Wenn der Lektor zum Ghostwriter wird: Der Fall Raymond Carver/ Gordon Lish

Wie weit darf ein Lektor gehen? Wo enden seine Kompetenzen? Wann sind Veränderungen hilfreich für einen Text, wann verletzten die Lektoratseingriffe die Integrität des Autors? Diese Fragen stellen sich, seitdem bekannt geworden ist, dass Raymond Carvers Lektor Gordon Lish den Minimalismus seiner Short-Stories begründet hat.

What We Talk About When We Talk About Love – So heißt der poetische Titel einer der bekanntesten Shortstory-Sammlungen der Literaturgeschichte. Kein Wunder, dass Haruki Murakami seine literarische Lauf-Autobiographie What I Talk About When I Talk About Running genannt hat. Der Titel ist für zeitgenössische Autoren Programm. Auch John Lanchester nennt sein London-Buch in Anlehnung an den berühmten Carver-Titel What We Talk About When We Talk About the Tube. Doch wer denkt, der Originaltitel sei so typisch Raymond Carver, hat falsch gedacht. Er stammt aus der Feder seines Lektors Gordon Lish. Und auch so einiges anderes an dem Erzählband, den Kritiker nach der Veröffentlichung 1981 für seinen minimalistischen Stil feierten, war nicht Carvers Werk.

Enthüllungen

Lange Zeit herrschten Gerüchte über die Einflussnahme Gordon Lishs auf Carvers Texte. Der Autor selbst hat sich zu Lebzeiten nie dazu geäußert. 1998 veröffentlichte dann der Journalist D.T. Max seine Recherchen in einem Artikel im New York Times Magazine. Darin bestätigte er das drastische Ausmaß des Lektorats, nachdem er einen Einblick in das redigierte Manuskript erhalten konnte, das in der Lilly Library of Indiana University archiviert ist. Von den gravierenden Änderungen Lishs kann sich mittlerweile jeder überzeugen, denn die Originalfassungen wurden unter dem Titel Beginners postum veröffentlicht: 2009 im Londoner Verlag Jonathan Cape und 2012 auch in deutscher Übersetzung beim S. Fischer Verlag.

Die Macht des roten Stiftes

Viele der Geschichten Carvers kürzt Lish um mehr als 50 %, zwei sogar um 78 %. Enden schreibt er meistens komplett um oder zieht sie so weit vor, dass die Erzählungen an einer Stelle abbrechen, die in der Originalfassung noch den Mittelteil darstellt.

In der Geschichte ,,The Bath“ (im Original mit ,,A Small, Good Thing“ betitelt) wacht ein Elternpaar an dem Krankenbett des Sohnes, der seit einem Autounfall an seinem Geburtstag im Koma liegt. Gleichzeitig drangsaliert sie der Bäcker, bei dem sie den Geburtstagskuchen in Auftrag gegeben haben, mit perfiden Anrufen, da er auf seine Bezahlung wartet. Während die Eltern im Original den Tod ihres Sohnes erleben und daraufhin den Bäcker aufgrund seines unsensiblen Verhaltens zur Rede stellen, am Schluss sogar eine Versöhnung zwischen ihnen stattfindet, endet die Fassung Lishs abrupt mit einem der Anrufe. Hier bleibt offen, ob der Sohn überlebt. Die Figur des Bäckers taucht gar nicht mehr auf.

Gordon Lish reduziert Carvers Handlungsführungen auf ein Minimum, streicht dabei ganze Szenen. In ,,Tell the Women We’re Going“ machen zwei Freunde einen Ausflug in die Natur, um aus ihrem familiären Alltag auszubrechen. Dieser mündet darin, dass einer von beiden ein Mädchen verfolgt, vergewaltigt und sie anschließend mit einem Stein erschlägt. Während das Geschehen im Original über mehrere Seiten hinweg minutiös aufgezeigt wird, verknappt Lish es als erzählerische Pointe in drei Sätzen. Die Anzahl der Morde hebt er dabei auf zwei an:

He never knew what Jerry wanted. But it started and ended with a rock. Jerry used the same rock on both girls, first on the girl called Sharon and then on the one that was supposed to be Bill’s.

(Raymond Carver: What We Talk About When We Talk About Love, Alfred A. Knopf: New York 1981, S. 66)

Lautes Schweigen

Lish gibt kaum etwas über die Figuren Cavers preis, streicht beinahe alle nach innen gerichteten Passagen über ihre Gedanken und Gefühle. Der Leser kann sich diese bloß anhand ihrer Handlungen und ihrer knappen, mehrdeutigen Äußerungen zusammenreimen. Ein Schweigen hier und ein Blick dort müssen zur Deutung ausreichen.

Die Intensität von Gefühlen, die Lish durch seinen minimalistischen Stil zwischen den Zeilen erzeugt, ist durchaus bemerkenswert. Das Unausgesprochene schimmert oftmals mit ungeahnter Kraft durch das Erzählte hindurch, Konflikte brodeln spürbar unter der Oberfläche. Mit dem Autor Raymond Carver und dessen Figuren hat das aber wenig zu tun. Klar ist auch, dass durch den sehr lakonischen Stil nicht all das kompensiert werden kann, was durch das Lektorat an textlichem Material wegfällt. Das Personal ist zwar das gleiche, doch Stil und Ton der Geschichten verändern sich in der Fassung Lishs grundlegend. Die Erzählungen wirken wie fragmentarische Ausschnitte aus den Originalen, gleichen eher einer Adaption als einer veröffentlichungsbedingten Verbesserung.

Auch Carver setzt gelegentlich auf Andeutungen und auf die Sprachlosigkeit seiner Figuren, zeigt jedoch größere Zusammenhänge auf und erzählt viel detaillierter. Lish dagegen eliminiert jedes Wort, das er als unnötigen Ballast ansieht, und extrahiert bloß Grundinformationen aus dem Original. Besonders deutlich wird das an dem nüchternen Satz ,,We located the lounge, got drinks, lit cigarettes“ (Carver, What We Talk About …, S. 38), vergleicht man ihn mit der Originalpassage:

We located the lounge and I waved him into a booth while I went over to the bar. My mouth was dry and I asked for a glass of orange juice while I waited. I looked over at my father; his hands were clapsed together on the table and he gazed out the tinted window that overlooked the field. A large plane was taking passengers and another was landing farther out. A woman in her late thirties, red hair, wearing a white knit suit, was sitting between two well-dressed younger men a few stools down. One of the men was close to her ear, telling her something. “Here we are, Dad. Cheers.” He nodded and we each took a long drink and then lighted cigarettes.

(Raymond Carver: Beginners, Jonathan Cape: London 2009, S. 39)

Autor vs. Lektor

Doch lässt ein Autor das mit sich und seinem Text machen? Muss ein Autor, dessen Text so beschnitten wird, solche Veränderungen nicht zwangsläufig als Kränkung empfinden? Carver ist nicht gekränkt, als er die gekürzten Geschichten liest. Er betrachtet seinen Lektor nach wie vor als Genie, seine Änderungen oftmals als Verbesserungen. Dennoch weigert er sich zunächst gegen eine Veröffentlichung. Wenn er auch ein schlechtes Gewissen darüber hat, seinen Freund und Mentor zu verraten, indem er die Herausgabe stoppt, fürchtet Carver um seine Gesundheit, falls die Geschichten in der gekürzten Version erscheinen sollten:

[…] ich habe das Gefühl, wenn das Buch in seiner derzeitigen, bearbeiteten Form veröffentlicht wird, werde ich vielleicht nie wieder eine Geschichte schreiben, so wichtig sind einige dieser Geschichten für mein körperliches und seelisches Wohlbefinden … […] wenn ich irgendwie das Gefühl habe, dass ich zu viele Zugeständnisse gemacht habe, dass ich womöglich zu weit vom Weg abgewichen bin, dann kann ich mir selbst nicht mehr in die Augen schauen […].

(Raymond Carver: Beginners. Uncut – Die Originalfassung, S. Fischer Verlag: Frankfurt a.M. 2012, S. 350f.)

Raymond Carver gab seinem Lektor schließlich nach. Der Band ging in der stark beschnittenen Version in Druck. Welche Version als sprachlich stärker erachtet wird, hängt vom Geschmack des jeweiligen Lesers ab.  Letztlich handelt es sich um völlig unterschiedliche Texte mit konträren Stilrichtungen, die kaum vergleichbar sind. Die Koexistenz von What We Talk About When We Talk About Love und Beginners legt ein seltenes Beispiel für die Dokumentation der Arbeit eines Lektors ab, die prinzipiell unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Das Lektorat Gordon Lishs stellt dabei jedoch einen Extremfall dar. Er schießt weit über das Ziel hinaus und verändert Carvers Kurzgeschichten nicht in seiner Funktion als Lektor, sondern als Autor, dem Carver den Rohstoff liefert.

Dieser Artikel ist im Kontext einer Masterarbeit entstanden, die folgenden Titel trägt: ,,Wenn der Lektor zum Ghostwriter wird: Raymond Carvers What We Talk About When We Talk About Love und die unlektorierte Originalfassung Beginners im Vergleich.“

 

Literatur:

Raymond Carver: What We Talk About When We Talk About Love, Alfred A. Knopf: New York 1981.

Raymond Carver: Beginners. The Original Version of What We Talk About When We Talk About Love, Text established by William L. Stull and Maureen P. Carroll, Jonathan Cape: London 2009.

Raymond Carver: Beginners. Uncut – Die Originalfassung, aus dem Amerikanischen von Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié und Antje Rávic Strubel, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2012.

 

 

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Irina Bester

1987 in Berkeley geboren, kommt aus Köln. Sie studierte Komparatistik und Politik in Bonn und anschließend den Master "Angewandte Literaturwissenschaft" in Berlin. Seit Juni macht sie ein Volontariat im Lektorat bei Palmedia Publishing Services.