From Panels with Love #7: Das Leben der Channa Maron

„Vor allem eins: Dir selbst sei treu“ widmet sich dem Leben der Schauspielerin Channa Maron. Die Künstlerin Barbara Yelin und der Künstler David Polonsky haben Maron durch ihre eindrücklichen Bilder erneut zum Leben erweckt.

Nun gut, ich gebe zu, Channa Maron, die gebürtig als Hanna Meierzak auf die Welt kam, war mir kein Begriff, bis ich eines schönen Morgens einen sehr interessanten Beitrag auf radio eins lauschte, der mir die israelische Bühnenlegende mit Berliner Wurzeln näher brachte. Ich wusste, dass ich mehr über sie erfahren, mir die Graphic Novel zulegen musste, die ihr gewidmet wurde. Auf Initiative des reprodukt Verlags entstand diese nämlich infolge einer Ausstellung.

Channa Maron war Kästners erstes Pünktchen, spielte im Kindertheater und an der in diesen Tagen viel diskutieren Berliner Volksbühne. Schon früh zeichnete sich scheinbar ab, dass das der Beginn einer großen Karriere gewesen wäre. Doch wie das Schicksal von viel zu vielen Menschen im Zweiten Weltkrieg war auch Marons „Schicksal“ das, jüdischer Abstammung zu sein.

 

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Auszug aus „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“, Zeichnungen von Barbara Yelin ©reprodukt

So beginnt auch die Graphic Novel. Berlin, 1931.  Diese zwei Schlagworte reichen, um verschiedenste Bilder in unseren Köpfen zu reproduzieren. In „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“ [das ist by the way ein Auszug aus dem 1. Aufzug, 3. Szene von Hamlet] beginnt Marons Geschichte in genau dieser Stadt, ein paar Jahre vor Kriegsbeginn. Die kleine Hanna wird von ihrer Mutter an der Hand durch eine düstere Straße gezogen, sagt „Hannele, nun komm endlich“. Zunächst denkt man an Flucht, an die üblichen Klischees, aber nein, Hanna wird von ihrer Mutter zu einem Casting geschleppt.  Kurz darauf jedoch muss Hanna Berlin verlassen. Ihr Vater, der sehr schnell begriff, was in Deutschland zu brodeln begann, überredete die Familie zur Flucht nach Israel. Doch zunächst emigrierten nur Hanna und ihre Mutter nach Paris, wo Hanna zum Betteln gezwungen war. Trotz allem gab ihre Mutter nicht auf, brachte ihre Tochter zu weiteren Castings und glaubte stets an das Talent, das in ihrer Tochter schlummerte. Hanna hätte bei Emil und die Detektive mitspielen können, doch dann bekam der Vater eine Stelle in Tel Aviv und Hanna und ihre Mutter kamen nach Palästina. Dort änderte sich ihr Name später in „Channa Maron“.Maron

Der erste Teil dieser Graphic Novel ist von Barbara Yelin gestaltet. Was gleich zu Beginn ihrer Zeichnungen auffällt, ist, dass neben den Dialogen in Sprechblasen, in kleinen Textfeldern die Lebensgeschichte der Schauspielerin erzählt wird. So überschneiden sich Vergangenheit und Realität während des Lesens. In – man könnte sie als einzelne Kapitel beschreiben – Abschnitten erzählen Angehörige und nahe Vertraute von Marons Leben.

Da wäre etwa Amnon Rechter, ihr Sohn. Auf einigen Seiten erzählt er von seiner Mutter und ihren Anfängen in Israel, und davon, wie sie mit 17 auf die Schauspielschule kam. Auch ihre Tochter Ofra Rechter kommt oft zu Wort und schildert, wie ergriffen sie persönlich von den Schauspielkünsten ihrer Mutter war und wie sie Tränen in den Augen hatte, als sie ihre Mutter eines Tages im Musical „Hallo Dolly“ performen sah. Das verdeutlicht auch, dass Maron ein Familienmensch war, der sich vom Kinderhaben nicht beirren ließ und Karriere und Familie erfolgreich miteinander verband.

Nach den fröhlicheren Erinnerungen der Kinder zeigt sich im Verlauf der Graphic Novel schnell, dass auch viele dunkle Stunden zu Marons Leben gehörten. Auf der Durchreise von München nach London gerät die Schauspielerin 1970 in ein Attentat, verliert bei dem Anschlag ein Bein. Doch nur sechs Monate später steht sie wieder auf der Bühne und probt die „Medea“. Diese dunklen Stunden und bahnbrechenden Momente illustriert die Künstlerin Yelin auf beeindruckende Art und Weise, schafft es, den Figuren ihrer aquarellartigen Zeichnungen ästhetisches Leben einzuhauchen.

Ganz anders und dennoch anspruchsvoll geht es im zweiten Teil mit den Zeichnungen von David Polonsky weiter. Hier wird eine Art Timeline geschaffen, die mit Bildern gestaltet ist, die an Plakate oder Filmposter erinnern. Auf der linken Seite erfährt man wichtige Fakten aus Marons Leben, auf der rechten Seite steht das Bild für sich. In den Texten zum Bild wird Marons Leben auch immer mit der politischen Lage der Welt bzw. Israels gleichgesetzt und somit gezeigt, dass Maron nicht nur Schauspielerin und Familienmensch, sondern auch Friedensaktivistin und besonders politisch aktiv war. Die Bilder stehen für sich, es bedarf kaum einer Erklärung.

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Auszug aus „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“, Zeichnung von David Polonsky ©reprodukt

Was nach der Lektüre dieser besonders gestalteten Seiten deutlich wird, ist, wieso die damalige Ausstellung in diesem Buch mündete. Die Leser*innen bleiben mit dem beeindruckenden Gefühl zurück, gerade etwas von einer sehr besonderen Frau erfahren zu haben, die für so viele andere, starke Frauen steht.

“Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Die Schauspielerin Channa Maron” von Barbara Yelin | David Polonsky, reprodukt Verlag, 80 Seiten, farbig, 25 x 20,5 cm, Hardcover, 24 EUR, 2016, Leseprobe Yelin und Polonsly

 

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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

Litaffin. Musikaffin. Theateraffin. Tanzaffin. Medienaffin. Schreibaffin. Fernwehaffin. Zitataffin.
"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
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