Verlagslektorat heute
Eine Außenansicht – Teil I


Lektorat, gestern wie heute

In einer dreiteiligen Serie beschäftigt sich Litaffin mit der Geschichte, der Entwicklung und dem Status Quo des Verlagslektorats.
Teil I: Textarbeit vs. Produktmanagement – eine Zweiteilung oder „Wer bist du?“

Selbst noch kein fester Bestandteil der Arbeitswelt „Verlag“, werde ich schon während des Studiums mit einem wesentlichen Problem des Lektorendaseins konfrontiert. Einige Dozenten, die es wissen müssen – sie arbeiten oder haben als Lektor gearbeitet –, beklagen eine Entwicklung des Lektorats, laut der die Text- und Autorenarbeit zugunsten des sogenannten Produktmanagements stetig abnimmt. Die Produktmanagement-Diskussion wird in den Seminargesprächen als eine aktuelle, eine der letzten Jahre vermittelt. Die Dozenten führen die Entwicklungen zumeist auf den sich stark verändernden Buchmarkt zurück: Jedes Jahr mehr verlegte Bücher, Konzernbildung, „Bestellerdenke“ und ab sofort drei anstatt zwei Vorschauen pro Jahr. Konsequent und kulturpessimistisch zu Ende gedacht, wird diese Entwicklung unverändert voranschreiten. Der Buchmarkt entschleunigt sich, strukturell bedingt, sicherlich nicht wieder so schnell.
Nach diesen Überlegungen entsteht meinerseits die leise Befürchtung, dass „Lektorat“ bald nur noch „Produktmanagement“ bedeuten könnte. Jedenfalls dann, wenn man eine Festanstellung in einem Verlag anstrebt. Die Arbeitsteilung, die aufgrund einer erneuten Spezialisierung Aufgabenbereiche ausdifferenziert, würde abermals greifen. Aus einem Beruf mach‘ zwei: hier ein Produktmanager, dort ein Lektor. Dessen Arbeit machen in Zukunft dann andere: freie Lektoren und Agenten.
Während der Literaturrecherche zu meiner Masterarbeit, stoße ich auf mehrere Artikel zum Beruf „Lektor“, die sich mit eben dieser Thematik, „Textarbeit vs. Produktmanagement“, befassen. Das für mich Verwunderliche daran ist, dass diese Artikel aus den 80er Jahren stammen. So titelt die Süddeutsche Zeitung: „Von Büchernarren und Produktmanagern. Wie Bücher gemacht werden und von wem“. Ein Artikel vom 27. Dezember 1985. Kein Einzelfall und auch nicht der älteste Artikel, den ich zum Thema finde.
Somit besteht die Diskussion, wie anfangs von mir vermutet, nicht erst seit ein paar Jahren, sondern ist eine alte und existiert seit über 40 Jahren. Das Produktmanagement gab und gibt es somit schon immer. Dieses neue Wissen lässt mich entspannt zurücklehnen. Die schwierige Balance zwischen Textarbeit und dem Management rund um das Produkt Buch ist vielleicht doch eine, die dem Beruf „Lektor“ immanent ist, viel tiefer reicht und nicht ausschließlich durch „äußere Umstände“ zu erklären ist. Vielleicht wird das Produktmanagement heute auch nur bewusster wahrgenommen, insbesondere in Hinsicht auf die gegenwärtigen Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten. Ein Bereich, der wächst und noch lange nicht ausgeschöpft ist, und dem die Buchbranche gegenwärtig viel Aufmerksamkeit schenkt.
Dennoch wird es auch in Zukunft noch Text- und Autorenarbeit geben, denn mit Inhalt müssen Bücher weiterhin gefüllt werden. Die Arbeit am Manuskript bleibt. Das hat auch Walter Hömberg in seiner brandneuen Studie „Lektor im Buchverlag. Repräsentative Studie über einen unbekannten Kommunikationsberuf“ herausgefunden. Die dafür befragten Lektoren aus Publikumsverlagen geben an, dass die Text- und Autorenarbeit immer noch den größten Teil ihrer Tätigkeit einnimmt, auch wenn dies in einigen Verlagen vielleicht nicht mehr ausschließlich der festangestellte Lektor machen wird. Ausnahmen gibt es sicherlich; die aber bestätigen zugleich die Regel.

Nächste Folge: Lektor vs. Produktmanager – eine Hierarchie

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2 Gedanken zu „Verlagslektorat heute
Eine Außenansicht – Teil I

  • 11. September 2010 um 18:04
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    Oha. Immer wieder erstaunlich, was ein bisschen Recherche zu Tage bringt… Cool!

  • 21. September 2010 um 14:05
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    Das beruhigt doch ungemein… aber ehrlich gesagt scheint mir das nicht der einzige Bereich, in dem Panikmache vorherrscht, die totaler Unsinn ist, da angeblich negative Entwicklungen eigentlich etwas widerspiegeln, dass es schon immer irgendwie gegeben hat, oder schon seit langem existiert, nur eben noch nie so wahrgenommen und besprochen wurde…
    siehe Networking, nicht wahr Franzi?

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