Startplatz 11. Das ist nicht schlecht. Beim Poetry Slam will niemand die Pole Position. Lieber erst sehen, was die anderen machen, abwarten und Bier trinken. Leider reicht es an diesem Abend für mich nicht, um ins Halbfinale einzuziehen. Ich gebe dem Publikum die Schuld. Das macht man so, habe ich schon oft beobachtet.

 

 

Die Entscheidung, wer weiterkommt, liegt bei jedem Slam in der Hand der Zuschauer. Eine unabhängige Jury wird aus Publikumsgästen zusammengestellt. Diese dürfen mit den auftretenden Slammern weder befreundet, noch verwandt oder verheiratet sein. Sie vergibt Punkte von null bis zehn. Dabei gilt grob folgende Richtlinie:

„Eine null für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen, eine zehn für ein Gedicht, das einen kollektiven Orgasmus im Publikum auslöst.“

Bei den Nationals sind die Wertungen durch die Bank sehr hoch. Das ist nur angemessen, schließlich sind es die Besten der Besten, die es hier das Finale erreichen sollen. In neun Vorrunden der Kategorie Einzel treten insgesamt 108 Slammer an, 36 schaffen es in die nächste Runde. In drei Halbfinals mit je zwölf Teilnehmern kommen neun ins Finale.

2. Die hundertfünfzig Pfefferminzbonbons

Nach fünf Tagen Spoken Word gilt das Motto: „Wer jetzt noch eine Stimme hat, war nicht dabei.“ Von allen Seiten, bei jedem Krächzen, werden Pfefferminzbonbons verschenkt. Der Freund der Fischer ist auch ein Freund des Slams und offizieller Sponsor der Meisterschaften.

Schon direkt nach der Ankunft in Heidelberg werden wir mit Bonbons überschüttet. Jeder Slammer bekommt einen roten Luftballon und einen schwarzen Stoffbeutel gefüllt mit Aufklebern, Programmheften, Essensmarken, Busticket, einem Notizbuch, Wegbeschreibungen zu den Veranstaltungsorten und Unmengen Pfefferminzbonbons. Schon einen Tag später finde ich sie überall. In meinem Gepäck, zwischen meinen Texten, in meinem Bett.

3. Bingo und Heavy Metal

Ob Wetten oder Malwettbewerb, der Slammer an sich steht auf Spiel, Spaß und Wettkampf. So kann man auch neben der offiziellen Verantstaltung gewinnen. Beim Phrasenbingo zum Beispiel. Standartsätze bei Poetry Slams sind unter anderem:

–          „Ich hatte Startplatz 1“

–          „Du machst das Ding heute abend!“

–          „Die Moderation war wertend“

–          „Mach einfach den Text, auf den du Lust hast“

Die Sätze werden in das Bingogitterraster auf einen Zettel geschrieben und angekreuzt, wenn man sie irgendwo aufschnappt oder sich dabei erwischt, sie selbst zu sagen.

Das „HEAVY METAL!“ – Phänomen kann wohl keiner so richtig erklären. Fakt ist jedoch, vergisst ein Poet auf der Bühnen seinen Text, schreit dies mindestens einer der anderen Teilnehmer. Dann wird gelacht, die Stimmung sinkt nicht und der Slammer auf der Bühne hat Zeit sich wieder zu sammeln und die Worte in seinem Kopf zu ordnen.

Slammer lachen auch über sich selbst und das ist gut so. So muss beim Rap Slam – neben dem Song Slam und dem Sex, Drugs and Rock’n Roll Slam eine Veranstaltung des Rahmenprogramms, bei dem jeder zeigen kann, was er noch so drauf hat – der ein oder andere „Diss“ eingesteckt werden.

Beim Fußballspiel des FK Inter Slam 09 gegen das Theater Heidelberg richten sich die kreativen Schlachtgesänge dann gegen die Schauspieler in den gelben Trikots.

„Wo steht euer Tor? Wo steht euer Tor? Fragt doch, fragt doch, fragt doch den Souffleur!“

Fotos vom Spiel, das 2:1 für uns Slammer ausging, gibt es hier.

Nur ein paar Klicks weiter kann man sich hier auch das große Finale in der Stadthalle Heidelberg ansehen. Wer das tun möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen. Allen anderen verrate ich jetzt die Gewinner. Trommelwirbel.

Die Gewinner des Slam 2012

Im Team: Team Totale Zerstörung, bestehend aus Julius Fischer und André Hermann

U20: Jule Weber

Im Einzel: Pierre Jarawan

Herzlichen Glückwunsch!

Wieder in Berlin angekommen, ist es wie nach dem Urlaub. Statt Sand, rieseln Pferfferminzbonbons aus allen Ritzen. Gut, so kann ich noch bis zum Slam 2013 in Bielefeld an den Heidelberg/Mannheim-Erinnerungen lutschen.

Mehr zum Thema:

http://slam2012.de

http://www.arte.tv/de/poetry-slam

http://insakohler.wordpress.com

pixelstats trackingpixel

Insa Kohler

1986 in Oldenburg geboren. Sitzt und spricht. Erstes meist beim Schreiben. Zweiteres auch gerne im Stehen. Auf Bühnen bei Poetry Slams im ganzen Land und im Aufnahmestudio bei der Arbeit fürs Radio. Außerdem studierst sie Angewandten Literaturwissenschaft, lebt meistens in Berlin, applaudiert nicht im Flugzeug und teilt heimlich durch Null.
Mehr gibt es hier: http://insakohler.wordpress.com/