Verortung der Gegenwart – Ulrich Peltzers Poetikvorlesung

Das Sprechen über Literatur ist dann faszinierend, wenn es intensiv und weitsichtig geschieht, wie zu Beginn des Jahres an vier aufeinander folgenden Dienstagen in Frankfurt. Im Rahmen der dortigen Poetikdozentur skizzierte der Schriftsteller Ulrich Peltzer unter dem Titel Angefangen wird mittendrin ein Literaturverständnis, das Literatur als Teil einer Liaison mit der Gegenwart niemals zu einem Ende kommen lässt. Dankbarerweise für alle, die nicht anwesend sein konnten, ist nun im S. Fischer Verlag unter gleichem Titel Peltzers Poetiktext erschienen.

Seit Ingeborg Bachmann mit ihrer Vorlesung Probleme zeitgenössischer Dichtung 1959/ 1960 in Frankfurt den Anfang machte, kamen über die Jahre in mehreren Städten eine Vielzahl von Vorlesungen hinzu, die (wenn man es so will) auch als eine Art Kanonisierung verstanden werden können. Peltzer steht 2011 am Ende eines Jahrzehnts, das in gewisser Hinsicht eine kleine Wende in dem Genre der Poetikvorlesung vollzog.

Andreas Maier und Daniel Kehlmann etwa nutzten die Gelegenheit, um aus der Vorlesung bis zu einem gewissen Grad ein ironisiertes Spiel zu machen, in dem der Eine (Maier) sein Ich auf textlicher Ebene multiplizierte und der Andere (Kehlmann) nicht mehr nur als einzelner Redner auftrat, sondern als Dialogpartner seiner selbst. Auch Robert Menasse nutzte die Bühne, um in gleichsam ironischer und empörter Art ein stärkeres gesellschaftliches Engagement einzufordern, ohne dabei auf „postmoderne“ Ausschläge zu verzichten. Andere wie Herta Müller oder auch Uwe Tellkamp hingegen konzentrierten sich neben ihrem Werk auf einzelne Details der Literaturgeschichte.

Was kann man also von Ulrich Peltzer erwarten, der schon immer den Bezug zu anderen Kunstformen suchte und auch vollzog, wie zuletzt in seiner Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christoph Hochhäusler für dessen Film Unter dir die Stadt?

Zunächst einmal erscheint Peltzers Text ohne inszeniert doppelten Boden. Bereits nach den ersten Seiten des Buches spürt man, dass der Autor es sowohl mit der Literatur, als auch mit dem Dozieren über diese sehr ehrlich hält. Auf eine authentische Art und mit einigen sprachlichen Höhepunkten beschreibt Peltzer Kernelemente einzelner Romane – Joyce’ Ulysses, Defoes Robinson Crusoe, Twains The Adventures of Huckleberry Finn – und setzt gleichzeitig klug Verweise zu Philosophie und Kulturgeschichte. Dabei kristallisiert sich die Aufgabe der Literatur als eine Gegenwarts-Begegnung bzw. Verortung heraus. Eine stete Suche, in der sich Peltzer als Schriftsteller manchmal ganz plötzlich wieder findet und die sozusagen den Leitfaden seiner Poetik vorgibt: die Übertragung der Wirklichkeit in einen literarischen Kosmos, der es vermag, neue Erkenntnisse über diese Wirklichkeit aufzuzeigen und Literatur lebendig werden zu lassen. Immer wieder werden Szenen und Motive eingestreut, die dem Leser einen Vorgeschmack auf Peltzers nächsten Roman geben und so Verbindungen schlagen zwischen Geschichte, Gegenwart und Fiktion.

Dass Peltzer niemals die Literatur als höchste Kunstform o.Ä. propagieren würde, wird zusätzlich in einem, im Rahmen der Poetikdozentur aufgezeichneten, Gespräch vom HR deutlich. Der ideale Leser ist für Ulrich Peltzer ein Verbündeter, der das Buch im Prozess des Lesens mitgestaltet. Erst dadurch beginnen die Gedanken und Ideen eines Schriftstellers wirklich zu existieren. Gleiches gilt auch für andere Kunstformen. In diesem Sinne muss es Aufgabe sowohl des Künstlers als auch des Publikums sein, sich vor Komplexität und Herausforderung nicht abschrecken zu lassen, sondern zu versuchen, neue Grenzen und Perspektiven auszuloten.
Zum Glück gibt es auch in Deutschland noch einige dieser Künstler, die es schaffen, aus einer bloßen Idee ein lebendiges Stück Kultur werden zu lassen – in der Literatur sowie im Film, in der Kunst und der Musik.

Veranstaltungs-Hinweis:

Unter dem Titel „Das erste Jahrzehnt – Narrative und Poetiken des 21. Jahrhunderts“ veranstaltet die Freie Universität Berlin in Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg vom 24. bis 26. Februar 2011 im Literaturforum Brecht-Haus Berlin eine Tagung, in der es u.A. um Strömungen zeitgenössischer Poetikvorlesungen gehen wird.

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