Verlagslektorat heute
Eine Außenansicht – Teil II

In einer dreiteiligen Serie beschäftigt sich Litaffin mit der Geschichte, der Entwicklung und dem Status Quo des Verlagslektorats.
Teil II: Lektor vs. Produktmanager – Eine Hierarchie oder „Was bist du wert?“

Es gibt Lektoren, die beim Wort Produktmanagement die Nase rümpfen und es als Modebegriff abtun. Wenn sie über diesen Bereich ihrer Arbeit sprechen, gleicht es in vielen Fällen einer Klage, die von „Das ist alles zu viel und mir bleibt kaum Zeit für’s Lesen“ bis zu „Produktmanagement, das ist nicht meine Aufgabe, ich bin ein Lektor und das heißt lesen“ reicht. Mir fällt auf, dass dabei stets eine Wertung mitschwingt: Textarbeit ist gut, Produktmanagement ist schlecht. Diese Hierarchie bildet das Grundgerüst der Kontroverse, die Rollen sind verteilt. Das entsprechende Tabu wäre demnach der Lektor, der Produktmanagement-Aufgaben mindestens genauso interessant findet wie die Text- und Autorenarbeit. In den Augen vieler Lektoren wäre das wahrscheinlich kein „richtiger“ Lektor mehr. Aber warum eigentlich? Warum soll das Produktmanagement weniger wert sein als die Text- und Autorenarbeit? Warum ist die Schnittstellenarbeit rund um das Projekt Buch so ungeliebt?
Nach der Klage über das Zuviel an Produktmanagement folgt manchmal der Blick zurück: Früher war alles anders. War es das wirklich? Gab es jemals den Lektor, der nur liest?
Nein, denn geklagt wurde 1987 schon genauso wie 2007. Bereits in dem 1987 erschienenen Sammelband Innenansichten. Literatur als Geschäft von F. J. Görtz beklagt dieser einen „Verfall der Sitten“, der in der Verlagsbranche um sich zu greifen scheint. Im Text stellt der Lektor Thomas Beckermann fest: „Weniger Autoren zu entdecken, als vielmehr Verkaufsideen zu entwickeln – dies sei inzwischen Aufgabe des Lektors geworden.“ Klingt irgendwie bekannt, die Hierarchie gibt es auch hier schon.
Zu vermuten bleibt, dass es den (festangestellten) Lektoren in Reinform nie gegeben hat. Das Berufsbild, dem viele nachtrauern, ist kein historisches, sondern eine Art Idealtyp, das in der Realität nie zu finden war. Vom Idealbild „lesender Lektor“ (100%) bleibt in der Realität meist nur eine bestimmte Prozentzahl übrig, manchmal vielleicht 70%, in manchen Verlagen auch nur 50% oder 40%. Vielleicht ist die negative Bewertung des Produktmanagements nur der nachhaltigen Enttäuschung angehender Lektoren geschuldet, die in der Erwartung des Idealbildes, ausschließlich Text- und Autorenarbeit zu leisten, dann auch Produktmanager sind. Besonders in großen Verlagen kann das oft der Fall sein. Denn je größer der Verlag ist, desto ausdifferenzierter ist die Aufgabenverteilung.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr schwant mir, dass die Bewertungen der Aufgabenbereiche tieferen Ursprungs sind. Sie besteht nicht nur zwischen Textarbeit und Produktmanagement, sondern auch zwischen dem Verlegen von „guter“ Literatur einerseits – und andererseits der Notwendigkeit, diese zu vermarkten, damit ein Verlag existieren kann. Nüchtern betrachtet ist diese Arbeit jedoch genauso wichtig wie die Autoren- und Textarbeit. Ein Buch ist nicht nur sein Text. Ein Buch wird gedruckt, um es zu verkaufen.
Zudem war Lektorenarbeit eben immer auch schon Schnittstellenarbeit. Der Austausch mit den einzelnen Abteilungen, das Sitzen in Konferenzen, in denen über Cover, Marketing und Verkaufszahlen eines Buches geredet wird, ist langwierig und erscheint oftmals ineffizient. Aber dies ist nicht nur für die Vermarktung der Bücher unabdingbar, sondern auch für die interne Verlagskommunikation, und vor allem auch für den Lektor selbst, da sie für ihn das Tor zur Außenwelt des Literaturbetriebs darstellt.
Beide Bereiche sind damit gleichermaßen essenziell für den Verlag. Und wem die Bezeichnung Produktmanagement nicht gefällt, kann es ja auch anders nennen, die Arbeit aber bleibt.

Nächste Folge: Textarbeit vs. Produktmanagement – aus eins mach‘ zwei
Zu Teil I geht’s hier.

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