Wie? Die liest jetzt einfach nur?

Die Lyrikerin, Rapperin und nun auch Romandebütantin Kate Tempest präsentiert im ausverkauften Lido ihren Roman Worauf du dich verlassen kannst. Als sie die Bühne betritt, klärt sie direkt auf: „Ich weiß nicht, was ihr hier alle macht! Wenn ihr eine Show erwartet — das wird nicht passieren!“ Aber genau das passierte dann irgendwie doch.

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Angekündigt war der Abend als Lesung mit der österreichischen Pop-Sängerin Sophie Hunger als Gast. In der Schlange vor dem ausverkauften Lido gab es große Spekulationen, was eigentlich genau auf der Bühne passieren wird. Wird Kate rappen? Wird Sophie singen? Die werden ja wohl nun nicht einfach nur lesen! Oder doch? Der Ort und auch der Kartenpreis waren immerhin nicht so recht Lesungs-typisch. Aber als man dann die Bühne sah mit den drei dicken, grünen Sesseln, verpuffte jede Hoffnung auf einen Konzert-Lesungs-Mix.

Ich habe vor der Lesung erst einen kurzen Blick ins Buch geschafft und muss sagen, dass ich enttäuscht war. Ich kam nicht recht in die Geschichte und habe auch den Wortwitz vermisst. Nun konnte ich noch nicht einschätzen, ob das an der deutschen Übersetzung lag, oder am Roman selbst. Ich hoffte auf ersteres. Sophie Hunger las zum Einstieg eine längere Passage über das erste Aufeinandertreffen der Figuren Harry und Becky. Sie liest ruhig und leise, so wie ich meine Stimme auch beim Lesen im Kopf höre. Kate Tempest sitzt währenddessen mit eingefallenen Schultern tief in ihrem Sessel. Klar — sie versteht auch kein Wort, aber ihre geknickte Körperhaltung spiegelt leider die Stimmung im schönen Konzertsaal. Als sie dann nach einer gefühlten Ewigkeit einen Teil ihres Textes vorträgt, wird sofort klar, welchen Fehler Sophie und ich beim Lesen gemacht haben. Sie erhebt sich aus ihrem Sessel, nimmt ihr Mikrophon in die Hand und trägt die Einleitung vor. Die Schnelligkeit und Melodie ihrer Stimme macht den Text lebendig und die Bilderflut, die mich in gedruckter Version eher abgeschreckt hat, wird plötzlich zum Film vorm inneren Auge.

Jetzt verstehe ich erst die Intention. Die lyrische Einleitung geht ganz organisch in die Erzählung über, sinnbildlich für das bisherige Werk von Kate Tempest. Dem Lido-Publikum erklärt sie, dass der Roman für sie ein Endpunkt ist für eine Geschichte, die sie schon vorher in Gedichten und ihrem Album „Everybody Down“ begonnen hat, zu erzählen. Die Figuren werden zum Beispiel schon im Song „Lonely Daze“ vorgestellt. In den Texten von Album, Gedichten und Buch finden sich nicht nur dieselben Figuren, sondern auch die gleichen Themen: das Leben in London zwischen Nebenjobs, Drogen und der Suche nach dem großen Glück.

Als ich nach der Lesung wieder das Buch in die Hand nehme, hat sich die Stimme in meinem Kopf  verändert. Sie hat Fahrt aufgenommen, ist sicher noch nicht ganz auf Kate Tempest-Niveau, aber so funktioniert der Text  gleich viel besser. Auch in der deutschen Übersetzung.

Kate Tempest
Worauf du dich verlassen kannst
Rowohlt Taschenbuch Verlag / 2016
400 Seiten

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Liv Thamsen

Liv Thamsen

Nordfriesin, Mainzer Studentin, Hamburgerin, Kurzzeitberlinerin. Kann lesen und hat neuerdings auch das Schreiben darüber für sich entdeckt. Filmisches mag sie auch - sowohl ansehen als auch machen.
Liv Thamsen

Ein Gedanke zu „Wie? Die liest jetzt einfach nur?

  • 18. Juni 2016 um 11:15
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    Danke für deinen Artikel. Ich quäle mich gerade eher durch das Buch (auch die deutsche Fassung) und dein Artikel und das Video verändern nun auch hoffentlich meine Wahrnehmung. Schön, dass ich noch rechtzeitig darauf hingewiesen wurde.

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