Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff © Sandra Kućmierczyk

Weihnachten 2017 // Buchempfehlungen der LITAFFIN-Redaktion // Teil 1

Sie ist wieder da, die kuschelige Adventszeit! Die zweite Kerze brennt bereits, es duftet nach Glühwein, frischen Plätzchen und allen möglichen Leckereien. Die perfekte Zeit zum Lesen, oder wenn die Zeit fehlt wenigstens zum Bücherverschenken! Wir geben ein paar Empfehlungen für besondere Bücher, die unter dem Weihnachtsbaum auf jeden Fall was hermachen. 

Angie empfiehlt: Die Märchen der Brüder Grimm – herausgegeben von Noel Daniel im Taschen Verlag, 29,99€.

Die Neuauflage von Grimms Märchen. © Angie Martiens
Die Neuauflage von Grimms Märchen. © Angie Martiens

Darum geht’s:

Das Kulturgut Grimmsche Märchen kennen wir alle – doch gewiss nicht all ihre Erzählungen, umfasste die Große Ausgabe von 1850 schließlich 200 Märchen. Auch unter den 27 Ausgewählten dieser neuen und äußerst hochwertigen Herausgabe finden sich neben bekannten Klassikern einige Seltenere: etwa Der Hase und der Igel oder Die zertanzten Schuhe. Das Besondere liegt hier jedoch vielmehr darin, dass der alte ‚Klassiker für Groß und Klein‘ nun wahrlich einmal zur Freude für die Großen wird: Das Künstlerisch-Gestalterische steht hier im Vordergrund. Für die Illustrationen jedes Märchens wurden andere Künstler*innen gewählt: Holzstiche, Radierungen und Aquarelle treffen auf Scherenschnitte und Öl; klassischer Formalismus und Wiener Secession treffen auf modern graphic design. Neben Biografien zu den Künstler*innen des 19. und 20. Jahrhunderts findet sich in diesem Band auch ein Einleitungsessay zu Grimmschen Märchen im Spiegel der Kunst.

Das perfekte Geschenk für:

Kunstaffine Große mit Leselust – oder mit Kleinen im Märchenalter.

Dazu passt:

Für noch mehr märchenhaften Kitsch mit weniger Heteronormativität, der Kurzfilm In a Heartbeat (dieses Jahr von Esteban Bravo and Beth David am Ringling College of Art and Design produziert).

 

Charlotte empfiehlt: H wie Habicht von Helen Macdonald. Ullstein. 20 Euro

"H wie Habicht" von Helen Macdonald. © Charlotte Steinbock
„H wie Habicht“ von Helen Macdonald. © Charlotte Steinbock

Darum geht’s:

Helen Macdonald arbeitet an der Uni und ist seit vielen Jahren in ihrer Freizeit leidenschaftliche Falknerin. Als ihr Vater sehr plötzlich stirbt, stürzt sie in eine tiefe Krise. Zwei Dinge verfolgen sie und lassen ihr keine Ruhe: Das Eine ist ein Buch von T.H. White aus dem Jahr 1951, in dem er von dem Versuch berichtet, sich völlig aus der Gesellschaft zurückzuziehen, um einen Habicht zu trainieren. Das zweite Bild, das sie heimsucht, ist der Anblick eines Habichtweibchens. Sie beschließt, sich zum ersten Mal in ihrem Leben auf das Trainieren eines Habichts einzulassen, was unter Falknern als äußerst schwierig gilt, da Habichte ihre wilde Natur niemals völlig ablegen. Es beginnt eine Reise in die Einsamkeit, in die Vergangenheit, in jeden Moment der Gegenwart, in der es nichts Wichtigeres gibt als den Vogel. Mabel, der Habicht, der bei der trauernden Frau einzieht, begleitet verschiedene Phasen der Trauer und Verzweiflung und bietet Helen Macdonald eine Möglichkeit zur Flucht, macht ihr aber auch deutlich, dass diese Flucht nur begrenzt möglich ist. Ein wildes und zartes, trauriges und hoffnungsfrohes Buch, das auf verschiedenen Ebenen die Frage beleuchtet, was die Grenze zwischen Mensch und Tier ausmacht und was Menschen suchen, wenn sie sich in eine intensive Tiererfahrung begeben.

Das perfekte Geschenk für:

Liebhaber von Natur, Tieren, Greifvögeln, Wildheit. Aber auch für Menschen, die die Frage umtreibt, wie der Mensch mit extremen Verlusten umgeht. Und für alle, die ein vielschichtiges Buch zu schätzen wissen, das gekonnt verschiedene Genres verschmelzen lässt.

Gemerkt:

„In der Zeit mit Mabel habe ich gelernt, dass man sich menschlicher fühlt, wenn man erst einmal erfahren hat – und sei es auch nur in der Phantasie -, wie es ist, nicht menschlich zu sein. Und ich habe auch die Gefahr kennengelernt, die es birgt, wenn man die Wildheit, die wir mit einer Sache assoziieren, mit der Wildheit verwechseln, die ihr tatsächlich innewohnt.“

Dazu passt:

Ein Spaziergang durch die winterliche Landschaft mit Eddie Vedder im Ohr, um die Bilder nachwirken zu lassen und seinen Gedanken nachzuhängen.

 

Henry empfiehlt: Strategien der Wirtsfindung – von Brigitta Falkner, erschienen bei Matthes und Seitz Berlin, 38 Euro

"Strategien der Wirtsfindung" von Brigitta Falkner. © Henry Riechers
„Strategien der Wirtsfindung“ von Brigitta Falkner. © Henry Riechers

Darum geht’s:

Um nicht weniger als ein Plädoyer auf das Parasitentum, äußerst kunstvoll gestaltet wie poetisch. In den Strategien der Wirtsfindung treffen Lyrik und Zeichnungen (zwischen graphischem Comicstil und Biobuch-Optik) über Schmarotzer aufeinander, die sich in einen anderen lebendigen Organismus einnisten; die sich an ihrem Wirt laben und diesen nicht selten zur Strecke bringen. Angefangen bei unseren liebsten Mitbewohnern, den Milben, treten nach und nach Zecken oder parasitäre Pflanzen auf den Plan. Und selbst wir Menschen stehen beileibe nicht außen vor, auch wenn das dem einen oder der anderen vielleicht lieber wäre: Denn Schmarotzer, das ist ein abfälliges, eklig klingendes Wort. Und ein bisschen eklig ist das Buch halt irgendwie auch, jedoch findet Brigitta Falkner genau darin eine faszinierende, reiche Quelle für ihre Texte und Zeichnungen, die nicht weniger als schön, cool, witzig und naturwissenschaftlich bewandert daherkommen. Genau wie Parasit und Wirt gehen Text und Bild fließend ineinander über und stellen strikte Grenzziehungen zwischen beiden so lange infrage, bis es kein Innen und kein Außen mehr zu geben scheint und sie eins geworden sind. Falkners Parasitenkunde stellt sie, die Schmarotzer, als faszinierende Meister der Mimikry und Camouflage hin, als wahre Verhüllungskünstler und Überlebenskämpfer.

Das perfekte Buch für:

Alle, die gern auch noch mit dem fünften Blick ins selbe Buch immer wieder Neues entdecken, die ein bisschen Ekel auch ein bisschen anziehend finden, die ein Faible für wunderschön gestaltete Bücher der Marke drucktechnisch erste Sahne haben, und für alle, denen du ein richtig intensives Geruchserlebnis von Druckerschwärze gönnst.

Dazu passt:

Eine Schwarzlichtlampe und der Kurzfilm zum Buch, produziert und eingesprochen von der Autorin höchstselbst.

 

Sandra empfiehlt: Die Zweisamkeit der Einzelgänger – von Joachim Meyerhoff, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro

Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff © Sandra Kućmierczyk
Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff © Sandra Kućmierczyk

Darum geht’s:

Ein junger, unerfolgreicher Schauspieler findet seine erste Liebe, dann seine zweite und auch noch seine dritte und versucht nicht nur sein Liebesleben zu koordinieren, sondern seine nicht vorhandene Schauspielkarriere in Bielefeld und Dortmund voranzutreiben…
Locker, leichtfüßig und witzig schreibt Meyerhoff über die kleinen und großen Themen des Lebens, genauer gesagt seines Lebens, die oft nur eine Buchseite voneinander entfernt liegen. Dabei verschont er weder seine Weggefährten noch sich selbst, bleibt aber immer wohlwollend und humorvoll. Er verleiht den Figuren eine Tiefe, so dass man das Gefühl hat, sie selbst persönlich kennen zu lernen und beim Zuklappen der letzten Seite fühlt es sich an, als ob man einen alten Freund verabschiedet.

Das perfekte Buch für:

Für Meyerhoff-Jünger und die, die es endlich werden sollten. Sonst auch gerne für Liebhaber von guter Unterhaltung, die nicht immer plump und deutscher Sprache, die nicht immer langweilig und fantasielos sein muss.

Dazu passt:

Eine Packung Lackritzschnecken und einen anderen Einzelgänger zum gegenseitigen Entschnüren (Anleitung im Buch!).

Charlotte Steinbock
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