Was du nicht siehst

Ein steriler Raum. Kalt, kantig, kahl. Mutter und Kinder spielen ein Spiel. Wer bin ich. „Mama“ steht auf dem Zettel auf ihrer Stirn. Doch sie errät es nicht. Sie kommt einfach nicht darauf. Wer ist sie?

© Stadtkino Filmverleih
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Ich seh, ich seh“ ist der neueste Streifen vom österreichischen Drehbuch-Autorenduo Veronika Franz und Severin Fiala. Bereits 2012 hatten die beiden für den Dokumentarfilm „Kern“ zusammen geschrieben. Diesmal führten sie auch Regie – und es ist alles Fiktion. Von der mehrschichtigen, doppeldeutigen, kopfzermarternden Art. Wie mag sich das anfühlen: Du weißt wer du bist, doch du hast keine Mittel, um deine Identität zu beweisen. Keiner glaubt dir, bis du dir selbst nicht mehr glaubst. Der Schauer, der einem bei dieser Vorstellung über den Rücken läuft, ist derselbe Dauerschauer, den man spürt, während „Ich seh, ich seh“ über die Leinwand flimmert. Wobei flimmern hier nicht passt, viel eher sind sie einfach da, die Bilder, fast wie Standbilder. Es gibt kaum Kontraste, die Farben sind blass, vieles ist düster, nur Umrisse lassen die Handlung erahnen. Jede Einstellung ist wie ein Katalogfoto. Hineingesetzt haben Franz und Fiala drei Protagonisten. Oder zwei.

Fremde Vertraute, vertraute Fremde

Eines Tages kommt die Mutter der Zwillinge nach Hause, ihr Gesicht ist vollkommen bandagiert, nur die Augen schauen zwischen dem weißen Verband hervor. Nach der ersten Wiedersehensfreude kehrt ein zäher Alltag für die circa 10-jährigen Jungen ein. Ihre Mutter braucht Ruhe, muss sich von den Strapazen der OP erholen. Ob sie einen Unfall hatte oder sich freiwillig unter das Messer gelegt hat, bleibt offen. Der Ton wird kühler zwischen ihr und ihren Kindern, sie zieht sich zurück, kann keine Zuneigung zeigen. Das macht die Zwillingsbrüder skeptisch. So kennen sie ihre Mama nicht, die Frau mit der Maske ist ihnen fremd. „Du bist nicht unsere Mama“, sagen sie und fordern: „Wir wollen unsere Mama zurück“. Was nun beginnt, steht in guter alter Horrorfilm-Tradition. Denn der Eindringling muss zur Strecke gebracht werden, finden die Brüder.

Und dann der Bruch. Als die Mutter, gespielt von Susanne Wuest, ihre Bandagen ablegt und in den Augen ihrer Kinder verändert aussieht, legen diese die Krieger-Masken in Form von selbst bemalten Pappen an. Das Motiv der Maske ist ein roter Faden und lässt sich im völlig bildlichen Sinne lesen und deuten. Dass hier eine Mutter ihr Gesicht verloren hat, zeichnet sich immer deutlicher ab. Zwischen ihr und ihren Söhnen klafft ein riesiger Abgrund. Sobald einer seine Maske abnimmt, zieht der andere sie auf. Ein Gegenübertreten von Angesicht zu Angesicht ist nicht mehr möglich. Zu tragisch ist das, was der Familie widerfahren ist. Die Maske, der Verlust des Gesichts – das ist nicht nur Stoff für Filmemacher, sondern reizte auch immer wieder Autoren der Weltliteratur. In Schnitzlers „Traumnovelle“ zum Beispiel steht die Maske für eine Parallelidentität oder gar den Verlust der Identität. Bei einem Ball, an dem das Ehepaar Fridolin und Albertine Masken trägt, enthüllen sich plötzlich verborgene Wünsche. Sie lernen sich neu kennen, werden zu anderen Personen. Stanley Kubrick verarbeitete die Novelle 1999 in seinem Film „Eyes Wide Shut“. Hier verstecken beide Figuren ihr wahres Gesicht. In „Ich seh, ich seh“ ist es ein wechselseitiges Verstecken der echten Identität. Die Masken sind Symbol des Unausgesprochenen, des Tragischen, das zwischen Mutter und Söhnen steht.

© Stadtkino Filmverleih
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Dabei verstärken Fiala und Franz das Spiel mit der Identität, indem sie die Rollen der Brüder mit Zwillingen besetzen (Lukas und Elias Schwarz). Der eine flüstert immerzu, der andere spricht laut, untereinander brauchen sie kaum Worte, um sich zu verstehen – sie bilden eine Einheit, optisch und gedanklich. Dieser doppelten Identität steht allein die Mutter gegenüber, die krampfhaft versucht ihre eigene Identität zu beweisen. Zwillinge funktionieren gut im Psycho-Thriller, sie sind ein Rätsel. Ihre Verbundenheit ist unheimlich und ihr Zwiespalt noch mehr. Sie stehen für ein Spiel mit Identitäten. Sie sehen jeweils durch vier Augen und zerbrechen an jeder Ungleichheit. „Ich seh“ und „Ich seh“, hier sehen die Augen nicht dasselbe. Ein Bruder, der milder über die Fremde im Haus urteilt und neues Vertrauen schöpft, und ein anderer, der ablehnender und skrupelloser agiert. Zwei Täter-Augenpaare treffen auf den verängstigten Blick der Mutter, die in einer scheinbar ausweglosen Opferrolle gefangen ist.

Kopfkarussell der Identitätskrisen

Den ganzen 90 Minuten liegt eine Spannung zugrunde, die von kurzen Horrorsequenzen und scheinbarer Normalität ab und an gebrochen wird. Unterstrichen wird dies von der Kameraführung (Martin Gschlacht). Manchmal macht sie den Zuschauer zum unsichtbaren Beobachter, etwa wenn sie still und heimlich durch die Räume des Hauses schwebt. An anderer Stelle stellt sie sich bewusst gegen das Bedürfnis des Zuschauers. So sieht man die Gesichter der Jungen, wie sie ihrer Mutter das Lied „Guten Abend, gute Nacht“ vorsingen, während diese an das Bett gefesselt ist. Man wünscht sich den Schwenk auf ihr Gesicht. Wie erlebt sie diese Situation? Die Kamera verharrt auf den Jungen. Später sieht man alles aus den Augen der Mutter, verschwommen und angsterfüllt. Mit Dialogen geht die Kamera wieder anders um und verhält sich neutral, indem sie alle in der Szene vorkommenden Personen gleichzeitig zeigt, also einen Schritt zurücktritt und in die Frontale des Raums geht.

Zwillinge, Masken, Identität. Sobald die Thematik klar wird, setzt sich das Kopfkarussell in Gang, auf dem man, hat man einmal Platz genommen, so manche Identitätskrise der Weltliteratur und der Filmklassiker vorbeirauschen sieht. Bei vielen bleibt es der Fetzen, andere drängen sich stärker auf. Einer von ihnen ist Kafkas „Verwandlung“, worin Gregor Samsa unfreiwillig eine fremde Gestalt annimmt, um dann von seiner Familie verstoßen zu werden. Kann das Äußere unser Inneres vollständig verdecken? Und wurde schon erwähnt, dass es in “Ich seh, ich seh“ von Schaben nur so wimmelt?

Ich seh, ich seh (Goodnight Mommy), Regie/Drehbuch: Veronika Franz und Severin Fiala, Kamera: Martin Gschlacht, Sound: Klaus Kellermann, Produktion: Ulrich Seidl Film, Österreich 2014.

Kinostart in Deutschland ist der 2. Juli 2015!

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Eva Schneider

Eva Schneider

1989 in einem wirklich kleinen Dorf am schönen Main geboren, zog es sie gut 20 Jahre später an die ebenfalls ganz nette Lahn, wo Eva 'Deutsche Sprache und Literatur' studierte. In der Zwischenzeit spielte auch der Fluss Guádalquivir eine Rolle in ihrem Leben, bevor es sie Ende 2013 dann an die Spree verschlug. Ja, Eva orientiert sich gern am Wasser und träumt davon, dass aus dem Fluss neben der Haustür irgendwann in der Zukunft einmal ein Meer neben der Haustür wird.
Eva Schneider

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