„Vielleicht kann es doch noch ein Roman werden“

Isabelle Lehn schreibt Prosa und hat schon eine ganz beeindruckende Schreib-Karriere hingelegt: Finalistin beim 19. Open Mike, Publikumspreis des diesjährigen Prosanova-Festivals und zahlreiche Stipendien. Vergangenen Freitag war sie beim Literatursalon am Kollwitzplatz zu Gast. Davor sprach sie im Interview von ihrem Gewinnertext „Aladdin, COB“, vom politischen Schreiben und von Erwartungen des Literaturbetriebes.

© Sophron
© Sophron

Du warst dieses Jahr beim Prosanova-Festival Publikumsliebling. Wie wichtig ist dir dieser Preis?

Isabelle Lehn: Für mich hat er ganz viel bedeutet. Das Prosanova-Festival waren vier richtig schöne Tage mit großartigen Lesungen, Veranstaltungen und einem tollen Publikum. Nicht irgendein Publikum, sondern eben ein Fachpublikum. Von diesem Publikum den Preis zu bekommen war nochmal doppelt schön.

Glaubst du, dass der Publikumspreis auch Einfluss auf die Wahrnehmung deines Schreibens hat?

Anfangs war ich mir unsicher, inwiefern das etwas verändern würde. Ich bin eigentlich auch mit der Vorstellung hingefahren: „Ich muss hier nicht gewinnen“  und habe versucht, mir da keinen Druck zu machen. Es macht mich vielleicht nicht bei einem breiten Publikum bekannt, aber die Leute, auf deren Meinung ich zähle, waren da. Auch einiges Interesse aus dem Betrieb hat es mir im Nachhinein eingebracht.

„Aladdin, COB“ ist eine Kurzgeschichte. Was reizt dich an diesem Format?

Es war der Stoff! Da er non-fiktional ist, war die allererste Frage: Will ich einen literarischen Text oder eine Reportage schreiben? Aber da es mir um die Innenperspektive ging, um die Wahrnehmung der Situation, um das Verschwimmen der Identitäten, brauchte ich diese Ich-Perspektive. Und Kurzgeschichte, weil mir klar war, dass ich diesen Stoff sehr verdichtet darstellen muss. Aber nach Prosanova kamen wirklich einige Anfragen, ob das nicht der Anfang eines Romans sein könnte. Inzwischen habe ich nachgedacht, wie Aladdin in sein normales Leben zurückkehren soll, und tatsächlich angefangen weiterzuschreiben. Vielleicht kann es doch noch ein Roman werden, aber da bin ich selber noch ganz gespannt.

Noch mal kurz: Was bedeutet COB?

COB ist eigentlich der Schlüssel zur Geschichte. COB heißt „Civilians on the battlefield“. Das ist die offizielle Bezeichnung für die Statisten, die in diesem Kriegsspiel die Zivilbevölkerung darstellen. In einer militärischen Übung werden Truppen in einem Scheindorf mit Scheinafghanen und Scheincafébesitzern auf ihren Afghanistan-Einsatz vorbereitet.

Das Thema ist non-fiktiv und trotzdem in der Öffentlichkeit nicht besonders bekannt. Die Statisten-Stellen sind aber ganz öffentlich ausgeschrieben. Wieso redet da keiner drüber?

Ja, das überrascht mich auch. Ich bin über jemanden, der wirklich an so einer Rotation teilgenommen hat, auf den Stoff gestoßen und fand es einfach unvorstellbar, dass es so etwas hier geben soll. Teilweise werden Arbeitslose vom Arbeitsamt dorthin geschickt. Es gibt also Parallelen zwischen der Rolle und den Statisten. Die Statisten sind oft aus wirtschaftlichen Gründen ähnlich unfrei. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich aber gemerkt, dass doch schon darüber berichtet wurde.

Es geht neben der Simulationsebene um einen realen Krieg, sodass das Spiel einen sehr bitteren Beigeschmack bekommt…

Ja, es hat natürlich etwas Zynisches, diese ganze Versuchsanordnung. Ein moralisches Problem betrifft mich auch als Autorin: Inwiefern kann ich guten Gewissens dieses Thema als literarischen Stoff ausschlachten. Ist das nicht auch eine Art, Vorteil aus diesen Zusammenhängen zu ziehen? Natürlich werden Kriegshandlungen mit solchen Simulationen unterstützt und gleichzeitig kann argumentiert werden, dass es ist besser ist, wird der Ernstfall vorher geprobt. Krieg wiederholt sich permanent. Momentan überrollen mich die politischen Ereignisse und ich komme überhaupt nicht hinterher.

Das ist ein sehr spezieller und hochpolitischer Stoff. Siehst du dich als Autorin in einer politischen Funktion?

Das ist die Frage, ob man aus so einem politischen Stoff Literatur machen kann. Ich würde mich schon als politisch interessierten und manchmal auch politisch empörten Menschen verstehen. Im Colloquium des Open Mikes meines Jahrgangs ging es zum Beispiel darum, wie politisch junge Literatur sei. Diese Norm hat mich damals wahnsinnig geärgert. Als ich Aladdin geschrieben habe, war es gar nicht mein Bestreben, jetzt einen politischen Text zu schreiben, aber am Ende dachte ich: Okay, vielleicht ist das ein Text, der auf Wettbewerben funktionieren könnte. Ein bisschen ein Spiel mit den Wünschen des Betriebes.

Hat ja dann auch geklappt…

Nur eben bei Prosanova und nicht beim Open Mike.

Der Text spielt mit verschiedenen Realitätsebenen. Wie Aladdin weiß der Leser an manchen Stellen nicht mehr, in welcher Realität er sich nun befindet. Wie hast du recherchiert?

Die Recherche hat bei mir etwas in Gang gesetzt. Beim Prozess, vom Material zum literarischen Text, muss man sich natürlich vom Material wieder lösen. Und das passiert dann oft auf einer sprachlichen Ebene. In Aladdin ist es die Spielerei der Rollenüberschreitung oder der Verschmelzung mit der Rolle. „Er“, „Aladdin“ und „Ich“ werden ganz bewusst eingesetzt. Spätestens da hört die Recherche auf und das Schreiben und das Fantasieren setzen ein.

Warum kippt das Spiel? Es kippt einige Male…

Ich denke, weil es aus der Wahrnehmung des Protagonisten dargestellt ist, der sich nicht abgrenzen kann von Aladdin. Er muss sich andauernd erinnern, dass es nur ein Spiel ist und er jederzeit wieder aussteigen kann. Der Protagonist verliert Stück für Stück die Sicherheit, dass das Spiel ihm nichts anhaben kann. Er ist unmittelbar beteiligt und betroffen. Die Scheinwirklichkeit ist in dieser Situation seine Realität.

Du arbeitest an „Aladdin, COB“ weiter. Welche anderen Projekte interessieren dich in Zukunft?

In einem anderen Projekt, das ich wegen „Aladdin“ unterbrochen habe, geht es auch um Wahrnehmung. In dem Falle ist es die Wahrnehmung einer Analphabetin, die ohne Schriftsprache lebt, aber trotzdem ganz besondere Fähigkeiten entwickelt hat. Ich muss mal schauen, ob ich an diesem Projekt danach wieder weiterarbeite. Ich gehe da nicht so strategisch vor, aber es sind gerade die großen Projekte, die sehr viel Zeit kosten und nicht fertig werden. Irgendwas würde ich jetzt gerne auch mal abschließen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Neugierig? Dann geht’s hier zu „Aladdin, COB“.

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Corinna von Bodisco

Corinna von Bodisco

Geb. 1988, studiert in Literatur- und Theaterwissenschaften (Freie Universität Berlin, Université Laval, Québec). Interviewt als freie Redakteurin gerne, viel und mehrsprachig. Bloggt aktuell auf tonspur.blog und ist interessiert an medienpädagogischen Blogprojekten.
Corinna von Bodisco