Stiller Aufschrei: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Margarete Stokowski hat ein Sachbuch geschrieben, über das ich nicht anders als persönlich rezensieren kann. Während ich ihr Buch las, hat so vieles, das sie aufdeckt und erzählt (etwa Bodyshaming, Sexismus, Ungleichberechtigung), in Teilen neben mir stattgefunden. Ein Bericht vom Buch- und Leseerleben.

„Das hab ich gefickt“, sagt der kleine Junge neben mir, der auf seinem GameBOY (danke, Frau Stokowski, über diese Namensgebung hatte ich noch nie nachgedacht) irgendein Spiel mit seinem Freund zockt. Die beiden sehen aus, als steckten ihnen die Eierschalen noch hinter den Ohren. Ich glaube, deswegen trifft mich ihre vulgäre Sprache auch so unvermittelt. Woher kommt die? Und warum verbinden sie Wörter wie „ficken“ mit spielen? Ich versteh es nicht. Und vielleicht gerade deswegen, weil ich dabei bin, mich untenrum zu befreien, zumindest gedanklich in Stokowskis Sachbuch, irritieren die beiden mich so sehr.

In „Untenrum frei“, das bei Rowohlt erschienen ist, verknüpft die Autorin in sieben Kapiteln fiktive und private, teils sehr intime Erfahrungen mit wissenschaftlichen Theorien und Aufsätzen, wie unter anderem denen von Chimamanda Ngozi AdichieJudith Butler und Nina Power. Stokowskis Text hat mich von Seite eins an in Beschlag genommen, weil er Fragen aufgeworfen hat, die schon immer in mir waren, die ich aber nie formulieren konnte. Ihre Gedankengänge haben mich tagelang begleitet. Die Autorin deckt darin genauso direkt wie unvermittelt und so wütend wie einfühlsam auf, welche Strukturen und Gedankenkonstrukte heutzutage, im 21. Jahrhundert, täglich in unserer Gesellschaft stattfinden. Die ich um mich rum erlebte. Prozesse und Strukturen, die nicht dazu beitragen, Menschen aufzuklären oder freier in ihrem Denken werden zu lassen.

Stokowski
Margarete Stokowski – Untenrum frei

Bravo. & Co – geht’s eigentlich noch?

Da wäre das Beispiel von Bravo, Glamour, InStyle und anderen Zeitschriften. Auch ich habe noch alte Exemplare in verstaubten Kartons liegen. Stokowski vergleicht neue und alte Ausgaben und zeigt, wie drastisch die Tipps und Tricks sind, die etwa die Bravo jungen Mädchen präsentiert und wie sie diese gleichzeitig manipuliert. Ein besonders anschauliches Beispiel, das Stokowski anführt, ist eine Bravo.de-Serie aus dem Jahr 2015 mit 100 Flirttipps für Mädchen. Dabei führte Bravo.de auf, dass Mädchen besonders verführerisch seien, wenn sie sich jeden Tag anders schminkten, tollpatschig in Jungs reinliefen und sie dann mit Hundeaugen leicht von unten anschauten. Nach heftiger Kritik wurden diese Tipps von der Bravo gelöscht. Zurecht. Denn was sie dort gemacht haben, ist nicht nur ein rückständiges Bild von Frauen zu demonstrieren, nein, es ist viel mehr ein Aufzeigen ihrer eigenen Rückständigkeit.

Wie kann ein Medium, das früher dafür bekannt war, besonders aufklärerisch zu sein und Sexualität offen zugänglich zu machen und von so vielen Jugendlichen auch heute noch konsumiert wird, seinen pädagogischen Auftrag, der damit offensichtlich einhergeht, so verfehlen? Wenn wir heute in die Seiten von diversen Magazinen reinschauen, in denen Frauen immer nur verglichen werden, sich immer optimieren sollen (Abnehmtipps, Styling-Tipps, Flirt-Tipps) und von diesen Zeitschriften etwa 200.000 bis 330.000 monatlich verkauft werden (Stand: erstes Quartal 2016) dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir uns immer noch an einem Punkt befinden, an dem so viele Frauen sich selbst nicht wertschätzen und andere Menschen nur nach ihrem Äußeren beurteilen.

Ich wünschte, man würde aus solchen Zeitschriften lernen, dass es so etwas wie richtige vs. schlechte Sexualität nicht gibt (ausgenommen alle Formen von Gewalt) – es gibt nur Zufriedensein oder Nichtzufriedensein.

In was für einer Welt wollen wir leben?

Das fällt mir besonders auf, wenn ich mich in meiner Umgebung umschaue. Ich befinde mich in Düsseldorf. Und obwohl ich es dort mag, komme ich nicht drumherum zu sagen, dass, obwohl ich es immer so vehement bestreite, es eine Stadt der Oberflächlichkeiten ist. Ich liege am See. Ich fühle mich unwohl. Ich will mich nicht unwohl fühlen, also lese ich. Untenrum frei, mach dich untenrum frei. Ich beobachte Menschen. Ein Mann der auf der Bank liegt und stark übergewichtig ist, schnarcht so laut, dass alle sich umdrehen und lachen. Vermutlich nicht über sein Schnarchen. Junge Mädchen rennen hinter einer Gruppe Jungs her, die eine raunt ihrer Freundin zu „Bah ey, schau mal wie der von hinten wackelt, wenn er geht.“ Ich luke über den Buchrand hinweg, ich sehe nichts und niemanden, der wackelt. Ich frage mich, wie die Welt wohl durch die Augen dieser Gruppe aussieht. Dann widme ich mich wieder Stokowskis Essays. Auch wenn sie ernste Themen behandelt, schreibt die Autorin sehr literarisch und vor allem humorvoll. Beispielsweise wenn es sich um den Begriff des Feminismus dreht.

Als ob es nur um Frauen geht. Entschuldigung, aber geht es bei der „Anti-Atom-Bewegung“ nur um Atome oder „gegen Atome“? Macht auch nur ein Mensch auf der Welt bei der Anti-Atom-Bewegung nicht mit, weil der Name die Sache nicht richtig darstellt? […] Eben.

Ich könnte auf noch so viele verschiedene Aspekte eingehen, aber das würde nur zu einem epischen Blog-Beitrag führen, denn sie sind alle gleich relevant. Einer ist mir jedoch sehr wichtig, weil er mich an den Mann erinnert, der mir auf offener Straße nachts, als ich alleine war, an den Po grabschte und ich hilflos und sprachlos zurück blieb. Oder an andere Übergriffe, die viele meiner Freundinnen schon erlebten.

Stokowski erzählt im Kapitel „Untenrum und Überbau“ von einer sehr unangenehmen Begegnung mit einem Mann, der sie auf dem Nachhauseweg nach dem Feiern belästigt. Er hält sie fest, fasst sie an, nötigt sie. Zum Glück kommt ein Taxi vorbei und sie kann sich dem Mann entreißen. Erst als sie zu Hause ankommt, merkt sie, was da gerade mit ihr geschehen ist. Sie gibt eine Online-Anzeige auf und als sie auch eine Woche später noch nichts hört und sich informiert, bekommt sie die ernüchternde Antwort, dass sie in der Bundeshauptstadt lebe und es dauern könnte.

Über zwei Monate später bekomme ich einen Brief: „Betrifft: Ihre Anzeige wegen Beleidigung. Der Täter wurde leider nicht ermittelt, das Verfahren wurde eingestellt.“ Ich wusste bis dahin nicht, dass ein Übergriff dieser Art tatsächlich juristisch gesehen nur eine Beleidigung ist, und fühle mich verarscht.

Verständlicherweise. Denn scheinbar werden solche Attacken nicht ernst genug genommen.
Egal, worum es geht: Ob um den Begriff Feminismus, den aktiven Umgang mit Sprache, um normative Gesellschaftsstrukturen, Erziehung und Aufklärung von Kindern oder darum, sexuelle Übergriffe im Alltag zu verhindern: Dieses Buch ist vielseitig und ein stiller Aufschrei, der es wert ist, gehört und vor allem gelesen zu werden. Letztlich ist es ein Sachbuch über Feminismus, aber wie die Autorin selbst in ihrem Vorwort festhält:

Trotzdem lege ich persönlich wenig Wert darauf, dass irgendjemand sich zum Wort Feminismus bekennt. Am Ende geht es darum, wie wir handeln und miteinander umgehen, und nicht darum, welches Etikett wir uns geben.

Mein dringender Rat: Lest das! Und ihre Kolumnen, die wöchentlich bei Spiegel Online erscheinen. Ich fühle mich etwas befreiter. Oben- sowie untenrum.

By the way: Margarete Stokowksi, die auch bei der letzten HAM.LIT zu Gast war, wird in diesem Jahr neben anderen tollen Autor*innen, wie etwa Anja Kampmann auf dem Prosanova 17 lesen. Ein Grund mehr, dieses wunderbare Festival zu besuchen!

Margarete Stokowski, Untenrum frei, 19.95€, Rowohlt Verlag 2016

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Ann-Kathrin Canjé

Ann-Kathrin Canjé

Litaffin. Musikaffin. Theateraffin. Tanzaffin. Medienaffin. Schreibaffin. Fernwehaffin. Zitataffin.
"Ich habe manchmal Heimweh, ich weiß nur nicht, wonach" -Mascha Kaléko
Ann-Kathrin Canjé

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